Kampf den Mücken

+
Die neunjährige Mila ist bei Onkel und Tante in Grabenstätt zu Besuch. Die hatten ihr versprochen, ein Baumhaus zu bauen. Daraus wird jetzt nichts - wegen der vielen Mücken, klagt das Ferienkind auf seinem Stanzenbild.

Grabenstätt - "Vielleicht sollten wir die Autobahn sperren." Der Vorschlag eines Grabenstätter Gemeinderats war zwar nicht ganz ernst gemeint, aber er lässt ahnen, wie tief der Stachel der Enttäuschung sitzt.

Neben den Nachbarn in übersee leiden vor allem die Grabenstätter wie noch nie unter einer Mückenplage. Jetzt soll Druck gemacht werden. Und die Zerstochenen bekommen Hilfe.

Während auf der Westseite des Chiemsees die Welt halbwegs in Ordnung ist, gehen die Menschen am Ostufer kaum noch aus dem Haus - und die Touristen ergreifen die Flucht. Die Bekämpfung der neuesten Larvengeneration mit dem Protein Bti ("Bacillus thuringiensis israelensis") durch den Abwasser- und Umweltverband (AZV) Chiemsee vor einigen Wochen war zwar nach Angaben von Geschäftsführer Thomas Weimann ein Erfolg - aber eben nur dort, wo das Mittel eingesetzt werden darf.

So schön kann‘s am Chiemsee sein

Schöner Chiemsee

Das Naturschutzgebiet rund um das Mündungsdelta der Tiroler Ache zwischen Grabenstätt und übersee ist tabu. Die dortigen überschwemmungsgebiete sind aber ideale Brutstätten für die Plagegeister, die sich heuer dank feucht-warmer Witterung fast explosionsartig vermehrt haben.

Im Kindergarten trauen sich die Mädchen und Buben auch bei Hitze nicht mehr in den Garten (ein Gemeinderat berichtete in der jüngsten Sitzung von einem Kind mit über 50 Stichen), auf dem Campingplatz ist der Umsatz um die Hälfte eingebrochen und die Stühle in den Biergärten bleiben leer - die Stechmücken legen das Dorfleben lahm.

Aber nur auf den ersten Blick, denn nicht nur hinter den Mauern des Rathauses formiert sich eine Protestwelle. Der Verkehrsverein sammelt seit einigen Tagen ebenso Unterschriften wie eine engagierte Bürgerin, die eine Petition im bayerischen Landtag einbringen will. In der Schule schrieb gestern jedes Kind einen Brief an Umweltminister Markus Söder.

Dem ist das Problem nicht neu. Landtagsabgeordneter Klaus Steiner ("Das ist nicht mehr tragbar, die Leute drehen durch") hat bereits mit seinem CSU-Parteikollegen gesprochen und mit dessen Staatssekretärin. Steiner will die Landespolitik so schnell wie möglich an den Chiemsee holen. Seine Forderungen, die er im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung untermauerte: Bti muss unbedingt auch im Naturschutzgebiet eingesetzt werden dürfen (nicht in der Kernzone), das Mittel muss bei Bedarf auch öfter ausgebracht werden dürfen (bisher darf der AZV nur einmal im Jahr aktiv werden und hatte heuer deshalb Ende April auf einen Einsatz verzichtet) und die Zeitpunkte müssen vor Ort festgelegt werden dürfen, wo die Situation besser eingeschätzt werden kann. Zurzeit gelten eine Mindestzahl von Larven in Wasserproben und ein Pegelstand von 1,16 Metern an der Messstelle Seebruck als Bedingungen.

ähnlich lautet auch der Antrag, den die CSU-Fraktion in der jüngsten Gemeinderatssitzung in übersee gestellt hat und der in der nächsten Sitzung behandelt werden wird.

Auch die Seebrucker denken um. Der dortige Gemeinderat hat über Jahre freiwillig auf die Beteiligung an der Bti-Aktion verzichtet, weil das Mittel ohnehin nicht im ganzen Gemeindegebiet ausgebracht werden dürfte. In der jüngsten Sitzung deutete sich vor dem Eindruck zahlreicher Beschwerden eine Kehrtwende an. "Die Mücken fressen uns auf", hatte zum Beispiel der Truchtlachinger Verkehrsvereinsvorsitzende Matthias Untermayer geschrieben - und diese Formulierung vielleicht auch bildhaft für den Umstand gewählt, dass die leidgeplagten Urlauber dieses Sommers für alle Zukunft einen Bogen um den Chiemsee machen werden.

Auch der AZV will die neue Initiative unterstützen. Am Montag soll in nichtöffentlicher Sitzung beraten werden, was getan werden kann. Dass sich der Verband mit Grabenstätt und übersee solidarisch zeigen wird, steht für Vorsitzenden Josef Mayer außer Frage. Und auch Geschäftsführer Weimann differenziert genau zwischen dem Erfolg der Bti-Aktion, wo sie durchgeführt werden durfte, und der "Plage" in Grabenstätt und übersee. Kurz nach der Bekämpfung waren dort in einer Nacht über 500 Stechmücken in eine Falle geflogen.

Weil nach den ergiebigen Regenfällen der letzten Wochen und Monate außergewöhnlich viele Wiesen unter Wasser standen, kam die Aktion den AZV teurer als geplant. Das Einsatzgebiet erstreckte sich laut Weimann auf 370 Hektar. 92000 Euro müssen die AZV-Gemeinden dafür berappen.

Aus München drangen bereits erste vorsichtige Signale ans Bayerische Meer, dass man Einheimischen und Urlaubern helfen wolle. Aber die Erlaubnis für Bti-Einsätze ist an das Bayerische Naturschutzgesetz geknüpft und am Verfahren muss eine ganze Reihe von Naturschutzverbänden beteiligt werden. Nach Informationen der Chiemgau-Zeitung hatten bei einem Vorstoß vor einigen Jahren vier von zehn dieser Interessensvertretungen ihre Zustimmung zur Lockerung der Auflagen verweigert.

Eines der Gegenargumente: Die Mücken sind ein Hauptnahrungsmittel für manche Vogelarten. "Aber die Vögel sind letztes Jahr auch nicht verhungert", hält Grabenstätts Bürgermeister Georg Schützinger entgegen. 2008 war die Mückenplage ausgeblieben und auch kein Bti-Einsatz nötig geworden. Der Grabenstätter Gemeinderat will sich jetzt auch rechtlich beraten lassen, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Denn das Gremium wundert sich zum Beispiel darüber, dass die Firma "Icybac", die die Bti-Einsätze durchführt, dies am Oberrhein seit vielen Jahren auch in einem Naturschutzgebiet darf.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

Lesen Sie auch:

Mücken-Alarm am Bayerischen Meer

Zzzzzz - Die besten Tipps gegen die Mückenplage!

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser