Nach Streichholz-Abzocke die zündende Idee

Zahlt es Zündholz-Abzockern mit Kreativität heim: Elisabeth Sailer.

Bad Endorf - Elisabeth Sailer  war vor Jahren um Geld betrogen worden und saß zusätzlich auf 60.000 Schachteln Streichhölzern. Jetzt hatte sie eine Idee: Aus Zündhölzern mach Geschenke.

Lesen Sie hier den Originalartikel aus dem Oberbayerischen Volksblatt:

Ein Netzwerk gegen Abzocke

Es ist kaum zu glauben: Fünf Jahre, nachdem unsere Zeitung die Tricks der "Zündholz-Abzocker" aufgedeckt und für eine Wende in zahlreichen Gerichtsverfahren gesorgt hat, ziehen die schwarzen Schafe der Branche weiterhin ahnungslose Kleingewerbetreibende über den Tisch. Aber Elisabeth Sailer, ehemaliges "Zündholz-Opfer" aus Bad Endorf, dreht den Spieß um und macht den Gaunern das Leben schwer.

Mal schnell zur besten Verkaufszeit in den Metzgerladen, den Kosmetiksalon oder ins Café geplatzt und den gestressten Betreibern Millionen Zündhölzer für viel Geld angedreht: So funktionierte jahrzehntelang die Abzocke mit den Werbe-Streichholzverträgen. Tausende Opfer tappten in die Falle und unterschrieben, weil sie auf das gesprochene Wort des Zündholz-Vertreters vertrauten und nicht aufs Kleingedruckte schauten - bis sich Elisabeth Sailer an unsere Zeitung wandte.

60.000 Schachteln für 16.000 Euro hatte ihr der Verkäufer J. Ende 2005 angedreht - für die selbstständige Frau eine finanzielle Katastrophe, besiegelt durch eine Vertragsunterschrift, die bei Kleingewerbetreibenden bindend ist. Ein 14-tägiges Rücktrittsrecht haben nämlich nur Privatpersonen.

Wie unsere Zeitung herausfand, hatten die zweifelhaften Verkaufspraktiken von Vertretern wie J. eine wahre Prozesslawine ausgelöst, die ganz Deutschland überrollte. Viele Kleinunternehmer, die ihre Unterschrift unter die Zündholz-Verträge gesetzt hatten, fühlten sich ausgetrickst, getäuscht und betrogen.

Doch zahlen mussten sie trotzdem. "Vertrag ist Vertrag", so der Standpunkt der Richter in den vielen Zivilverfahren. Wie es zur Unterschrift kam, ob im Vorfeld gelogen oder Druck ausgeübt wurde, wichtige Details verschwiegen, die Verträge verwirrend gestaltet, Gesamtstückzahl und Gesamtpreis nie genannt wurden - all das spielte vor Gericht keine Rolle.

Erst als unsere Zeitung aufzeigte, dass System hinter der Zündholz-Abzocke steckt, kam es zu einer Wende. So musste eine Bäckerei aus dem Kreis Rosenheim die bestellten 100.000 Streichholzschachteln nicht zahlen. Vertreter H. blitzte mit seinen Forderungen am Landgericht Freiburg ebenso ab wie bei einem weiteren Verfahren in Altötting, wo das Amtsgericht in einem vergleichbaren Fall von "arglistiger Täuschung" sprach.

Vertreter J. (55), der Sailer 16.000 Euro abgenommen hatte, wurde vom Traunsteiner Landgericht sogar wegen Betrugs zu 1800 Euro Geldstrafe verurteilt. Sailer trat im Prozess als Überraschungszeugin auf. J. hatte der Betreiberin eines Näh- und Bügelservices im Raum Wasserburg erklärt, sie könne statt der vertraglich festgesetzten 20.000 Schachteln für 3900 Euro ("bloß eine Option") auch nur 5000 Stück für viel weniger Geld bestellen.

Doch diese Urteile lassen Verkäufer, die nur Masse verkaufen wollen, um fette Provisionen zu kassieren, unbeeindruckt. "Die Verkaufsmasche wird weiter betrieben - von den selben Firmen und auch in anderen Geschäftsfeldern", bedauert Elisabeth Sailer, die drauf und dran ist, ein bundesweites Netzwerk gegen die Abzocker auf die Beine zu stellen.

Die Gesetze, die in den Augen Sailers "zum Teil massiv unternehmerschädigende Geschäftspraktiken" zulassen, wurden nicht geändert. "Also müssen wir uns selbst helfen", folgert die Bad Endorferin: "Und zwar mit einem solidarischen Unternehmerverein." Die Ziele: Durch Vernetzung und Aufklärung Abzocke verhindern, Betroffene bei Prozessen unterstützen und entlasten, indem man den Millionen Schachteln, die niemand will, ein neues Etikett verpasst und sie als "Fairum"-Artikel sinnstiftend wieder auf den Markt bringt.

"Fairum" steht für "umdesignte Betroffenenware" - eine Geschäftsidee Sailers, die nicht nur die Schachtelberge in Kellern und Speichern abbaut, sondern auch Arbeit für Menschen mit Behinderungen schafft: Die Bestände werden in den Rosenheimer Wendelstein-Werkstätten zu "zündenden" Geschenkartikeln verwandelt.

Und für Nachschub ist gesorgt. Birgit H., Betreiberin einer Gaststätte in Brandenburg, wurde vor wenigen Wochen derart bedrängt, dass auch sie unterschrieb. "Mir war schlecht, so penetrant aufdringlich war der Mann. Ich wollte ihn nur noch draußen haben." Bestellt hat die Wirtin aber nicht 300 Schachteln, wie sie dachte, sondern 20.000. Die Zündholzfirma, für die auch der rechtskräftig als Betrüger verurteilte J. arbeitet, droht bereits mit einem Gerichtsverfahren, falls die Wirtin nicht sofort 1700 Euro überweist.

Ob Stephan L. aus Burgheim (Kreis Neuburg) weiter unangenehme Post erhält, ist noch offen. "Eigentlich wollte ich gar nix bestellen", sagt er. Aber dann schaffte es J., auch ihm 20 000 Schachteln anzudrehen, die für seinen Holzenergiehof werben sollten. Das war allerdings noch vor der Verurteilung von J. - deshalb musste Stephan L. die erste Teillieferung - 5000 Stück - bezahlen. Ob die Firma noch das Geld für die weiteren 15.000 Schachteln haben will? Opfer der Abzocke wie Sailer oder eine Gastwirtin in Gstadt, die auf 20.000 Kordeltaschen sitzt (bestellen wollte sie nur 2000), würde das nicht wundern.

Betroffene und Interessenten, die mehr über die Abzocke erfahren wollen, sind am Samstag beim "1. Zündhölzel-Fest" in Bad Endorf richtig. Nähere Infos gibt es bei Elisabeth Sailer unter Telefon 0 80 53 / 799 550.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

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