Im Notfall sofort Arzt an der Strippe

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Einer von neun Medizinern des Ärztenetzes Chiemgau Süd ist Dr. Thomas Ruhl aus Bergen, hier auf dem Weg zum nächsten ärztlichen Notfall.

Chiemgau (CH-Z) - Eine 88-Jährige, die allein in Übersee lebt, rief in der Nacht ihre Tochter an, klagte über entsetzliche Bauchschmerzen. Noch ehe die Tochter losfuhr, wählte die Rentnerin die Telefonnummer 0160 / 96707070.

Chiemgau - Sie wusste aufgrund früherer Notfälle, wo sie mitten in der Nacht sofort kompetente ärztliche Hilfe bekommen konnte. Wenige Minuten nach der Tochter traf Dr. Maximilian Attenberger aus Grabenstätt ein. Er teilte den Verdacht auf einen Darmverschluss. BRK-Rettungssanitäter brachten die 88-Jährige mit dem Rettungswagen ins Klinikum Traunstein.

Dr. Attenberger ist einer von neun Humanmedizinern, die sich im "Ärztenetz Chiemgau Süd" zusammen geschlossen haben - einer bayernweit einmaligen Organisationsform des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Das Besondere daran: Wer 0160 / 96707070 wählt, hat, ganz unerwartet, sofort einen Arzt an der Strippe.

Normalerweise landet jemand, der an Samstagen, Sonn- und Feiertagen sowie zu Nachtzeiten ärztliche Hilfe benötigt und die in Bayern einheitliche Notrufnummer 01805 / 191212 wählt, bei der zentralen Vermittlungsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung in Nürnberg. Die Notrufe bearbeitet in der Regel zwar medizinisch geschultes Personal, zumeist Arzthelferinnen. Einen Arzt oder Notarzt bekommt der Anrufer aber nicht zu sprechen.

Die Informationen der Hilfesuchenden werden stattdessen weitergeleitet an einen diensthabenden Arzt in dem betreffenden Bereich, der sich dann auf den Weg macht. Dabei ist, abgesehen vom Zeitverlust durch den "Umweg" über die Zentrale, oft die Anfahrt eines Arztes nicht erforderlich.

Das weiß Dr. Thomas Ruhl aus Bergen aus eigener Erfahrung. Zusammen mit den Doctores Maximilian Attenberger, Thomas Brandhuber, Holger Hübner, Martin Metz, Christiane Reschberger, Sabine von Silva-Tarouca, Sabine Veitinger und Giselher Wurmbs teilt er sich seit sechs Jahren freiwillig die Arbeit des "Ärztenetzes Chiemgau Süd". Sie betreuen das Gebiet zwischen Übersee im Westen, Adelholzen im Osten, im Norden bis kurz vor Traunstein und im Süden bis Mietenkam sowie bis hinauf zum Hochfelln-Gipfel und sind für rund 10.000 Einwohner plus eine große Zahl von Gästen zuständig.

Die Ärzte und Fachärzte haben ihre Praxen in Bergen, Grabenstätt, Übersee und Vachendorf. Zusätzlich versehen sie abwechselnd eine Woche Bereitschaftsdienst rund um die Uhr - von Montag, 8 Uhr, bis zum darauf folgenden Montag um 8 Uhr. In dieser Zeit haben sie das gemeinsame Handy mit der Nummer 0160 / 96707070 stets bei sich. Die neun Mediziner sind gleichberechtigt, kümmern sich selbst um Buchhaltung und Dienstplan.

"Eine ganze Woche durchgehend Dienst - das hört sich auf den ersten Blick fast unvorstellbar an. Die meisten Anrufe erfolgen jedoch an Samstagen, Sonn- und Feiertagen, am Mittwochnachmittag und nachts, wenn die Allgemeinärzte nicht greifbar sind", gab Dr. Ruhl Auskunft. Pro Woche träfen zwischen 50 und 100 Anrufe auf dem Handy ein nicht nur von privaten Hilfesuchenden. Die kassenärztliche Vermittlungsstelle greife ebenso auf das "Ärztenetz Chiemgau Süd" zurück wie die Rettungsleitstelle in Traunstein, die Polizei und andere wie Autobahnraststätten. Durchschnittlich 20 Besuche bei Patienten seien wöchentlich erforderlich. Im Jahresverlauf seien die Zahlen sehr unterschiedlich, könnten sich in Urlaubszeiten leicht verdoppeln, etwa wegen der aktuell sehr häufigen Zeckenbisse oder der Angst vor der sogenannten Schweinegrippe.

Geht es um Leben oder Tod, etwa bei Verkehrsunfällen, ist die Notrufnummer 112 immer die gebotene Alternative. Der kassenärztliche Notdienst hingegen vermittelt Hilfe in nicht akut lebensbedrohlichen Situationen. Die Zentralstelle ist mit GPS und Computertechnik ausgestattet. Dazu Dr. Ruhl: "Ihr großer Nachteil ist: Die Ansprechpartner verfügen nicht über persönliche Ortskenntnis." Er nannte ein Beispiel: "Es gibt in unserem Bereich zwei 'Bergen' - einmal Bergen südlich der Autobahn A 8 und ein kleines Bergen bei Erlstätt. Die beiden 'Bergen' wurden von der Zentrale in Nürnberg schon verwechselt. Wir Ärzte wurden irgendwo hingeschickt, manchmal ins verkehrte Dorf."

Der Ärger über Fehleinsätze, Ortsverwechslungen und das umständliche System der Kassenärztlichen Vereinigung mündete vor etwa sechs Jahren in der Gründung des "Ärztenetzes Chiemgau Süd". Seither können nach Dr. Ruhls Worten einfache Fragen häufig schon am Telefon endgültig geklärt werden. Typische Fragen sind nach Dr. Ruhl "Kann ich dem Kind noch ein Fieberzäpfchen geben?" oder "Ich habe gestern die Pille vergessen. Was tun?" In solchen Fällen sei ein Hausbesuch nicht erforderlich. So könne die Mutter des fiebrigen Kindes telefonisch die dienstbereite Apotheke erfahren und die Zäpfchen in der empfohlenen Dosierung holen. Sei jemand zum Beispiel vom Kirschbaum gefallen, müsse der Verletzte auf jeden Fall zum Röntgen ins Krankenhaus.

Auch der Anrufer habe Vorteile: "Er erfährt direkt von einem Arzt, was er bis zu dessen Eintreffen machen kann." Bei schlimmem Sonnenbrand könnten beispielsweise kalte Tücher aufgelegt werden. Ruhls Erfahrungen wie die seiner acht Kolleginnen und Kollegen sind eindeutig: "Der Arzt wird entlastet. Der Patient wird zielgerichtet, schneller und besser versorgt."

Monika Kretzmar (Chiemgau-Zeitung)

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