"Ohne Biber wär's uns lieber"

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Eiselfing/Landkreis - Angenagte und gefällte Bäume sorgen in weiten Teilen des Landkreises für Unmut. Ein Waldbegang der Jagdgenossenschaften zeigte jetzt: Entspannung an der Biber-Front ist nicht in Sicht.

Von einer "Katastrophe" war die Rede, als sich rund 30 Jagdvorsteher und -genossen in Alteiselfing trafen. "Wir haben keinerlei Kontrolle mehr", erklärte Max Lochner gleich zu Beginn. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossen im Landkreis Rosenheim hatte zu einer Waldbegehung eingeladen. Der Grund: Biberschäden.

An der Murn angelangt, musste man nicht lange nach den Spuren des Nagers suchen. Den einen Bäumen fehlt Rinde am unteren Stamm, andere sind sanduhrförmig angenagt oder bereits gefallen. "Und so schaut es hier überall aus", erklärte Ahams Jagdvorsteher Josef Lebmeier. Außerdem seien Uferbereiche oft vom Biberbau unterhöhlt, sodass die Böschung abrutschen könne. Dass es zudem Überschwemmungen geben kann, wenn der Biber einen besonders guten Damm baut, macht das Tier den Betroffenen nicht sympathischer.

Doch was diese als "Plage" empfinden, halten andere für eine "Erfolgsgeschichte": Der Biber war bereits in fast ganz Europa ausgerottet und wurde nach und nach wieder ausgesetzt, so wie Anfang der 90er-Jahre bei Griesstätt. Der Inn erwies sich als ideales Verbreitungsgebiet, sodass die Region Rosenheim zu einem regelrechten Biber-Ballungsraum wurde. Inzwischen leben rund 450 Biber im Landkreis, weiß Georg Vogel, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts Rosenheim.

"Die vermehren sich wie die Ratten", stöhnten empörte Landwirte - für Georg Vogel sind solche Sätze Unsinn. "Die Biberpopulation reguliert sich selbst. Sobald die Jungtiere von den Eltern vertrieben werden, müssen sie sich ein eigenes Revier suchen." Dass sie dabei an das Wasser gebunden sind, schränke die Möglichkeiten ein; irgendwann seien alle Reviere in Ufernähe besetzt - und im Kampf überlebe nur der Stärkere. In vielen Gebieten mit flächendeckenden Biberbeständen gebe es gar keine Probleme, so Vogel. "Das muss man aber erst einmal wissen, und auch über die Verbreitung und die Lebensweise der Biber sollten sich Betroffene informieren."

Genau deswegen ist Jagdbeirat Sebastian Niedermeier aus Glonn mit in den Wald gegangen: "Ich will mehr über den Biber erfahren, denn auch bei uns ist er im Anzug." Besonders die Unterhöhlungen, die sich oft einige Meter ins Land ziehen, machen ihm Sorgen. "Eine unserer Waldbäuerinnen ist schon eingebrochen", berichtete er. Doch was Niedermeier erfährt, hilft ihm kaum weiter: Jägern und Grundbesitzern sind die Hände gebunden.

Einfach erschießen darf man die Tiere nicht, und nur bestimmte Biberberater sind berechtigt, im Ernstfall zwischen September und März Fallen aufzustellen. Laut Vogel war das bayerische Bibermanagement letzten Winter im Dauereinsatz. Früher wurden die gefangenen Nagetiere im Ausland ausgesetzt, doch längst gibt es überall genug davon - der Überschuss wird getötet. Dabei handle es sich aber um Einzelfallentscheidungen.

Den Jägern und Bauern bleibt nichts übrig, als beschädigte Bäume zu schützen. "Aber wir können ja nicht um jeden Baum ein Gitter wickeln", warf Josef Lebmeier ein. Am schlimmsten sei, dass dem Biber nicht nur das Weichholz der Weide schmeckt. Während er im Sommer Gras und Getreide frisst, zeigen sich die Zahnabdrücke des Nagers im Winter auch an Buchen, Tannen, Fichten und sogar Eichen. Eventuelle Entschädigungszahlungen seien da keine große Hilfe.

Nicht jeder angenagte Baum stirbt, wenn man ihn rechtzeitig schützt. Bei großen Stämmen verfault das wichtigste Stück, statt wertvollem Bauholz bleibt nur noch Brennholz. Jüngere Bäume haben dagegen gar keine Chance. Der Leiter der Forstverwaltung Rosenheim, Dr. Georg Kasberger, fasste zusammen: "Forstwirtschaft und Biber auf einer Fläche, das kann nicht funktionieren."

Trotzdem muss eine Lösung her, über die alle Beteiligten später im Gasthaus Lax nachgrübelten. "Der Biber soll einen Platz im Landkreis haben, aber wir müssen auch das Eigentum schützen", betonte Landtagsabgeordnete und Landesbäuerin Annemarie Biechl. Lebmeier plädierte für eine Jagderlaubnis. Sein Fazit "Ohne Biber wär's uns lieber" stieß auf regen Zuspruch. Der Hinweis von Georg Vogel, dass die Tiere viel Gutes täten, ging eher unter.

Lochner, Lebmeier, Vogel und Biechl könnten sich eine Regelung vorstellen, die den Landkreis in unterschiedliche Gebiete unterteilt: Entschädigungen dort, wo man nicht in die Natur des Bibers eingreift und eventuelle Schäden in Kauf nimmt, dafür direkte Dezimierungen außerhalb der festgelegten Reviere. Sollte es zu einem Kompromiss kommen, steht Vogel zufolge nur eines fest: Ob Bauer, Natur- oder Tierschützer - "jeder muss Abstriche machen."

sus/Oberbayerisches Volksblatt

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