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Ein Oldtimer auf dem Wasser

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Bereits 83 Jahre alt ist das Segelboot von Elke Stachowiak und ihrem Mann Frank Enzmann. Ihre "Spucht III - Chiemsee", ein Unikat, gehört zu den ältesten und schönsten Booten auf dem Chiemsee.

Prien - Wenn der Fahrtenkreuzer mit seinem großen Segel aus dem Hafen des Libera Yachtclubs Chiemsee läuft, dann zieht er stets die Blicke auf sich.

Der Rumpf besteht aus edler Eiche, die Aufbauten aus erlesenem Mahagoni. Die polierten Planken glänzen im Licht der Sonne.

Das Boot hat etwas Besonderes, was die anderen nicht besitzen - den Glanz des Alters. Bereits 83 Jahre hat die "Spucht III - Chiemsee" auf dem Buckel. Und damit gehört sie zu den ältesten und schönsten Booten auf dem Bayerischen Meer.

War es Liebe auf den ersten Blick? Frank Enzmann muss nicht lange überlegen. "Ja, auf alle Fälle", sagt der 49-Jährige. Er und seine Frau Elke Stachowiak leben im Berchtesgadener Land und sammeln schon seit Jahren Oldtimer. Als sie sich eines Tages entschlossen, sich künftig nicht nur auf den Straßen, sondern auch auf dem Wasser fortzubewegen, stand für sie außer Zweifel, dass das Boot, das sie sich kaufen wollten, auch eine Aura haben musste, die Nostalgie verbreitet. Nachdem sie sich Boote über Boote angesehen hatten, entdeckten sie eines Tages am Ammersee einen alten Fahrtenkreuzer - und da wusste Enzmann dann gleich, dieses Boot musste es sein, kein anderes.

Doch ganz so einfach war das alles nicht. Im Gegenteil, ehe Enzmann mit dem alten Boot das erste Mal in den Chiemsee stechen konnte, musste er es zunächst einmal auf Vordermann bringen. Also gab er den Fahrtenkreuzer, nachdem er ihn vor rund einem Jahr gekauft hatte, dann am Ammersee zu einem Bootsbauer. Vier Monate dauerte das, wie die Segler sagen, "Refitten". Vor allem viele morsche Planken, hauptsächlich am Unterschiff, mussten ausgetauscht werden - der Zahn der Zeit hatte an dem Boot genagt.

"Minuziöse Kleinarbeit" sei erforderlich gewesen, erzählt Enzmann. Stilecht habe er sein Boot herrichten lassen - was freilich nicht billig war. Doch als Liebhaber von alten Autos wusste und weiß er, dass so ein Hobby ins Geld geht. "Da muss man schon ein bisschen verrückt sein, da darf man nicht mit klammem Geldbeutel rangehen", sagt der 49-Jährige, der keinen Hehl daraus macht, dass er sich als Leiter von Hotels und Krankenhäusern sein Faible für Altes und Schönes leisten kann.

Nach dem "Refitten" ging das Boot dann an Land auf eine große Reise: Ein Lastwagen brachte den rund drei Tonnen schweren Segel-Oldtimer vom Ammer- zum Chiemsee. Und dann kam der Tag, auf den Enzmann und Stachowiak so lange gewartet hatten: Am 14. Mai, der 49-Jährige erinnert sich noch ganz genau, ließen sie das Boot im Libera Yachtclub ins Wasser. Die Ehefrau taufte das Schiff, wie es sich gehört, und dann stachen sie noch am gleichen Tag in See. "Die Jungfernfahrt war herrlich", erinnert sich Enzmann.

Damals wie auch heute stellten und stellen sie zu ihrer Freude immer wieder fest: Das Boot hat nicht nur die besondere Aura, die einen Oldtimer von neuen Modellen unterscheidet, es läuft auch erstaunlich gut - dann, wenn, wie Enzmann sagt, ein "gewisser Wind" bläst. "Ab zwei Windstärken macht das Boot richtig gut Fahrt." Wenn der Wind einschläft, ja dann laufen die leichteren Kunststoffboote viel besser.

Der 49-Jährige genießt jede Fahrt, die er mit seiner Frau heuer noch unternehmen kann, ehe die Segelsaison zu Ende geht. Er ist, wie er selbst sagt, ein "Newcomer im Segeln". Im Libera Yachtclub habe er die Heimat gefunden, die er gesucht habe. Und auch der Verein freut sich über das neue Mitglied - und über dessen Aktivitäten. So spricht Präsident Achim Salcher unumwunden von einer "Bereicherung", wenn sich Oldtimer-Schiffe auf dem Chiemsee etablieren und "die alte Segelkultur wieder aufleben lassen".

Von Anfang an fasziniert hat Enzmann die Geschichte, die das Boot mitbringt. Schier in grauer, segelhistorischer Vorzeit liegen die Wurzeln des Fahrtenkreuzers. 1928 hatte ihn Rudolf Ude in einer Werft in Kiel bauen lassen. Der erste Schiffseigner war nicht nur ein Pionier seiner Zeit, sondern auch und gerade ein Abenteurer. Ein ums andere Mal unternahm er mit seiner "Spucht", so der Name, den er seinem Boot gab, große Törns auf der Nordsee etwa von Hamburg über Bergen und Aberdeen nach Edinburgh und wieder zurück oder aber auch - in zwei Jahren legte er 9500 Seemeilen zurück - auf dem Mittelmeer über Rom bis nach Athen und wieder zurück.

"Spucht" - So heißt das Boot auch heute noch. Einer Tradition der Segler folgend, haben auch Frank Enzmann und Elke Stachowiak den Namen beibehalten. Nur ein Stück weit haben sie ihn verändert. Auf die Namen "Spucht II" und "Spucht III" tauften das Boot der zweite und dritte Eigner. Sie als vierte hätten "Spucht IV" wählen können, entschieden sich dann aber, "Spucht III" beizubehalten. Allein einen Zusatz "Chiemsee" hängten sie - um im Namen zu zeigen, wo das Boot jetzt liegt - dran.

Aus dem Ostfriesischen kommt "Spucht" und bedeutet, wie die Namenskundler ausführen, "schwacher, abgemagerter Mensch", aber auch "Stinkstiefel". Mit ihrer "guten, alten Dame" wollen die beiden heutigen Eigner 2012 an der traditionellen Regatta auf dem Bayerischen Meer für Oldtimer-Boote teilnehmen. Und wenn der "Stinkstiefel" dann seinem Namen alle Ehre macht und "stinkig", wie er vielleicht ist, niemanden vorbeiziehen lässt, dann haben sie bestimmt nichts dagegen...

Gernot Pültz (Chiemgau-Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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