Patienten malen Besserung in Bildern

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Therese Austerman, Leiterin der Gestaltungstherapie, stellvertretender Ärztlicher Direktor Dr. Carl Leibl sowie die beiden Therapeutinnen Ulla Mast und Kristina Veh, die die Ausstellung konzipiert haben (von links), vor einem der Bildpaare. Fotos berger

Prien – Fast 3000 Patienten kommen jedes Jahr wegen Depressionen, Angst oder Essstörungen in die Klinik Roseneck. Viele von ihnen drücken ihre Empfindungen im Rahmen der Gestaltungstherapie in Bildern aus.

Jetzt stellt die Klinik 35 Bildpaare aus, die jeweils das erste und letzte Werk von Patienten zeigen und so den Behandlungserfolg widerspiegeln.

Ein Baum mit einem schmalen, zerbrechlich wirkenden Kern, der Stamm wird von einer schwarzen Schlange umschlungen, die Wurzeln hängen in der Luft. So hat eine Patientin ihre Empfindungen zu Beginn der Therapie abgebildet. Wochen später malt sie eine farbenfrohe große Sonne – ein Sinnbild für Lebenskraft, die sich ausbreiten kann.

Eine andere hat anfangs in Schwarz-Weiß ein Haus zu Papier gebracht, das hinter wilden Strichen kaum zu erkennen ist und zu dem kein Weg hinführt – wie zu sich selbst. Ihr letztes Bild, das sie in der Klinik Roseneck geschaffen hat, zeigt auch ein Haus. Diesmal gibt es einen Weg und die Tür steht einen Spalt breit offen. Es wirkt einladend, die Patientin hat sich geöffnet.

Vor einem Jahr entstand in der siebenköpfigen Abteilung Gestaltungstherapie unter Leitung von Therese Austerman die Idee, eine Ausstellung „Das erste und das letzte Bild“ zu entwickeln. Konzipiert und bei der Eröffnung vorgestellt haben sie die beiden Therapeutinnen Ulla Mast und Kristina Veh. Auf Tafeln werden die einzelnen Bilder beschrieben und interpretiert. Die Texte geben das wieder, was die Patienten selbst aus ihren Werken herausgelesen haben, oft sogar in „Zitaten“.

„Aus Wunden Wandlungen gestalten“ nannte der stellvertretende Ärztliche Direktor, Dr. Carl Leibl, bei der gut besuchten Vernissage als eine der Leitlinien der Gestaltungstherapie. „Im Behandlungsverlauf werden die Werke unserer Patienten kontrastreicher sowie lebensvoller und spiegeln so den Therapieerfolg wider.“

Nur, wenn die Patienten, die meist keinerlei künstlerische Erfahrung mitbringen, nicht wissen, welches Motiv sie wählen sollen, geben die Therapeutinnen Anstöße. Oft entsteht dann als erstes Bild ein individueller „Lebensbaum“. Wohin er sich entwickelt, ist völlig unterschiedlich. Gemeinsam ist vielen „letzten Bildern“, dass sie größer, farbenfoher, mutiger, und spontaner sind als die Erstlingswerke. Die Wandlung der Gefühle wird abgebildet, bewusst oder unbewusst.

„Es kostet Mut, sich seiner Unzulänglichkeit und Unperfektheit zu stellen, die vielleicht erschreckenden Bilder, die einen quälen, zu Papier zu bringen, die Farben der Trauer oder Wut zu befreien. Wer sich darauf einlässt, beginnt, sich auf den Weg zu machen. Er gibt sich die Chance, Eingefahrenes und Alltägliches hinter sich zu lassen“, erklärt Austerman den Hintergrund der Gestaltungstherapie, die im Zusammenwirken mit anderen Abteilungen der Klinik ihre Wirkung entfaltet.

In der Gruppe wird zweimal wöchentlich gemalt und die entstandenen Werke anschließend besprochen. Dabei gehe es weniger darum, Motive zu interpretieren, sondern die Sprache des Bildes zu entziffern, den eigenen Zustand an Details zu erkennen.

Die Ausstellung „Das erste und das letzte Bild“ ist bis auf Weiteres täglich von 8 bis 18 Uhr im Eingangsbereich des Haupthauses und in den Fluren von Haus B der Klinik Roseneck zu besichtigten. Der Eintritt ist frei.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

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