„Jahrhundertprojekt der Abwasserbeseitigung“

Chiemsee-Ringkanal soll sicherer werden: Gedankenspiele in 50 Metern Tiefe

Im Jahr 1986 wurden Rohre für den Chiemsee-Ringkanal mit Gewichten beschwert und im Bayerischen Meer versenkt. Dort liegen sie bis heute auf dem Grund in bis zu 52 Metern Tiefe.
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Im Jahr 1986 wurden Rohre für den Chiemsee-Ringkanal mit Gewichten beschwert und im Bayerischen Meer versenkt. Dort liegen sie bis heute auf dem Grund in bis zu 52 Metern Tiefe.

Prien/Rimsting/Chiemsee – Als „Jahrhundertprojekt der Abwasserbeseitigung“ pries der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Chiemsee-Ringkanal, als er ihn 1989 in Betrieb nahm. Bis heute gibt es kein vergleichbares System. Doch wie steht es um die Sicherheit der Leitungen, die unter Wasser durch ein sensibles Ökosystem führen?

Was passiert, wenn einmal ein Rohr des Chiemsee-Ringkanals reißt oder ein Loch bekommt? 31 Jahre lang ist nichts Gravierendes passiert. Jetzt macht sich eine neue Generation Kommunalpolitiker Gedanken darüber, wie das Bayerische Meer und die Menschen an seinen Ufern auch in Zukunft dauerhaft unbeschwert ihre „Geschäfte“ verrichten können.

Acht Bürgermeister und zahlreiche weitere Gemeinderäte aus den zehn Anliegergemeinden sitzen seit der Kommunalwahl im Frühjahr neu im Verbandsrat des Abwasser- und Umweltverbands (AUV) Chiemsee. Dieser Zusammenschluss der zehn Anlieger-Kommunen betreibt den Ringkanal und die Kläranlage in Stiedering (Gemeinde Rimsting).

„Wir wollen gerüstet sein“

In der jüngsten Sitzung hat sich der AUV einstimmig darauf verständigt, in dieser Legislaturperiode grundsätzliche Überlegungen anzustellen, wie das System auf Dauer sicher werden kann. „Wir wollen gerüstet sein“, sagt AUV-Vorsitzender Andreas Fenzl, und fügt gleich hinzu: „Das können wir nicht allein stemmen“. Es geht also darum, überzeugende Konzepte zu entwickeln, um damit um Fördergelder zu werben.

Niemand weiß genau, wie es um die Kunststoffrohre bestellt ist, die seit den 1980er Jahren bis zu 52 Meter tief im Chiemsee liegen. Zwar werden sie regelmäßig mit einer Unterwasserkamera begutachtet, aber ein Prüfsystem für das Innenleben der Rohre gibt es auch heute noch nicht. In Ufernähe, wo sie noch Tageslicht ausgesetzt sind, könnte ihnen zum Beispiel UV-Licht zusetzen. Ein Vorfall am 7. Mai 2017 hat auch gezeigt, wie sensibel das System sein kann. Bis heute ist nicht ganz sicher, warum die dicken Rohre zwischen Bernau und Prien damals plötzlich an der Oberfläche trieben. Es hatten sich wohl zu viele Gase in dem luftdichten System gebildet und Auftrieb erzeugt.

Sollten die Leitungen irgendwann einmal dicht machen, wäre ein Bypass oder Backup ideal. Schon in den 1970er und 1980er Jahren gab es Überlegungen, ein zweites, kleineres Rohrsystem parallel zu verlegen, erinnert sich Anton Schmuck, geschäftsführender Gesellschafter des Priener Ingenieurbüros Dippold & Gerold, der damals schon beteiligt war. Der Regierung sei das aber zu teuer gewesen. „Heute würde man mit größerer Vehemenz herangehen“, ist sich der Ingenieur sicher. Damals drängte die Zeit. Der Chiemsee war kurz davor, umzukippen, das Ökosystem stand vor dem Kollaps. Also entstand ein System, für das der Begriff irreführend ist. Denn das Abwasser fließt in zwei Spangen am Nord- und Südufer durch den See, teilweise auch an Land. Als Zwischenstationen sind Pumpen installiert, die auch die Seeleitungen regelmäßig durchspülen. Denn die Rohre sind für bis zu 30 Prozent Luftgehalt gebaut, erklärt Schmuck.

AUV-Vorsitzender Andreas Fenzl (links) und Anton Schmuck, Chef des Ingenieurbüros Dippold & Gerold, überlegen, wie die Sicherheit des Ringkanals verbessert werden kann.

Kapazität auf dem Prüfstand

Der Ingenieur und AUV-Vorsitzender Fenzl betonen im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung immer wieder, dass beim Bau des Ringkanals unter den gegebenen Umständen das Optimum herausgeholt worden sei. Aber sie wollen sich nicht darauf verlassen, dass der Ringkanal noch weitere 30 Jahre mehr oder weniger reibungslos funktioniert. Jedes Jahr wird für den Austausch alter Geräte und Verbesserungen etwa eine Million Euro investiert. Aber jetzt geht es um mehr. Zum Beispiel um die politische Entscheidung, ob das System für mehr Menschen ausgebaut werden soll. Bisher entsorgt und reinigt die Ringkanalisation in Spitzenzeiten im Sommer, wenn die Urlauberbetten belegt sind, die Hinterlassenschaften von bis zu 76 000 Menschen. Ausgelegt ist es auf höchstens 85 000 sogenannte Einwohnergleichwerte (EGW). Angesichts des vorhergesagten Bevölkerungswachstums in der Region gibt es Schmuck zufolge Überlegungen, den Ringkanal auf bis zu 99 000 EGW auszubauen.

Neben 88 Kilometern Verbandskanälen wurden in den zehn Mitgliedsgemeinden des AUV Chiemsee rund 250 Kilometer Ortskanäle errichtet. 50 Kilometer der AUV-Kanäle verlaufen an Land, 28 Kilometer im See. Vom Klärwerk Stiedering fließt das saubere Wasser zehn Kilometer in den Inn. Über 30 Pumpwerke pumpen die Abwässer von Ort zu Ort. Bei trockenem Wetter liegt die maximale Fließdauer von Seeon bis zur Kläranlage bei bis zu 75 Stunden.

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