Keine Feier wegen Corona

Markus Söder hatte zum 175. Geburtstag der Chiemsee-Schifffahrt schon zugesagt

Schiffahrt auf dem Chiemsee. (Symbolbild)
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Schiffahrt auf dem Chiemsee. (Symbolbild)

Die Corona-Pandemie schlägt sich auch in der Jahresbilanz der Chiemsee Schifffahrt nieder. Hunderttausende Passagiere fehlten 2020 und auch Ministerpräsident Markus Söder kam nicht. Er wäre Festredner beim Fest zum 175. Geburtstag des Familienunternehmens gewesen.

Prien – Am 14. Juli 2020 bildete der Raddampfer Ludwig Feßler die Kulisse für Bilder, die in ganz Deutschland gesehen wurden. Bundeskanzlerin Angela Merkel kam auf Einladung von Ministerpräsident Markus Söder zur Sitzung des bayerischen Kabinetts in den Spiegelsaal von Herrenchiemsee. Söder sollte schon zwei Monate vorher im Hafen von Prien-Stock auftreten. Aber seine zugesagte Festrede zum 175. Geburtstag der Chiemsee-Schifffahrt verhinderte Corona.

Im Betriebsgebäude in Stock zeugt nur eine Urkunde der Handelskammer von dem Jubiläum. Michael Feßler hat eine Mund-Nasen-Maske als „Trauerflor“ über den Rahmen gehängt, denn dem Geschäftsführer ist nach dem Corona-Jahr 2020 alles andere als zum Jubeln. Zwar sind die Dezember-Zahlen noch nicht durchgerechnet, aber Feßler nennt im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung einen Rückgang von 40 Prozent bei den Fahrgastzahlen im Vergleich zu einem normalen Jahr. In der Regel gingen zuletzt zwischen 800 000 und 900 000 Menschen im Jahr an Bord eines der Chiemsee-Dampfer.

Schifffahrt auf dem Chiemsee braucht den Sommer

„Unser Geschäftsmodell ist es, uns im Sommer den Winterspeck anzufressen“, umschreibt Feßler das normale Geschäftsjahr. Der Sommer 2020 konnte für das Familien-Unternehmen einiges abfedern, aber längst nicht alles. „Der Christkindlmarkt zum Beispiel tut uns weh“, räumt Feßler ein, dass die Einnahmen von bis zu 50 000 Besuchern des Marktes an den beiden ersten Adventswochenenden auf der Fraueninsel fehlen. „Die Landesausstellung tut uns auch weh“, blickt der Geschäftsführer auch gleich voraus auf die Perspektive 2021. Lange hatte er wie alle, die in der Region am Tourismus verdienen, auf ein paar hunderttausend zusätzliche Gäste gehofft, die zur „Götterdämmerung II“ ans Bayerische Meer kommen sollten. Wegen der Pandemie kam Ende September 23020 schon die Absage.

Ein anderer tiefer Einschnitt fürs Geschäft der Chiemsee-Schifffahrt ist die fast brach liegende Busreise-Branche. Wie sehr die zahlenden Gruppen fehlen, lassen zwei Zahlen erahnen: Im vergangenen Jahr waren fünf Reisebusse Rekordbelegung auf dem Parkplatz am Hafen. Der Allzeitrekord liege bei 103 Bussen, berichtet Feßler. Und die Busse kamen auch bei schlechtem Wetter.

35 Mitarbeiter bei Chiemsee-Schifffahrt

Den 35 Mitarbeitern hat 2020 viel abverlangt. Zwar zählt die Chiemsee-Schifffahrt als Verbindung zwischen Festland und Insel als öffentlicher Personennahverkehr. Obwohl es im ÖPNV keine zahlenmäßigen Beschränkungen gab, habe man sich freiwillig eine Obergrenze von 60 Prozent der Maximalbelegung der Schiffe auferlegt, so Feßler. Als der Urlaub dahoam im Sommer boomte und die Kapazitäten oft mehr als ausgereizt waren, gab es öfter Beschwerden von Passagieren. Wenn die erst am Bord per Durchsage erfuhren, dass alle Führungen im Schloss (ebenfalls stark zahlenmäßig reduziert) für den Tag schon ausgebucht sind, mussten sich die Feßler-Mitarbeiter an Bord oft einiges anhören. Auch Hinweise auf den Maskenzwang, auch im Freien, stießen nicht selten auf ein unfreundliches Echo. Feßler weiß von manchen Kollegen, die in dieser Zeit morgens schon mit Bauchweh zum Dienst erschienen angesichts der zu erwartenden verbalen Angriffe.

Die Chiemsee-Schifffahrt fährt momentan Feßler zufolge einen sparsamen Kurs. An und auf den Schiffen werden die notwendigen Reparaturen und Instandhaltungen erledigt, aber „auf explizite Schönheitsgeschichten verzichten wir“.

Michael und Birgit Feßler vor der Urkunde, mit der die Handwerkskammer zum 175. Geburtstag des Unternehmens gratuliert hat. Die Feier musste ausfallen.Berger

Werkstätten arbeiten im Winter

Das Personal bekommt die Auswirkungen der Coronas-Krise aktuell noch nicht zu spüren. In den Werkstätten gibt es über den Winter genug zu tun, in Kurzarbeit hat Feßler noch niemanden geschickt. „Wir schauen, wie weit wir kommen.“

Seit einigen Wochen ist der Fahrplan auf Notbetrieb umgestellt, nachdem auf den Inseln auch alles zu ist. Nur alle zwei Stunden fährt ein Schiff von Prien oder Gstadt ab. Mehr als 20 Fahrgäste am Tag gebe es momentan kaum, nur am Wochenende vielleicht, wenn ein paar Spaziergänger auf die Insel wollen.

Wie lang das so weitergeht, weiß niemand. Was sich aber abzeichnet, ist ein Comeback des Riesenrads, das 2020 als neue Attraktion im Hafen sehr gut ankam und deshalb viel länger in Prien blieb, als geplant. Weil auch heuer die großen Volksfeste fraglich sind, sind Feßler und die Schaustellerfamilie Landwermann aus Norddeutschland in regelmäßigem Kontakt. „Vielleicht bringen sie ja heuer ihr 50-Meter-Riesenrad mit“, lacht Feßler. Die spektakuläre Aussichts-Attraktion auf den See 2020 war „nur“ 38 Meter hoch.

Eigentlich wollte die Chiemsee-Schifffahrt 2020 ihren 175. Geburtstag feiern, denn die Anfänge reichen zurück bis 1845. So wird die Entstehungsgeschichte auf der Homepage des Unternehmns geschildert:

So begann die Chiemsee-Schifffahrt

„Für den Zimmerermeister Wolfgang Schmid aus Grassau hat die Feßler`sche Kupferschmiede in München für ein im Jahr 1845 in Betrieb genommenes Dampfschiff eine Kesselanlage gebaut. Da Schmid für seinen Bootsrumpf kein geeignetes Baumaterial verwendet hatte, musste die Kesselanlage immerzu kostenpflichtig von Joseph Feßler repariert werden.

Wolfgang Schmid war es leid geworden, die geringen Einnahmen aus der Schifffahrt für Instandsetzungen an die Kupferschmiede in München abführen zu müssen. Als im Winter 1846/47 der Kessel wieder in München zur Reparatur war, zog sich Wolfgang Schmid aus dem teueren Schifffahrtsbetrieb zurück und überließ den Betrieb Joseph Feßler.

Dieser beantragte zusammen mit dem Gastwirt Alois Sedelmeier aus Chieming, die Schifffahrt auf dem Chiemsee übernehmen zu dürfen. Die Erlaubnis wurde am 25. Februar 1848 erteilt.

Die Maffeiwerkstätten in München bekamen 1858 von Joseph Feßler den Auftrag, ein erstes, eisernes Dampfschiff zu bauen. Der Stapellauf des Herzog Maximilian fand am 14. Mai 1859 statt.“

Damit sich die teure Anschaffung auch außerhalb der Sommersaison lohnte, baute Joseph Feßler ein Sägewerk. Über einen ebenfalls eigens gegrabenen Kanal konnte das Dampfschiff nahe an das Sägegatter heranfahren. Die Schaufelräder wurden abmontiert und eine Riemenscheibe an einem Achsende des Dampfers befestigt. Über einen Gurt ließ sich jetzt die Dampfkraft der Maschine an das an Land fest verankerte Sägegatter übertragen.

Als nach dem Tod Ludwigs II. 1886 sein Schloss zur Besichtigung freigegeben wurde, begann der Ausflugsverkehr an den Chiemsee richtig zu boomen. Die Kette der Besucher wollte nicht mehr enden und weitere Schiffe mussten angeschafft werden.

Die Chancen stehen gut, dass sich auch heuer im Priener Hafen ein Riesenrad dreht. Das Gastspiel einer Schaustellerfamilie 2020 kam gut an.Berger

Heute umfasst die Flotte 13 Passagierschiffe. Das bekannteste ist der Raddampfer Ludwig Feßler, der in fünf Jahren 100 Jahre alt wird.

Das größte ist die MS Edeltraud. Sie fasst bis zu 950 Personen und wurde im vergangenen Jahr 50.

Wie jedes Auto müssen auch Fahrgastschiffe regelmäßig durch den TÜV. In der Regel sind das Routinetermine, denn die 13 Dampfer der Flotte am Bayerischen Meer sind sehr gut in Schuss, stellt Stefan Graßmann vom TÜV-Süd der Chiemsee-Schifffahrt ein gutes Zeugnis aus. Graßmann ist der Schiffs-Spezialist unter den Kontrolleuren. In zwei bis drei Wochen kommt er das nächste Mal nach Prien, wenn die MS Edeltraud in der Werft von den Mitarbeitern  flott gemacht ist für die Hauptuntersuchung, die bei Schiffen alle fünf Jahre fällig ist. Dann werden vor allem Rumpf, Ruder und Propelleranlagen überprüft. Wenn der Verdacht besteht, dass die Außenwände durch Feuchtigkeit nicht mehr dick genug sind, setzt Graßmann Ultraschallgeräte ein. Zusätzlich zum TÜV wird jedes Schiff alle zwei Jahre einer Betriebsprüfung unterzogen. Dabei geht es vordringlich um die Ausrüstung vom Signalhorn über die Feuerlöscher bis zu den Rettungsringen, sowie um mögliche Gefahrenstellen an Bord, zum Beispiel rutschige Bodenbeläge.

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