Priener Bestatter über besondere Herausforderungen  

Sterben in Corona-Zeiten: Strikte Regeln bei Toten und am Friedhof

Bestattungen in Zeiten der Corona-Krise stellt auch die Mitarbeiter des Unternehmens Hartl vor neue Herausforderungen, wie Geschäftsführer Michael Hartl im Gespräch mit rosenheim24.de erläutert. 
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Bestattungen in Zeiten der Corona-Krise stellt auch die Mitarbeiter des Unternehmens Hartl vor neue Herausforderungen, wie Geschäftsführer Michael Hartl im Gespräch mit rosenheim24.de erläutert. 

Prien - Einschränkungen bei Trauerfeiern und Beerdigungen wegen der Corona-Pandemie sind eine Herausforderung. Doch der Krise können auch positive Aspekte abgewonnen werden, wie Geschäftsführer Michael Hartl vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen erkannt hat. 

Von November bis März sterben sonst verhältnismäßig die meisten Leute, doch aktuell stellt Hartl eine höhere Zahl an Todesfällen fest: "Es wird zwar nicht unterschieden, ob die Menschen an Corona oder einer anderen Todesursache gestorben sind, mindestens zwei Drittel unserer Todesfälle, die wir momentan abwickeln, hatten aber Corona."


Feuer- statt Erdbestattungen

Am Tag der Beisetzung dürfen maximal 15 Personen aus dem Angehörigenkreis bei der Trauerfeier anwesend sein. Auf einen Gottesdienst muss verzichtet werden. Die Trauerfeiern finden direkt auf dem Friedhof unter freiem Himmel statt, ein Zusammenkommen in geschlossenen Räumen ist untersagt. Das Grab mit Erde und Weihwasser zu segnen - auf dieses katholische Ritual muss verzichtet werden.

Generell geht der Trend zur Urne. Im Bestattungsunternehmen der Familie Hartl sind bereits 75 Prozent Feuerbestattungen. Aufgrund der aktuellen Situation durch Corona liege man bei circa 80 Prozent. Dass derzeit die offene Aufbahrung überhaupt nicht möglich ist, stellt für Hartl ein großes Problem dar, denn selbst wenn jemand eines natürlichen Todes gestorben sei dürfe er nicht offen aufgebahrt werden. 


Umgang mit coronainfizierten Toten

"Wenn ein Verstorbener den Virus nachweislich hatte, darf er nicht mehr ohne Schutzkleidung berührt werden. Das Überführungspersonal holt ihn ab, hüllt ihn in ein desinfiziertes Leinentuch. Dann wird er in einen sogenannten Bodybag gelegt, deren Schützhülle auch desinfiziert wird. Der Bodybag mit dem Verstorbenen wird dann in einen Sarg eingebettet, dieser verschlossen und so gekennzeichnet, dass eine Infektionskrankheit vorliegt und nicht mehr geöffnet werden darf." 

Direkt eine Umstellung allerdings stellen die Schutzmaßnahmen nicht dar, "es gebe ja bereits Krankheiten, die unter das Infektionsschutzgesetz fallen, sodass wir dies auch vor Corona so gehandhabt haben. Ungewöhnlich ist nur, dass das jetzt beinahe zum Regelfall wird".

Der Beratungstisch im den Räumlichkeiten des Bestattungsunternehmens Hartl bleibt derzeit leer. Wegen Corona musst der Familienbetrieb strikte Sicherheits- und Schutzmaßnahmen ergreifen. 

"Das Schlimmste ist, dass keine Verabschiedung stattfinden kann", betont Michael Hartl. "Aus unserer eigenen Philosophie heraus sehen wir die Verabschiedung vom Verstorbenen als wichtigste Sache - egal an welchem Ort er verstorben ist. Das ist nun wegen Corona untersagt. Versetzt man sich in die Situation der Angehörigen wird dadurch ein besonderer Schmerz spürbar. Wir hatten zuletzt viele Fälle, bei denen die Menschen im Krankenhaus verstorben sind und der Kontakt massiv eingeschränkt wurde. Durch Telefonate oder sonstige Medien konnten die Angehörigen noch ein, zwei Mal Kontakt aufnehmen. Es ist dramatisch, wenn man sich erst am Friedhof wiedersieht."

Positiver Aspekt der Krise: Es menschelt wieder mehr

Nützliche Links zu Corona:

Die Trauerbewältigung setzt sich aus mehreren Schritten zusammen, wie Hartl weiß: "Der Essentielle ist die persönliche Abschiednahme, aber auch die Gespräche mit den Angehörigen, die derzeit eingeschränkt sind. Der persönliche Kundenkontakt ist auf ein Minimum reduziert, was wiederum uns die Arbeit deutlich erschwert. "

Die Kehrseite der Medaille sei, dass man sich in der Trauerbewältigung nicht mehr so entfalten könne. Auf der anderen Seite sei jedoch festzustellen, dass es wieder mehr "menschele": "Durch den ganzen Alltagsstress haben wir die letzten Jahre immer verstärkt festgestellt, dass man für den Tod wenig Zeit hat. Alles muss schnell gehen, die Gespräche haben sich verändert und das Persönliche rückte mehr und mehr in den Hintergrund. Aktuell ist es so, dass wir sehr viel Verständnis von den Angehörigen erfahren und die Gespräche - wenn auch nur am Telefon - viel persönlicher verlaufen." Auch wenn alles auf ein Minimum reduziert sei, werde das Beste aus der Situation herausgeholt.

Erleichterung durch digitale Technik 

Seit 1939 gibt es das Bestattungsunternehmen Hartl mit Firmensitz in Prien und mehreren Filialen im Umkreis. Die aktuelle Corona-Lage stellt auch die Arbeit im Familienbetrieb auf den Kopf. Über Ostern sei man mit verstärkter Mannschaft zur Verfügung gestanden und es wurden strikte Maßnahmen getroffen. 

Die größte Herausforderung sei die internen Abläufe aufrecht zu erhalten. "So haben wir den technischen Bereich ausgegliedert und unsere Trauerberater auf die Zweigstellen verteilt für eine räumliche Trennung", erklärt Hartl. Damit das Beratungsniveau aufrecht erhalten bleibt, setzt das Unternehmen gezielt auf technische Mittel. Die Dienstleistungen können auf dem Online-Portal eingesehen, Sterbe- und Trauerbilder virtuell ausgesucht werden. 

Verschieben der Beerdigung als Alternative?

Viele verschieben die Beisetzung der Urne auf einen Zeitpunkt, der Gottesdienste wieder erlaubt. Bei der Urnenbeisetzung gebe es schließlich keine Frist. Eine Verschiebung habe Hartl zufolge sowohl Vor- als auch Nachteile: "Die Bestattung stellt einen Abschluss der Trauerarbeit dar, nach der die Hinterbliebenen wieder in den Alltag zurückkehren. Doch oft geht die Trauer dann erst los. Die Wartezeit bis zur Beisetzung ist für die Angehörigen immer mit einem unruhigen Gefühl verbunden. Ich verstehe jeden, der eine Beisetzung aufgrund eines großen Familienkreises verschieben wollen. Wir haben auch schon Bestattungen durchgeführt, bei denen wir Video-Aufnahmen gemacht haben oder via Facetime Angehörige zugeschaltet haben - es gibt durchaus Alternativen."

mb

Quelle: rosenheim24.de

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