Angst vor Ansteckung - Menschen meiden Kliniken seit Corona

Priener Chefärztin warnt: „Im schlimmsten Fall führt das zum Tod“

Chefärztin für Kardiologische Rehabilitation in Prien
+
Dr. Andrea Menzl ist Chefärztin für Kardiologische Rehabilitation in der Priener Klinik St. Irmingard.

Gefühlt rücken seit Corona andere Krankheiten mehr und mehr in den Hintergrund. Diese sind aber sehr wohl noch existent, weiß Dr. Andrea Menzl von der Priener Klinik St. Irmingard. Die Chefärztin für Kardiologische Rehabilitation warnt im Rahmen der Pandemie-Entwicklung vor einer Verlagerung der Krankheiten, was „böse enden kann“. Was genau sie damit meint, erklärt sie im Gespräch mit rosenheim24.de.

Prien am Chiemsee - „Wir gehen davon aus, dass die Fälle an Herzinfarkten, die die Kliniken nicht erreichen, zugenommen haben“, bilanziert Dr. Menzl und beruft sich dabei auch auf Hochrechnungen aus anderen Kliniken in ganz Europa, die in kardiologischen Fachzeitschriften zu finden sind.

Der Grund: „Es sterben mehr Leute zu Hause an den Folgen eines Infarkts, weil sie sich ob der Pandemie erst gar nicht in die Klinik trauen oder zu spät den Notruf absetzen – obwohl die Menschen heutzutage gut aufgeklärt sind, um frühe Anzeichen rechtzeitig zu erkennen und zu handeln.“

Bei Gefäßerkrankungen spielt der Zeitfaktor eine große Rolle

„Die Menschen haben Angst vor einer Ansteckung in den Kliniken, weswegen sie stationäre Aufnahmen so lange wie möglich herauszögern – in der Hoffnung, sie hätten sich nur verhoben und die Schmerzen verschwinden von alleine wieder. Doch das kann böse enden“, betont Dr. Menzl.

Neben Herzinfarkten steige auch die Zahl an unbehandelten oder zu spät behandelten Schlaganfällen (Stroke Unit) oder Angina Pectoris. Dabei spiele gerade bei Gefäßerkrankungen der Zeitfaktor eine große Rolle: „Unsere Rettungssysteme sind so gut organisiert, dass in Deutschland auch in ländlichen Wohngebieten nach Alarmierung des Rettungsdienstes jeder innerhalb von zwei Stunden ausreichend versorgt wird. Erfolgt keine akute Behandlung, stirbt in dieser Zeit Muskelmasse ab, wodurch die Pumpkraft des Herzens abnimmt. Im schlimmsten Fall führt das zum Tod.“

Vom Auftreten erster Symptome bis zu dem Zeitpunkt der Notarzt-Behandlung ergäben sich so schlimmere Infarkt-Stadien. „Aus medizinischer Sicht eine Katastrophe“, unterstreicht Dr. Menzl. „Wir haben insgesamt weniger Patienten zu versorgen. Jene, die stationär aufgenommen werden, befinden sich dann aber in einem deutlich schlechteren Zustand.“

Symptome richtig deuten und zügig handeln

Wichtig sei daher, auf die Menschen einzuwirken, Symptome ernst zu nehmen und lieber einmal mehr den Weg ins Krankenhaus einzuschlagen. Warnhinweise wie Atemnot, ein Engegefühl sowie Schmerzen im Brustbereich oder in der Magengegend stellen Dr. Menzl zufolge eindeutige Warnhinweise dar. Schmerzen können bei Herzinfarkt auch in den linken Arm oder gerade bei Frauen in den Kieferwinkel ausstrahlen.

Die Menschen meiden die Krankenhäuser seit Corona

In der Reha in der Priener Klinik St. Irmingard, einem Unternehmen der Gesundheitswelt Chiemgau Bad Endorf, sei die Belegung seit Beginn der Corona-Pandemie um circa 30 Prozent zurückgegangen. Allgemein sei erkennbar, dass vermehrt nur mehr Not-OP‘s durchgeführt, Rehas verschoben oder gar nicht erst angetreten werden.

„Patienten sagen Therapiemöglichkeiten ab, weil sie Angst vor Ansteckungen mit dem Virus haben – und das obwohl die Kliniken sehr strenge Hygienemaßnahmen haben. Es wird viel gemacht für den Infektionsschutz, doch die Panik der Patienten ist sehr groß“, untermalt Dr. Menzl.

Die Priener Klinik St. Irmingard, ein Unternehmen der Gesundheitswelt Chiemgau Bad Endorf.

Falscher Lebenswandel - besonders im Home Office

Ein weiterer Punkt, den die Chefärztin kritisch sieht, ist der Lebenswandel, den viele im Lockdown führen: Zu wenig Bewegung und Sport, ungesunde Ernährung sowie langes Sitzen auf falschen Stühlen im Home Office, was wiederum die Orthopäden fordere. Nicht auf die leichte Schulter genommen werden dürfe psychischer Stress, der häufig durch Kurzarbeit, Wegfall der Arbeitsstelle und dadurch einhergehenden Zukunftsängsten auftrete.

Doch nicht alles ist schlecht: Was die Infarkt-Rate günstig beeinflusst sei die verbesserte Luftqualität. Rußpartikel und CO2-Ausstöße lagern sich in Gefäßwänden ab und begünstigen Infarkte. Durch weniger Schadstoffe in der Luft durch weniger Verkehr auf den Straßen werde so immerhin ein Risiko-Faktor minimiert.

Verlagerung der Krankheiten bedingt durch die Pandemie

Allgemein sieht Dr. Menzl in der Entwicklung seit der Pandemie eine Verlagerung der Krankheiten. Die Folge: Die Mediziner müssen neue Behandlungs-, Therapie- und Reha-Möglichkeiten entwickeln und sich umstellen. Besonders gravierend sei das in der Reha, wenn Patienten mit Spätfolgen einer Corona-Erkrankung zu kämpfen haben, dem sogenannten „Long-Covid“. Sie könnten nur gezielt und langsamer als üblich wieder ihre Belastbarkeit erreichen. 

„Im Fall einer Infektion kommt dazu, dass Coronaviren die Innenschicht der Gefäße im Körper befallen. Das Virus kann sich auch in Herzmuskelzellen einbauen und so eine chronische Herzmuskelentzündung verursachen“, führt Dr. Menzl als Beispiel an.

Corona-Pandmie: Wie geht es weiter?

Gerade im Moment fällt es Dr. Menzl schwierig, einen Blick in die nahe Zukunft zu werfen – auch in Anbetracht der aggressiveren Virus-Varianten, die die Infektionszahlen derzeit exponentiell nach oben schnellen lassen.

Ihrer persönlichen Einschätzung zufolge gibt es nur zwei radikale Möglichkeiten: Entweder das öffentliche Leben grenzübergreifend in ganz Europa für 2 Wochen durch einen strikten Lockdown komplett herunterfahren oder aber der Pandemie freien Lauf lassen, lockern und öffnen, sodass sich die Bevölkerung durchinfiziere. Dies zu entscheiden aber sei Aufgabe der Regierung.

mb

Kommentare