Das sagt Professor Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck in Prien

80 Prozent mehr psychische Erkrankungen in der Coronakrise: „Nie dagewesene Situation“

Professor Voderholzer von Schön Klinik Roseneck Prien zu Zunahme psychischer Erkrankungen durch Coronakrise
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Professor Dr. med. Ulrich Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck in Prien macht auf die Zunahme psychischer Erkrankungen durch die Coronakrise aufmerksam.

Prien am Chiemsee - Depressionen, Ängste, Schlaf- oder Essstörungen - nach Daten einer Krankenkasse gibt es einen enormen Anstieg an psychischen Erkrankungen. Der Grund: Die Umstände der Coronakrise. Wir haben uns mit Professor Dr. med. Ulrich Voderholzer darüber unterhalten, was man tun kann, wenn psychische Auffälligkeiten auftreten.

Nicht nur Krankschreibungen wegen Atemwegsproblemen oder Infekten werden mehr, die Anzahl an Krankmeldungen wegen psychischer Erkrankungen seit Corona sei enorm, betont der Ärztliche Direktor und Chefarzt der Psychosomatik und Psychotherapie an der Priener Schön Klink Roseneck und beruft sich damit auf jüngste Studien, die einen deutlichen Anstieg um 80 Prozent im Bereich psychischer Störungen verzeichnen. „Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass die Corona-Pandemie eine erhöhte psychische Belastung für die Menschen darstellt.“


Krankenkassen zählen rund 80 Prozent mehr psychische Krankheitsbilder seit Corona

So verzeichnete die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) im ersten Halbjahr 2020 rund 26.700 Fälle von Krankmeldungen im Bereich psychischer Erkrankungen, im Vorjahreszeitraum waren es noch rund 14.600. Ein Plus von rund 80 Prozent. Während der Pandemie sind laut der Daten außerdem im März 2020 rekordverdächtig viele Menschen im Job ausgefallen: Der Krankenstand lag bundesweit bei 7,1 Prozent. Im Vorjahresmonat betrug er noch 5,6 Prozent. Auch der DAK-Psychoreport 2020 warnt: Die Zahl der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen ist seit dem Jahr 2000 um insgesamt 137 Prozent gestiegen.


„Die psychischen Reaktionen sind dabei nicht nur auf die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Virus zurückzuführen“, betont Professor Voderholzer. Er sieht eher die Gesamtsituation als Auslöser für die Zunahme an Erkrankungen: „Durch diese nie dagewesene Situation haben Menschen weniger die Möglichkeit sich mit ihrem sozialen Umfeld zu treffen - wobei bestimmte Personengruppen stärker betroffen sind.“

Dazu zählen ältere Menschen - gerade in Pflegeeinrichtungen - sowie Kinder und Jugendliche, die es gewohnt sind, sich regelmäßig mit Gleichaltrigen zu treffen oder auf Angebote in Kita und Kindergarten zurückgreifen. Aber auch Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten und besonders jetzt in der Corona-Pandemie eine hohe Verantwortung haben, leiden unter der aktuellen Situation. Ängste und Depressionen lassen sich hingegen häufiger bei Frauen feststellen.

Psychische Erkrankungen: Wie erkenne ich Störungen und was kann ich tun?

Wer ständig niedergeschlagen und antriebslos ist, seinen Alltag nicht mehr strukturieren kann oder wem die Konzentration bei der Arbeit fehlt, der sollte Professor Voderholzer zufolge Hilfe in Anspruch nehmen: „Hier können wir nur ermutigen, ambulante oder stationäre Hilfsangebote auch anzunehmen - was vielen aufgrund von Scham nicht immer leicht fällt.“

Gute Erfahrungen habe man indes auch mit modernen Online-Therapieangeboten gemacht. Die haben gerade jetzt in der Pandemie den Vorteil, dass Patienten kontaktlos via Bildschirm behandelt werden können. Auch wenn das noch nicht von allen Krankenkassen unterstützt wird, Professor Voderholzer ist sich sicher, dass sich solche Behandlungsmethoden in den nächsten Jahren noch verstärken. "Der Erfolg einer Therapie hängt in erster Linie davon ab, ob ein Mensch überhaupt bereit ist, an seiner Situation etwas zu ändern und an seinen Problemen zu arbeiten", untermalt der Ärztliche Direktor.

Masketragen „weder gesundheitsschädlich noch psychisch belastend“

Die Pandemie stellt auch die Priener Schön Klinik vor neue Herausforderungen: „So etwas haben wir noch nie erlebt. Wir mussten viel umstellen, um die Hygienebestimmungen korrekt einhalten zu können“, betont Professor Voderholzer und erklärt, Therapien würden grundsätzlich nur noch mit Maske stattfinden. „Wir erleben, dass die Patienten dankbar sind, hier sein zu dürfen. Sie fühlen sich geschützt und gut versorgt. Die fehlenden Kontakte hingegen sind ein Problem, denn Besuch zu bekommen, ist sehr wichtig für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hier müssen wir Geduld haben. Ich bin sehr guter Dinge, dass die Krise im kommenden Jahr bewältigt wird durch Impfstoffe.“

Das Masketragen würde überdies keine psychischen Erkrankungen fördern, ist sich der Professor sicher: „Im Allgemeinen wird das überschätzt, dass es gesundheitsschädlich oder psychisch belastend ist. Tatsächlich ist es wissenschaftlich erwiesen, dass die Maske schützt und 90 Prozent der Tröpfchen auffängt."

Corona-Pandemie hält weiter an: Wie kann ich den Maßnahmen der Regierung am besten begegnen?

Professor Voderholzer rät, sich an die Regeln zu halten und sich solidarisch zu verhalten: „Jede Krise in einer Gesellschaft ist auch eine Chance für die Menschen, indem man dazu lernt und eine Bewältigungserfahrung macht. Stressbelastungen sollten nicht nur als Negativum gesehen werden. Bei dem ein oder anderen hat sich ein positiver Nutzen ergeben, indem man näher zusammenrückt oder sich auf das Wesentliche besinnt.“

Menschen mit psychischen (Vor)-Erkrankungen hätten eine geringere Stressresistenz, daher reagieren sie in Krisensituationen eher mit Symptomen: "In der Therapie versuchen wir immer zu vermitteln, sich Herausforderungen zu stellen, an Problemen zu arbeiten uns sie zu bewältigen." Vorbelasteten Menschen helfe eine feste Tagesstruktur, Bewegung an der frischen Luft, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Schlaf. Jene Kontakte, die gut aufrecht erhalten können, sollten auch genutzt werden. Es gebe heutzutage zahlreiche Möglichkeiten, telefonisch oder per Video miteinander Kontakt zu halten, ohne in eine Isolation zu rutschen.

mb

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