Von Metzler-Buchautor erinnert sich

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Ortwin Ennigkeit in seiner Ferienwohnung in Prien mit dem von ihm herausgegebenen Buch „Um Leben und Tod“.

Prien/Hessen - Ortwin Ennigkeit hat ein Buch zur Ermordung von Bankierssohn Jakob von Metzler geschrieben. Vor 10 Jahren schlug die Tat hohe Wellen. Jetzt war der Autor in Prien zu Gast: 

Als im September 2002 der junge Jakob von Metzler, Sohn einer angesehenen Frankfurter Bankiersfamilie auf abscheuliche Art ermordet wurde, bewegte dies ein ganzes Land. Zehn Jahre nach der grausamen Tat rückt das Geschehen nochmals in das öffentliche Blickfeld. Grund hierfür sind ein Buch und ein Film, der am Montag, 24. September anlässlich der 10. Wiederkehr des Geschehens um 20.15 Uhr im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) gezeigt wird.

Das Buch verfasste Ortwin Ennigkeit, der bei den Vernehmungen des eiskalten Kindsmörders Verantwortung übernahm. Während der letzten drei Wochen und damit genau auch an den Tagen, an denen das Verbrechen wieder richtig in Erinnerung gerufen wurde, hielt sich Ortwin Ennigkeit in Prien am Chiemsee zur Kur auf. Bei einem Gespräch in seiner Ferienwohnung schilderte er eindrucksvoll seine gemachten Erfahrungen und Erinnerungen.

Die tragische Geschichte des Kindes ist hinlänglich bekannt: Jakob wurde, nachdem er sich Vertrauen erschlichen hatte von dem Mörder entführt und unmittelbar danach heimtückisch und auf unvorstellbare Weise in der Wohnung des Mörders Magnus Gäfgen erwürgt. Für Familie und Polizei begann ein Wettlauf mit der Zeit, denn aufgrund eines Erpresserbriefes und einer Lösegeldübergabe von einer Million Euro war man der Hoffnung, der Elfjährige ist noch am Leben. Der mutmaßliche und letztlich auch tatsächliche Mörder konnte gefasst werden, doch dieser verweigerte jegliche Angaben zum Entführten und wollte sich mit Lügen und Phantastereien über Wasser halten. Aber die Zeit lief den Ermittlern davon, Jakob von Metzler war bereits vier Tage verschwunden. Da ließ ein Vorgesetzter durch einen Vernehmer gegenüber dem Täter schmerzhafte Gewalt ankündigen, um damit die Preisgabe des Aufenthaltes vom entführten Kind zu erfahren. Gewalt wurde zwar nicht angewendet, aber der Täter –und sein Anwalt- nutzten allein die Ankündigung dessen drei Monate später zu einer beispiellosen Verhandlungsetappe bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ortwin Ennigkeit und sein Vorgesetzter Wolfgang Daschner wurden sogar verurteilt. Was Ennigkeit am meisten weh tat, war, dass bei der Urteilsverkündigung des Landgerichtes Frankfurt die Greueltaten der Nazis mit den angekündigten verhärteten Verhandlungsmaßnahmen im Fall Metzler verglichen wurden.

Soweit die Geschichte, die allgemein bekannt ist. Aber –so Ortwin Ennigkeit in seinen persönlichen Erläuterungen in Prien-Siggenham- es galt und gilt Vieles klarzustellen. Die schlimmen Eindrücke des Geschehens ließen ein sofortiges schriftliches Festhalten der Gedanken nicht zu. Aber die verzerrte und falsche Darstellung des wahren Vernehmungs-Verlaufs in den Medien und Gerichten drängten den Polizisten Ennigkeit, zur Feder zu greifen. Mit Hilfe von Barbara Höhn, einer guten Bekannten und gebürtigen Münchnerin, machte er sich 2009 und 2010 daran, das dann 270 Seiten starke Buch mit dem Titel „Um Leben und Tod – wie weit darf man gehen, um das Leben eines Kindes zu retten?“ zu erstellen. Das Buch im Verlag der Verlagsgruppe Random House GmbH in München erschien vor einem Jahr (ISBN: 978-3-453-17216-6).

Details und Zusammenhänge wurden in der öffentlichen Berichterstattung falsch widergegeben. Der Mörder und sein Anwalt wurden in der Aufarbeitung der gerichtlichen Maßnahmen zum genauen Ablauf der Vernehmungen durch Ortwin Ennigkeit befragt – aber nicht Ennigkeit selbst! Viele Gutachten über den Mörder wurden angefertigt. Diese bestätigten, dass dieser nicht krank im Sinne einer Krankheit ist, sondern dass sich dieser selbst als Opfer betrachtet. „Der Mörder hat auch lange nach der Tat noch nicht realisiert, was er angerichtet hat. Er hat einen unschuldigen Jungen umgebracht und dessen großes Familien- und Freundesumfeld um Lebensfreude gebracht.“ In einem eigenen Buch mit dem Titel „Allein mit Gott“ hat der Mörder sich und seine Tat verniedlicht.

Als sich der Entführungsfall zuspitzte und angenommen werden musste, dass der Bub am vierten Tag nach seiner Entführung um sein Leben irgendwo im Frankfurter Raum kämpft, da gingen die Vernehmer nach Paragraph 32 StGB von einem gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff des Mörders gegen Leben und Gesundheit von dem Bub aus und sie kündigten schmerzhafte Maßnahmen an. „Ich fasste den Angeklagten nicht an, aber ich sprach sein Gewissen an und schaute ihm in die Augen“, so Ortwin Ennigkeit. „Und ich sagte ihm, dass ihn das ermordete Kinde nie wieder loslassen werde, dass er sein Leben lang Alpträume haben werde“ – so Ennigkeit weiter. Daraufhin gab der Mörder den Ort des versteckten Leichnams preis.

Ortwin Ennigkeit will kein Aufheben um seine Person. Er hat mit dem Fall schon zu viel mitgelitten. Im Vergleich zu anderen Verbrechen war dieses das kaltblütigste und aufsehenerregendste. Insgesamt eintausend Leute, ein Teil davon verdeckt Ermittelnde waren vor zehn Jahren im Einsatz. Eine wahrlich große Einsatz-Meisterleistung. Dies hat auch die schmerzhaft betroffene Familie von Metzler gewürdigt. Gerade aufgrund der damals verzerrt dargestellten Inhalte und wegen der Klagen des Mörders, der sich als Opfer „präsentierte“, weil er bei der Vernehmung unter psychischen Druck gesetzt wurde, hat die Familie Metzler die Herausgabe des Buches von Ortwin Ennigkeit und der Verfilmung des Schicksals ihres Sohnes zugestimmt. Der Film „Der Fall Jakob von Metzler“ wird am Montag, 24. September ab 20.15 Uhr im Zweiten Deutschen Fernsehen gezeigt. Zu dieser Zeit ist Ermittler und Autor Ortwin Ennigkeit schon wieder in seiner hessischen Heimat. „Prien, die Kur, die Almwanderungen auf dem Samerberg und die Ruhe waren sehr wohltuend“. Während seiner Kur wurde er von mehreren Fernseh-Stationen besucht, die sich aufgrund der Schwere des Mordes an Jakob von Metzler und der 10. Wiederkehr des Schicksals in Prien einfanden, um ein Gespräch mit einem wahrlich Betroffenen zu führen.

Der Mörder Gäfgen war ein 23jähriger Jura-Student, er hatte eine 16jährige Freundin. Deren Ansprüche waren für ihren Freund zu teuer. Unter anderem darum überlegte er, wie er schnell zu viel Geld kommen kann. „Ein Raubüberfall war nicht passend für ihn“, so ungefähr habe es Gäfgen in seiner Vernehmung gesagt. Er kannte die Schwester von Jakob und nutzte das aus, um ihn am letzten Schultag vor den Herbstferien unter einem Vorwand in seine Wohnung zu locken und ihn umzubringen. „Beruflich bedingt hatte ich schon viel Kontakt mit Tötungsdelikten, aber ein so grausames Vorgehen mit tage- und nächtelangem Hoffen auf Rettung seitens der wirklichen Opfer habe ich seither nicht mehr erlebt“, so der Polizist und Mensch Ennigkeit.

Quelle: rosenheim24.de

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