Eine fröhliche Wohngemeinschaft

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Prien - Vor knapp zwei Monaten wurde die Wohnanlage "Leben mit Handicap" eröffnet. Die ersten 15 Mieter haben mittlerweile ihre neue WG bezogen.

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Es gibt überbackenen Camembert und viel zu lachen. 15 zumeist junge Leute haben sich zum Abendessen versammelt. Wenn an der Küchenzeile jemand auf den Knopf an der Arbeitsplatte drückt, fährt der Hängeschrank automatisch nach unten. Dann kommt auch der Rollstuhlfahrer ans Geschirr. Denn es ist keine normale Wohngemeinschaft, die hier zusammensitzt. Es sind die ersten 15 Mieter der Wohnanlage von "Leben mit Handicap".

Neben der Glastür der Küche im zweiten Stock hängt ein Plakat, auf dem ein Nachbar mit blauem Filzstift alles Gute und Gottes Segen im neuen Heim wünscht. Gut einen Monat ist es jetzt her, dass die ersten Bewohner in ihren 24-Quadratmeter-Zimmern Fernseher angeschlossen, Betten bezogen und Bilder aufgehängt haben.

Die Hälfte der 30 Appartements, die gleichmäßig auf drei Etagen verteilt sind, ist nun belegt. Manche Bewohner übernachten vorerst nur tageweise. Sie machen den Schritt in die Selbstständigkeit in Etappen, wollen und müssen sich erst an das eigenverantwortliche Leben herantasten. Das gilt auch für den Kontakt mit den Betreuern und umgekehrt, denn die Einschränkungen der WG-Mitglieder sind sehr verschieden.

Die "Steckbriefe" des Personals hängen zum Kennenlernen im Erdgeschoss an der Wand. Etwa ein Dutzend Fachkräfte kümmert sich wechselweise um die Bewohner, die meisten haben die "Mayer & Reif-Pflegedienste" eigens neu eingestellt. Wenn nötig, helfen sie morgens beim Anziehen und Waschen, sie gehen ihren Schützlingen beim Kochen zur Hand.

Dass heute panierter Weichkäse auf den Tisch kommt, haben die Bewohner bei ihrer wöchentlichen Konferenz beschlossen, bei der auch der Speisezettel geschrieben und der Einkaufsplan aufgestellt wird. Die Konferenzen steuert die Hausleiterin. Anita Read ist für den Verein "Leben mit Handicap", den Bauherrn der bayernweit beispiellosen Anlage, "ein absoluter Glücksfall", freut sich Vorsitzender Günther Bauer. Kaum jemand kennt die Wünsche und Bedürfnisse im Haus wohl besser als die frühere Behindertenbeauftragte des Landkreises Rosenheim. In 30 Wochenstunden sorgt sie dafür, dass der Alltag funktioniert. Und eine Hauswirtschafterin hat ein wachsames Auge darauf, dass auch gesunde Sachen auf den Tisch kommen und der Speiseplan ausgewogen ist.

"Zumba"-Kurs im Dachgeschoss

Während es in der Küche lustig und laut zugeht, huschen zwei Glastüren weiter Damen mit Sporttaschen treppauf. Volkshochschul-Geschäftsführerin Elisabeth Girg gibt im fast rundum verglasten Terrassengeschoss mit Panoramablick jeden Mittwochabend "Zumba"-Kurse. Die sportlichen Gäste im Haus sind ein erster Schritt zur angestrebten Integration der Bewohner ins Priener Gesellschaftsleben - genau dafür ist der große Aufenthaltsraum auch gedacht.

Künftig sollen an zwei Abenden pro Woche VHS-Kurse angeboten werden, erklärt Bauer beim Rundgang mit der Chiemgau-Zeitung: einer, der auf eine Zielgruppe von außerhalb abzielt und in den die Bewohner mit einbezogen werden können und einer, der die Bedürfnisse der Bewohner anspricht, aber jedermann offen steht.

Die ersten haben ihren Camembert inzwischen verspeist und machen es sich auf dem Sofa im hinteren Teil der großzügigen Wohnküche bequem. Am Boden dienen zwei Kürbisse als Herbstdeko, auf einem Regal stapeln sich Scrabble, Rummikub und andere Gesellschaftsspiele, an der Wand hängt ein Flachbildfernseher.

Die wohnliche Atmosphäre hilft gegen das Heimweh, das beim ein oder anderen ab und an noch aufflammt. Schließlich haben sich die 19- bis 26-Jährigen zum ersten Mal im Leben vom "Hotel Mama" losgerissen, trotz ihrer Einschränkungen den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Die beiden "Senioren" der WG, sie Ende 30 und er knapp über 50, tun sich da leichter. Die beiden haben bisher bei Verwandten gelebt, aber die waren auf Dauer damit überfordert.

Bilder von der Einweihung:

Prien: Neue Wohnanlage für Menschen mit Handicap

Das Personal besteht im Hausjargon aus "Assistenten", denn die zumeist weiblichen Helfer haben ein waches Auge darauf, dass der Alltag alltäglich wird: Sie schauen, dass die Waschkörbe voll werden und dass an der Waschmaschine die richtige Temperatur eingestellt wird. Die Pflichten des täglichen Alleinlebens wollen gelernt sein.

Nach fünf Wochen haben sich auch schon feste Rituale eingespielt. Punkt 6 Uhr treffen sich alle zum gemeinsamen Frühstück, zwischen 6.40 und 7.05 Uhr fahren Kleinbusse vor, die den größten Teil der Bewohner zur Arbeit in die Wendelstein-Werkstätten nach Raubling und Rosenheim bringen. Nur einer bleibt in Prien, er ist Hausmeister bei der Schön Klinik.

Bei der Planung des 4,5-Millionen-Euro-Komplexes hat "Leben mit Handicap" an fast alles gedacht: an elektrische Türöffner, automatisch absenkbare Hängeschränke, Bewegungsmelder für sämtliche Lampen in den Fluren, um Strom zu sparen. Aber in der Küche gibt es zu wenig Steckdosen, hat Bauer festgestellt. Es sind acht, und die reichen nicht immer, wenn ein Dutzend hungriger Mieter gleichzeitig kocht.

Auf kurz oder lang werden aber ohnehin die beiden anderen Küchen im Erdgeschoss und zweiten Stock in Beschlag genommen werden müssen. Bauer macht sich gerade auf die Suche nach Mietern für die 15 noch freien Zimmer. Zwar haben sich Eltern aus dem Kreis der Vereinsmitglieder mit ihren Einlagen von jeweils gut 50.000 Euro ein Belegungsrecht gesichert, ein Teil wird davon aber erst in einigen Jahren Gebrauch machen, wenn der Nachwuchs alt genug ist. Deshalb sollen die freien Appartements bis dahin quasi untervermietet werden - an Interessenten, die einen Schwerbehindertenausweis haben und auf Grundsicherung angewiesen sind. Das ist eine der unzähligen bürokratischen Hürden, die "Leben mit Handicap" schon genommen hat und noch nehmen wird.

Dirk Breitfuß (Chiemgau-Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © amf

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