"PISA" und "Patchwork"

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Prien - Kinder und Jugendliche suchen wegen einer psychischen Erkrankung verstärkt einen Arzt oder eine Klinik auf.

Im Rahmen einer Tagung der Schön Klinik Roseneck diskutierten 350 Ärzte und Psychologen über die Hintergründe und über wirksame Therapien.

Die acht Vorträge und fünf Workshops namhafter Wissenschaftler beschäftigten sich mit verschiedenen Krankheitsbildern: von Angst-, Zwangs- und Essstörungen bis zu ADHS (= Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) im Kindes- und Jugendalter. Für das Rahmenprogramm sorgten eine Ausstellung der Gestaltungstherapie der Klinik sowie das Improvisationstheater „Fast Food“ aus München. Die Veranstalter zeigten sich mit der großen Resonanz sehr zufrieden.

„Wir wissen aus Daten der Krankenkassen, dass immer mehr Mädchen und Buben ärztlich-therapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen. Was noch auffälliger ist: Kinder und Jugendliche erkranken immer früher“, sagt der Psychiater Professor Dr. Ulrich Voderholzer. Das zeige etwa das Beispiel der Magersucht. Setzte die Erkrankung früher durchschnittlich erst mit 18 Jahren ein, zeigten aktuelle Studien, dass junge Mädchen – und seltener Buben – im Schnitt jetzt schon mit etwa 15 Jahren erkranken. „Magersucht ist die gefährlichste psychische Erkrankung überhaupt“, betonte Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck. „Jeder zehnte Patient verstirbt an den Folgen der Mangelernährung oder durch Suizid. Wenn diese Erkrankung jetzt Jugendliche und immer öfter auch Kinder trifft, ist das eine bedenkliche Entwicklung.“

Warum ein junger Mensch psychisch krank wird, habe immer mehrere Gründe. Vererbung spiele eine Rolle, familiäre Konflikte, geringes Selbstvertrauen, bei Magersucht zum Beispiel auch hoher Perfektionismus. Dazu kämen gesellschaftliche Faktoren, die Voderholzer mit „,PISA‘ und ,Patchwork‘“ zusammenfasst.

„Der steigende Leistungsdruck in der Schule trifft auf junge Menschen, die immer weniger Halt in familiären Beziehungen finden“, ergänzt Dr. Silke Naab. Sie leitet die 2011 gegründete Jugendstation der Schön Klinik Roseneck. Ihre Patienten haben nicht selten eine Scheidung miterlebt. „Freunde ziehen weg, Eltern trennen sich. Viele junge Menschen bewältigen diese kleinen und großen Lebenskrisen“, sagt Naab, „aber einige reagieren mit Ängsten, Depressionen oder selbstschädigendem Verhalten wie Hungern oder Ritzen.“

„Chronifizierung vermeiden“, so formuliert Voderholzer die Zielsetzung von ambulanten und stationären Therapien. „Je früher und konsequenter eine Therapie einsetzt, desto größer sind die Chancen, dass die psychische Erkrankung junge Menschen nicht bis in die Lebensmitte begleitet und die vielfältigen Folgen psychischer Erkrankungen vermieden werden.“

Untersuchungen der Schön Klinik, die jedes Jahr mehr als 1000 Patienten mit Essstörungen behandelt, zeigen, dass Therapieerfolge bei Jugendlichen deutlicher ausfallen als bei älteren Patienten. So konnte die Schön Klinik Roseneck nach eigenen Angaben im Schnitt ihre jungen Patienten nach einer mehrwöchigen Therapie mit einem normalen „Body-Mass-Index“ entlassen. Parallel seien bei den Betroffenen die Symptome der Essstörung stark zurückgegangen „Wir sprechen hier von der möglichen Gunst der frühen Stunde“, sagt Naab.

Die Schön Klinik Roseneck war die erste Einrichtung deutschlandweit, die sich auf die Behandlung von Essstörungen spezialisierte. Heute ist sie in der Therapie von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen führend. Seit 2011 möchte die Klinik mit einer Spezialstation für Jugendliche mit Essstörungen das Therapieangebote für jüngere Betroffene ergänzen. Das oberste Qualitätsziel der Klinik ist ein individuell auf den Patienten abgestimmtes Behandlungskonzept auf dem aktuellen Stand der empirischen Forschung.

re/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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