Drei Landkreise, ein Netzwerk: Mobilität garantiert

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Prien - Ob zum Arzt oder zum Supermarkt: Eine Priener Firma hatte die Idee zum Netzwerk "Immer mobil". Dieses sichert älteren Menschen die Bewegungsfreiheit.

Die betagte Dame muss zum Arzt. Auto fährt sie schon lang nicht mehr. Aber in dem 200-Seelen-Dorf, in dem sie daheim ist, hält nicht einmal ein Bus. Sie greift zum seniorengerechten "Smartphone", gibt ihre Adresse und die des Arztes ein. Auf dem Bildschirm wird ihr sofort ein Weg aufgezeigt: Eine Mitfahrgelegenheit in einer halben Stunde mit jemandem aus dem Dorf, der zum Einkaufen muss, samt Umsteigegelegenheit im nächstgrößeren Ort in einen Bus oder Zug und Anschluss per Taxi in der Stadt bis vor die Praxistür.

So sieht "Immer mobil" in der Theorie aus. Vor sechs Jahren hatte Gerd Waizmann, Inhaber der Firma "Protime" im Priener Logistik-Kompetenz-Zentrum (LKZ), die Idee, mit Hilfe moderner Technik ein Netzwerk zu knüpfen, um vor allem den immer mehr älteren Menschen ihre Mobilität zu erhalten. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML), das im LKZ ein Projektzentrum hat, entwickelte er ein System, das Angebote des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), Bürgerbusse und -taxen, Mitfahrzentralen und soziale Fahrdienste miteinander verknüpft. Wer zum Beispiel abends nach einem Konzert nach Hause will, bekommt in Echtzeit eine kombinierte Route angezeigt.

Das Forschungsprojekt "Immer mobil" gilt als europaweit einmalig. Drei Jahre lang wurde es vom Bundeswirtschaftsministerium mit 1,2 Millionen Euro gefördert. Im letzten Quartal 2011 musste es sich in einem Feldversuch in den Landkreisen Rosenheim und Traunstein in der Praxis bewähren. "Es hat drei Monate funktioniert. Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden", fasste jetzt Wolfgang Inninger, Leiter des Fraunhofer-Projektzentrums, bei den siebten "Priener Logistik-Gesprächen" vor gut 50 Teilnehmern im "Yachthotel" zusammen. Über 1000 Anfragen gingen ein, drei Viertel der Teilnehmer kamen aus dem ländlichen Raum, die meisten von ihnen waren zwischen 60 und 70 Jahren alt: Zielgruppe also erreicht. Neben dem ÖPNV nutzten die Kunden vor allem "Bürgertaxis", fuhren also bei Leuten mit, die auf dem Weg zum Arbeiten oder Einkaufen einen Platz in ihren Pkw anboten.

Mehr Anbieter als Kunden

Ein nicht unwesentlicher Punkt der Auswertung des Feldversuchs: Es gab mehr Anbieter von Fahrgelegenheiten als Kunden. Die Fachleute machen dies an dem Umstand fest, dass der Service zu wenig bekannt, die Scheu vor der Technik zu groß und das Misstrauen gegenüber einer nur elektronischen Fahrtbestätigung zu groß war und ist.

Deshalb soll "Immer mobil" im Dauerbetrieb, der nun vorbereitet wird, ein "Call Center" beinhalten, also eine Telefonzentrale, die auch Aufträge auf Wunsch bestätigt. Im Feldversuch hatte der "Malteser Hilfsdienst" diese Rolle einer zentralen Anlaufstelle übernommen.

Die Landräte von Rosenheim und Traunstein, Josef Neiderhell und Hermann Steinmaßl, hatten nach Ende des Probebetriebs ihre weitere Unterstützung beim dauerhaften Betrieb signalisiert, der Landkreis Berchtesgadener Land hat sich inzwischen dazugesellt. Allerdings sind die Mittel aus den Landkreis-Etats begrenzt. "Wir müssen die Brötchen backen, wie wir sie backen können", umschrieb es Neiderhell in der Podiumsdiskussion bei den "Logistik-Gesprächen".

"Ohne Budget ist die ganze schöne neue Welt schwer umzusetzen", brachte Waizmann auf den Punkt, dass die Zukunft von "Immer mobil" vor allem am lieben Geld hängt. Deshalb gehen die Initiatoren Inninger zufolge jetzt auf die Suche nach Sponsoren und einem Betreiber. "Sobald genug Volumen da ist, werden wir sofort starten." Um das System für einen, möglichst "neutralen Mobilitätsanbieter" lukrativer zu machen, sollen zusätzliche Zielgruppen angesprochen werden - von Schülern auf dem Land, denen eine Alternative zum "Mama-Taxi" angeboten werden könnte, bis zu Firmen, deren Mitarbeiter dann keinen Parkplatz suchen müssen, und anderen. Auch Arztpraxen oder Kinobetreiber könnten als Kundenvermittler eingebunden werden.

Zukunftsgedanke "Mobilitäts-Flatrate"

Ein entscheidendes Kriterium, ob "Immer mobil" sich durchsetzen kann, wird der Preis sein. Denn die Preise für Bus, Bahn und Taxi summieren sich bei entsprechender Route. Deshalb schwebt den Erfindern so etwas wie eine "Mobilitäts-Flatrate" vor. Aber das sind noch Zukunftsgedanken.

Klar ist allen, dass angesichts der demografischen Entwicklung mit immer mehr älteren Menschen Handlungsbedarf besteht, gerade im sogenannten ländlichen Raum.

2011 hatten Urlauber bei einer groß angelegten Befragung im Landkreis Rosenheim Neiderhell zufolge beim ÖPNV den größten Handlungsbedarf angemahnt. "Das hat uns zu denken gegeben. Man muss sich noch vielfältiger aufstellen, um für alle das anzubieten, was sie brauchen", folgerte der Landrat.

Und auch die technische Infrastruktur muss passen, denn neben mobilen Endgeräten und Telefon soll der Mobilitätsdienst auch übers Internet schnell und in Echtzeit verfügbar sein. Aber gerade im ländlichen Raum ist der Weg ins Netz mancherorts noch verhältnismäßig lang, moderne und schnelle Breitbandkabel gibt es längst noch nicht überall.

Der Landkreis Rosenheim hatte zuletzt 100000 Euro für die Grundlagenforschung zum flächendeckenden Ausbau des Breitbandnetzes ausgegeben. Zur Umsetzung müssen aber auch die Kommunen ihren finanziellen Beitrag leisten. Und das ist laut Neiderhell derzeit ein "fürchterliches Gegurke".

db/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © pa

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser