Zwei Postadressen, ein Stundenplan

Prien - Rosenheims Landrat Josef Neiderhell kommt am ersten Schultag, um die Fünftklassler zu begrüßen. Das lässt schon ahnen: Irgendwas ist anders nach den großen Ferien. Stimmt:

Zum ersten Mal in der Geschichte Priens nehmen zwei Realschulen den Unterrichtsbetrieb auf - eine kommunale und eine staatliche, mit zwei getrennten Postadressen, aber einem gemeinsamen Stundenplan.

Die Realschule schrumpft und wächst zugleich. In die über 30 Jahre alte kommunale Schule unter Trägerschaft des Landkreises werden ab Donnerstag gut 560 Schüler gehen. Das sind 80 weniger als ein Jahr zuvor. Und trotzdem wird es in Prien gut 30 Realschüler mehr geben als vor zwölf Monaten.

Denn die neue, staatliche Realschule startet mit 114 Kindern und zehn Lehrern, inklusive Rektorin Kerstin Haferkorn. Die Hälfte pendelt tageweise von Wasserburg (wo sie vorerst noch offiziell als Beamte dazugehören) nach Prien, die andere Hälfte wurde von anderen Schulen in die Marktgemeinde versetzt.

Wenn Haferkorn und ihr kommunaler Rektorenkollege Karl Lau über Klassenstärken, Wahlunterricht oder Turnhallenengpässe sprechen, sind die Übergänge fließend und auch für sie selbst mitunter noch gewöhnungsbedürftig - vieles geht ineinander über. In der Praxis ist die Zusammenarbeit sinnvollerweise eng, wenn auch jeder seine eigene Postadresse hat: Lau bekommt Briefe an den Valdagnoplatz 1, Haferkorn an die Schulstraße 9.

Beide müssen schmunzeln ob der getrennten Briefkästen. Die sind deshalb nötig, weil zum Beispiel vertrauliche Personalinformationen nicht irrtümlich an die falsche Stelle geraten sollen, wenn auf dem Umschlag nur "Realschule Prien" steht. Weil beide namenlos sind, also nicht nach einer bedeutenden Persönlichkeit benannt, so wie das örtliche Gymnasium oder die Mittelschule, ist die Verwechslungsgefahr groß.

Als Finanzminister Markus Söder und sein Kultuskollege Josef Spaenle im Januar in Wildbad Kreuth die Gründung der staatlichen Realschule besiegelten, für die Priener Bürgermeister und Rosenheimer Landräte Jahrzehnte gekämpft hatten, legten sie auch den Fahrplan für die nächsten Jahre fest. Die Schule unter Trägerschaft des Staates, für die der Landkreis auf seine Kosten in den nächsten Jahren den Realschulkomplex nach Süden mit Millionenaufwand erweitern will, soll Jahr für Jahr wachsen und am Ende von der fünften bis zur zehnten Klasse zweizügig sein.

Sie startet mit je zwei fünften und sechsten Klassen. Viele Kinder kommen unter anderem aus Frasdorf, Aschau oder Bernau - Gemeinden, aus denen die kommunale Realschule seit Jahren mangels Platz keine Schüler mehr aufnehmen konnte und sie nach Rosenheim oder Marquartstein weiterschicken musste.

Die kommunale Schule schrumpft im Gegenzug, sie wird in einigen Jahren durchgehend dreizügig sein. Unterm Strich wird es dann in Prien 30 Realschulklassen geben. Vor einem Jahr waren es nur 24, heuer ist es vorerst eine mehr. 21 davon sind kommunal (drei fünfte, zwei sechste je vier siebte bis zehnte Klassen).

Alles noch sehr verwirrend. Noch ein Beispiel: Vor einem Jahr umfasste Laus Kollegium 50 Lehrkräfte, jetzt sind es sechs weniger und trotzdem gibt es vier Realschullehrer mehr. Einige springen in Religion, Englisch und Mathe sogar zwischen den beiden Schulen.

Alle Sechstklassler (je zwei staatliche und kommunale Klassen), die nur zum Sportunterricht spezielle Räume brauchen, werden in Pavillons unterrichtet, die der Landkreis schon vor den Ferien auf dem Parkplatz am großen Kursaal aufgestellt hatte und inzwischen mit Stühlen, Tischen und Tafeln bestückt hat. Auch ein Pausenraum und ein kleines Lehrerzimmer sind Bestandteile des über 50 Meter lang gestreckten Provisoriums.

Das Gelände dort hatte der Kreis vor Jahren vom Markt Prien gekauft, inklusive einer Hotelruine, der er mit der Abrissbirne dann den Garaus machte und stattdessen zusätzliche Stellplätze anlegte. Dort soll einmal eine neue, größere Turnhalle für das benachbarte Ludwig-Thoma-Gymnasium (LTG) entstehen.

Gut möglich, dass der Landkreis sie gleich so groß baut, dass auch noch Platz für Sportunterricht der Realschüler ist. Denn wie am LTG ist auch für die Realschule(n) die Planung des Sportunterrichts das schwierigste Unterfangen in der gemeinsamen Stundenplanung, die der (kommunalen) Konrektorin Andrea Dorsch obliegt. Die Einfachhalle, die im Jahr 2000 in 150 Meter Luftlinie des Schulgebäudes am Friedhofweg eingeweiht worden war, reicht längst nicht mehr aus. Zwischenzeitlich war ja auch die "R6" eingeführt worden, die Realschule von der fünften bis zur zehnten Klasse. Früher ging es erst in der siebten los, entsprechend weniger Klassen gab es.

Von aktuell vier möglichen Sportstunden pro Woche kann für jede Klasse nur die Hälfte organisiert werden, zumal Mädchen und Buben getrennt turnen - und dazu muss noch stundenweise die Halle der Freien Waldorfschule angemietet werden. Und es gibt überdurchschnittlich viele Schwimmstunden im Prienavera.

Vieles muss sich im Zusammenleben der beiden Realschulen in den nächsten Wochen und Monaten erst einspielen, zum Beispiel die sogenannte offene Ganztagsschule. Sie wird im Rahmen eines Kooperationsmodells, das Grundlage der Schulgründung war, zusammen mit der Franziska-Hager-Mittelschule angeboten. Weil die aber erst um 8 Uhr Unterrichtsbeginn hat, die Realschule dagegen schon eine Schulstunde früher, haben die Mädchen und Buben zu verschiedenen Zeiten Mittagspause.

Die Zeiten fürs Mittagessen in der Mittelschulmensa müssen also variiert werden. Betreut werden die Kinder von der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Etwa 30 Realschüler nehmen heuer dieses Angebot wahr.

Andere Kooperationen sollen sich entwickeln, vor allem in musischen, sportlichen oder naturwissenschaftlichen Wahlfächern.

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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