Prien trauert um Franz Seebauer

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Prien - Franz Seebauer ist tot. Priens Ehrenbürger und Altbürgermeister ist in der Nacht zu Montag zu Hause verstorben. Er wurde 99 Jahre alt.

Seebauer war eine der prägenden Persönlichkeiten der Marktgemeinde in den 1960er- und 1970er-Jahren.

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In den zwölf Jahren seiner Amtszeit als Bürgermeister von 1966 bis 1978 stellte Seebauer viele maßgebliche Weichen für die Entwicklung Priens. Bevor er 1960 als Mitbegründer einer neuen Wählergruppe, in der vor allem Berufstätige angesprochen werden sollten (und aus der später die heutige ÜWG wurde), als Dritter Bürgermeister in die Kommunalpolitik kam, gab es beispielsweise im Gemeindegebiet nur 1,5 Kilometer geteerte Straßen. Als Straßenreferent gab Seebauer den entscheidenden Anstoß zum Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

1966 wurde er mit 77 Prozent der Stimmen zum neuen Bürgermeister gewählt. Unter seiner Führung entwickelte sich Prien zu einer modernen Gemeinde. Viele heute selbstverständliche Einrichtungen sind Seebauers Weitblick, Engagement und Beharrlichkeit zu verdanken. Aus dem früheren Amtsgericht wurde das Haus des Gastes mit kleinem Kursaal, 500 Parkplätze entstanden, das Warmbad (an der Stelle des heutigen Prienavera) wurde gebaut, die Seepromenade ebenso ausgebaut wie die Kanalisation, der Marktplatz umgestaltet.

Bilder aus dem Leben von Franz Seebauer

Bilder aus dem Leben von Franz Seebauer

Der Ausbau der Kurklinik Kronprinz ging ebenso auf Seebauers Verhandlungsgeschick zurück wie der Neubau der Klinik St. Irmingard mit privaten Partnern.

Seebauer trieb auch den sozialen Wohnungsbau voran. 1960 hatte es im Ort noch 3500 Heimatvertriebene gegeben, die bei Einheimischen untergebracht waren.

Der Schulstandort Prien verdankt dem Altbürgermeister vor allem die Realschule, deren Gründung er gegen Widerstände durchsetzte und deren Förderverein er auch im Ruhestand noch lange Jahre vorstand.

Nur mit dem Versuch, die Realschule zu verstaatlichen, scheiterte Seebauer wie sein Nachfolger und ab 1990, nach der Übernahme durch den Landkreis, zunächst zwei Landräte. Erst vor zwei Monaten schloss sich quasi der Kreis, als in Wildbad Kreuth die Gründung einer zweizügigen staatlichen Realschule, zusätzlich zur dreizügigen unter kommunaler Führung, besiegelt wurde.

Wie viel in der kommunalpolitisch aktiven Zeit des Ehrenbürgers in Prien geschah, lässt eine Zahl erahnen. In Seebauers Amtszeit fasste der Gemeinderat über 5800 Beschlüsse - mehr als 90 Prozent davon einstimmig.

Seebauer kam am 1. März 1913 in München zur Welt. Mit 17 Jahren folgte er seiner Mutter nach Stephanskirchen und besuchte die Oberrealschule in Rosenheim, die er 1933 als Einser-Abiturient verließ.

Ein Chemiestudium musste er bald wieder abbrechen, weil es galt, zu Hause mitzuverdienen. Seebauer bewarb sich für den gehobenen Dienst und landete bei der Bahn. Nach dem Examen 1937 bat er um Versetzung nach Rosenheim, denn von dort aus konnte er seine Schul- und Jugendfreundin Traudl Rehm heiraten, die in Prien-Trautersdorf beheimatet war. So wurde Seebauer Priener Bürger. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Der junge Seebauer durchlief alle Ressorts, die das Sozialversicherungswesen betrafen, und erwarb sich schnell großes Ansehen.

1944 wurde er als 31-Jähriger in den Kriegsdienst einberufen und kam später in französische Gefangenschaft. Die zugeteilten Essensrationen hätten zum Überleben nicht ausgereicht. Da besann er sich wieder seiner Fähigkeiten als passionierter Hobbymaler - eine Leidenschaft, die ihn schon in jungen Jahren gepackt hatte. Mit einfachsten Materialien begann er, Kameraden und Offiziere zu porträtieren. Als Gegenleistung erhielt er genug zu essen, um auch Mitgefangene am Leben zu erhalten.

Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft widmete er sich mit seinem Priener Malerkollegen Paul Paulus verstärkt der Ölmalerei.

Beruflich ging es ab 1948 bei der Bahn schnell wieder steil aufwärts. Die geplante Auflösung der Dienststelle in Rosenheim mit rund 500 Mitarbeitern konnte aufgrund der Vorschläge von Seebauer abgewendet werden. Vor dem Wechsel in die Politik war er in der Sozialverwaltung Rosenheim Personalchef und stellvertretender Bezirksleiter.

Entscheidende Impulse für die Entwicklung des Tourismus gab Seebauer auch 13 Jahre lang als Vorsitzender des Tourismusverbandes Chiemsee, der damals noch seinen Sitz in Prien hatte. In dieser Zeit stiegen die Übernachtungszahlen der Chiemseegemeinden von 1,2 auf 2,2 Millionen. Den Priener Verkehrsverein führte Seebauer von 1964 bis 1978.

Unterstützt von der Familie von Rothkirch war Seebauer auch ein Wegbereiter für die Städtepartnerschaft mit Graulhet in Südfrankreich, die in seiner Amtszeit urkundlich manifestiert wurde.

1975, drei Jahre vor seinem altersbedingten Ausscheiden aus dem Bürgermeisteramt, heiratete Seebauer in zweiter Ehe seine Frau Rosemarie.

Als er zum Altbürgermeister und Ehrenbürger ernannt wurde, würdigte ihn sein Nachfolger Lorenz Kollmannsberger mit folgenden Worten: "Du hast in unermüdlicher und erfolgreicher Arbeit unter Zurückstellung persönlicher Vorteile und Annehmlichkeiten stets das Wohl der Gemeinde Prien und ihrer Bürger vor Augen gehabt. Dein Name und Dein Wirken sind mit dem Aufbau Priens in der Nachkriegszeit untrennbar verbunden."

Auch als Maler erfuhr Seebauer große Anerkennung. Der Münchener Schule verbunden, schuf er viele Landschaftsbilder des Chiemgaus und des Oberlandes sowie aus Südtirol, das ihm quasi eine zweite Heimat war. Zu seinem 95. Geburtstag waren zuletzt Werke Seebauers im Priener Rathaus zu sehen. Die Realschule widmete ihrem "Gründervater" vor einigen Jahren ebenfalls eine Ausstellung zu ihrem 30-jährigen Bestehen. Die Qualität seiner künstlerischen Arbeit lässt sich auch daran festmachen, dass er lange Zeit immer wieder zu den Ausstellern im Haus der Kunst in München gehörte.

Bis zuletzt hat Seebauer regen Anteil an der Entwicklung Priens und dem Geschehen im Ort genommen. Bis wenige Monate vor seinem Tod war er gern gesehener Gast bei Veranstaltungen.

db/hö/Chiemgau-Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © hö

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