Wirtschaftlicher Überlebenskampf

Im Lockdown: Priener Tanzschulen streamen Hiphop-Kurse in die heimischen Hobbykeller

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Die beiden Priener Tanzschulen kämpfen ums Überleben. Der zweite Lockdown bringt sie an ihre Grenzen. Mit Online-Kursen für Mitglieder, deren Beiträge jetzt die einzige Einnahmequelle sind, versuchen die Betreiber, die Menschen in Bewegung und ihre Schule am Leben zu erhalten.

Prien – Am 30. Januar werden sich viele Priener in Schale schmeißen. Dann steigt Corona zum Trotz ab 21 Uhr ein festlicher Ball mit Tanz – im Netz. Die Onlineveranstaltung ist die bisher ungewöhnlichste Aktion einer Priener Tanzschule, damit Liebhaber von Jive, Foxtrott und Walzer auch in der Faschingszeit 2021 auf ihre Kosten kommen.

Bernd Ziegler, seit 30 Jahren Inhaber der gleichnamigen Tanzschule, verhandelt gerade mit dem Landratsamt Rosenheim Möglichkeiten aus, zum Online-Ball am Samstag, 30. Januar, auch ein kleines Showprogramm anbieten zu können, das aus dem Studio in die Priener Häuser übertragen wird. Auch ein Ballkönig und eine Ballkönigin sollen gewählt werden. Wer online mit eine flotte Sohle aufs heimische Parkett legen will, sollte sich also in Schale schmeißen.

Seit ein paar Tagen ist die Anmeldung für Tanzwütige im Netz freigeschaltet und die ersten Ballgäste haben auch gleich gebucht, freut sich Ziegler.

Mitgliedsbeiträge einzige Einnahme

Der Online-Ball ist dem Ehrenpräsidenten und langjährigen Tanz-Trainer der Prienarria eine Herzensangelegenheit. In den ersten Wochen normaler Jahre bietet sich sonst oft Gelegenheit zum Tanzen bei den Veranstaltungen der Gilde. Der finanzielle Aspekt spielt keine Rolle. Geld kommt seit Monaten nur durch die Mitgliedsbeiträge in die Kasse.

Wie Ziegler blickt auch Silvia Wangler sorgenvoll in die Zukunft. Die leidenschaftliche Tanzlehrerin, die seit gut fünf Jahren ihr Studio in der Bachstraße betreibt, bietet wie Ziegler für ihre treuen Dauertänzer aller Altersgruppen zumindest einen Teil des sonstigen Angebots online. Trotz fehlender Einnahmen hat Wangler in zusätzliche Kameratechnik investiert, um bei den Livestreams möglichst nahe an die Atmosphäre klassischer Kurse in den Tanzsälen der Schule heranzukommen.

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Immer mehr Mitglieder hätten sich in den vergangenen Monaten zuhause ihre Tanzecken eingerichtet. So bekommen Ziegler und Wangler Einblicke in Hobbykeller oder Dachgeschosse. Manches Paar wirbele beim Online-Tanzabend auch schon mal durch die heimische Küche.

Überwiegend sind es Kinder und Jugendliche, die die Online-Kurse nutzen, um im tristen Corona-Alltag Abwechslung zu finden und ihren Bewegungsdrang etwas ausleben zu können. Beim abendlichen Hiphop-Stream achten die Lehrer dann auch nicht penibel darauf, ob bei der ein oder anderen Figur der richtige Arm hochfliegt oder nicht – Spaß, Bewegung und der Kontakt mit Gleichgesinnten dank des Internets sind entscheidend.

Bernd Ziegler und seine Frau Judith wollen am 30. Januar Ball-Atmosphäre in Priener Haushalte bringen. privat

Kurse, in denen insbesondere Erwachsenen etwas neues beigebracht wird, sind nach übereistimmender Erfahrung beider örtlicher Tanzschulen online nur sehr schwierig umzusetzen. Dafür sind viele Figuren zu komplex und technische Schwierigkeiten, vor allem verzögerte Übertragungszeiten, machen es nicht leichter.

Stammkunden sichern Überleben

„Wir sind froh, überhaupt etwas machen zu können“, sagt Wangler. „Wenn wir das überleben, dann nur wegen unserer Stammkunden.“ Auch ihr Kollege Ziegler macht die nächste Zukunft seiner Tanzschule wesentlich davon abhängig, „wie die Bestandskunden bei der Stange bleiben“. Die bekommen Gutscheine für ausgefallene Stunden und sind in Prien offenbar treuer als anderswo. Ziegler weiß aus Videokonferenzen des Dachverbands der Tanzschulen von Kollegen, denen die Stammkunden in Scharen abspringen, In der Marktgemeinde seien es bisher nur einzelne.

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Dem 52-Jährigen ist nach eigener Aussage die beantragte Novemberhilfe abgelehnt worden, weil er schon beim ersten Lockdown ab März 2020 staatliche Unterstützung bekommen hatte. Wangler berichtet, dass sie bisher nur einen Bruchteil der beantragten Unterstützung erhalten habe – weit entfernt von den 75 Prozent, die von der Politik im November angekündigt worden waren.

„Planung hab ich aufgegeben“

Beim Stichwort „Planung“ muss die 33-jährige Tanzlehrerin kurz lachen – Galgenhumor. „Das hab ich schon lange aufgegeben“, sagt Wangler.

Der Fasching, Hochzeitsfeste und Abschlussfeiern von Schulen sind die Ereignisse, die den Priener Tanzschulen eigentlich verlässlich neue Kunden und damit Einnahmen bescheren. Heuer bricht das alles weg. In normalen Zeiten bietet Ziegler etwa 25 Kurse pro Woche, jetzt ist es online für Mitglieder nur knapp die Hälfte. Bei Wangler sind die Zahlen ähnlich.

Frust über den zweiten Lockdown

Der Frust über den neuerlichen Lockdown, dessen Ende nicht absehbar ist, lässt sich bei Tanzschulen-Betreiberin Silvia Wangler auch auf der Homepage ablesen. Dort heißt es unter anderem:

„Durch unseren Verband sind wir mit über 800 deutschen ADTV Tanzschulen vernetzt und wissen aus erster Quelle, dass in ganz Deutschland kein einziger Fall auftrat, bei dem ein Ansteckungsverdacht auf eine Tanzschule fiel. Tausende tanzten bundesweit unter einwandfreien hygienischen Gegebenheiten und in bestmöglicher Sicherheit.

Dennoch trifft uns dieser zweite Lockdown massiv.“

Ein Sport für Jung und Alt

Wie gesund Tanzen sein kann, gerade in Zeiten, in denen viele Menschen unter Bewegungsmangel leiden, beschreibt Tanzschulen-Betreiber Bernd Ziegler auf seiner Homepage:

„Mit der Pulsfrequenz von 120 bis 150 ist Tanzen das perfekte Herz-Kreislauf-Training. Gleichzeitig werden alle Muskeln gestärkt, besonders die im Rücken, den Beinen und im Beckenboden. Auch Sehnen und Bänder profitieren, weil sie stärker durchblutet werden. Die aufrechte Haltung entlastet die Wirbelsäule und beugt Bandscheibenschäden vor. Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit werden trainiert. Ganz nebenbei verbessert sich auch die Haltung.“

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