Ferngesteuert und fehlgeleitet

Prien/Chiemgau - Immer öfter "verirren" sich im weit verzweigten Netz rund um die Kampenwand Radler auf Wege, auf die sie nicht hingehören.

Anton Schauer liebt die heimischen Berge. Wenn es die Zeit erlaubt, schnürt der Verkehrsexperte der Priener Polizei gern die Wanderstiefel. Und wenn ihm dann auf einem unwegsamen Steig zwischen Schlechtenbergalm und Hintergschwendt im Kampenwandgebiet plötzlich zwei Mountainbiker entgegenkommen, holt ihn ein Problem ein, das Schauer in der Dienstzeit zunehmend Kopfzerbrechen bereitet.

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Immer öfter "verirren" sich im weit verzweigten Netz rund um die Kampenwand Radler auf Wege, auf die sie nicht hingehören. Meistens sind es Ortsunkundige, fehlgeleitet, von einer GPS-gesteuerten Tour. Das "Global Positioning System" machen sich Jahr für Jahr mehr Anbieter zunutze. Die Touren, die dank der Satellitentechnik dabei herauskommen, leiten immer mehr Mountainbiker in die Irre und zwingen sie zu waghalsigen Abfahrten in gefährlichem Terrain. Schauer kennt die Klagen der Almbauern nur zu gut, deren Vieh von den Freizeitsportlern im Sattel aufgescheucht wird oder ausbricht, wenn wieder ein Zaun niedergefahren wurde. Auf manche Anbieter von GPS-Touren ist der Beamte nicht gut zu sprechen.

Überhaupt, die Radler: Egal, ob in den Bergen oder im flachen Voralpenland, für Schauer und seine Kollegen der Priener Inspektion hat der ungebrochene Radl-Boom Schattenseiten. Die meisten Freizeitsportler verhalten sich besonnen und rücksichtsvoll. Aber mit der Zahl der Pedaleure nehmen auch die Beschwerden über Unvernünftige zu. "Klassiker" sind Radler auf Gehwegen, die sich klingelnd und rufend ihren Weg bahnen, und solche, die trotz Radwege die Straße als Sportplatz vorziehen und Autofahrern die Zornesröte ins Gesicht treiben, weil sie deren Fahrt behindern. Das könnten sie in Zukunft vielleicht sogar, ohne dass ein Bußgeld droht. Denn das Bundesverwaltungsgericht (BVG) hat ein Urteil gefällt, das Zündstoff in sich birgt. Bisher sind Radler verpflichtet, beschilderte Radwege oder kombinierte Geh- und Radwege neben Straßen zu benutzen. Laut Urteil dürfen Radler nun die Fahrbahn benutzen.

Die Folgen des Urteils beschäftigen die Politik, die konkrete Umsetzung ist noch unklar. In der Praxis dürfte sich Schauers Einschätzung nach nicht allzu viel ändern. Sicherheitsbewusste Radler werden weiter den für sie gebauten Weg bevorzugen, die schnellen sportlichen zum Teil die Straße. Erst kürzlich hat Schauer dieses und andere Probleme bei einem Vortrag der "Sicherheitsgemeinschaft Bürger und Polizei" dargelegt - vielsagender Titel: "Der Radfahrer im ständigen Konflikt mit Mensch und Gesetz". Eine Kombination aus mehreren Faktoren beschwört nach seiner Überzeugung die Probleme herauf, weswegen sich Radler, Autofahrer und Fußgänger vermehrt in die Quere kommen. Immer ausgefeilter, individueller werden die Drahtesel, immer mehr machen sich Touristiker den Boom zunutze, preisen ihre Regionen als Radfahrparadiese an. Wie in vielen anderen Gegenden sind auch im Chiemgau zahlreiche Radwege entstanden, die für Schauer mangels eines Gesamtkonzepts heute oft als "Stückwerk" daherkommen. So sieht er die gut gemeinten und Millionen schweren Anstrengungen von Regierung und Anlieger-Kommunen zur Attraktivitätssteigerung des Chiemsee-Rundwegs zwiespältig. Dass neue Teilstücke wie jener zwischen Aiterbach und Wolfsberg entlang der viel befahrenen Staatsstraße nur die Minderheit der Radler locken können, während die Mehrzahl weiter den alten Uferweg in Seenähe bevorzugt, überrascht ihn nicht.

Gerade innerorts, wo der Verkehr rapide zugenommen hat, fehle es oft an Infrastruktur, am Platz. "Die vielen Radfahrer haben nicht genug Fläche zur Verfügung, sie werden manchmal fast in unerwünschte Bereiche gezwungen." Kein Wunder, dass sich Beschwerden über Radler auf Gehwegen häuften. Kontrollen, um Radler zu sensibilisieren, seien aus personellen Gründen kaum möglich. Ein Beispiel für das Konfliktpotenzial sei der schmale Weg entlang der Westernacher Straße, Richtung Rimsting. Er ist als Gehweg ausgewiesen. Radler, die darauf fahren, tun etwas, was sie nicht dürfen. Verhalten sie sich rechtlich richtig und radeln auf der Fahrbahn, ärgern sie Autofahrer, die wegen des Gegenverkehrs nicht an ihnen vorbeikommen.

Bei jedem zwölften Unfall im Einsatzgebiet der PI Prien zwischen Halfing und Sachrang ist ein Radler beteiligt. Die meisten Pedaleure kommen ohne Fremdeinwirkung zu Schaden, weil sie zu schnell um die Kurve fahren oder sich verbremsen. Jeder vierte verletzte Verkehrsteilnehmer, der 2010 bei der PI aktenkundig wurde, war ein Radfahrer. Und das, obwohl nach Schauers Beobachtungen die Mehrzahl inzwischen mit Helm im Sattel sitzt.

Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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