"Vertuschung kann hier nicht unterstellt werden!"

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Der neue Pfarrkindergarten, in dem nun alle Kinder untergebracht sind.

Grabenstätt - Außergewöhnlich viele Zuschauer kamen am Montagabend zur Gemeinderatssitzung in Grabenstätt. Kein Wunder: Es ging um die Radon-Belastung im alten Kindergarten.

Diese - und auch die vielen Medienvertreter - mussten sich aber zunächst ein wenig gedulden, denn bevor das mit Spannung erwartete Thema Radon-Belastung im Alten Pfarrkindergarten St. Maximilian behandelt wurde, stand der Erhalt der Maulbeerbäume am gemeindlichen Schulgrundstück in Erlstätt und die verlängerte Mittagsbetreuung im gemeindlichen Kindergarten in Erlstätt auf der Tagesordnung.

"Vertuschung kann hier nicht unterstellt werden!"

Hier im alten Pfarrkindergarten wurden die erhöhten Strahlungswerte gemessen.

Nachdem diese beiden Punkte zügig abgearbeitet worden waren, erinnerte Bürgermeister Georg Schützinger in seinem Radon-Sachstandbericht daran, dass die Trägerschaft und damit auch die Verantwortung für den Betrieb des Pfarrkindergartens nicht bei der Gemeinde, sondern bei der katholischen Kirchenstiftung liege, die wiederum von der Kirchenverwaltung vertreten werde. Insofern sei es schon bemerkenswert, so der Rathaus-Chef, dass im Vorfeld der Sitzung medial darüber spekuliert worden sei, dass er sich auf eine Reihe kritischer Fragen einstellen müsse. „Ich bin weder die Rechtsaufsicht, noch Fachaufsicht, noch Träger, noch Verantwortlicher“, stellte Schützinger klar. Die Radon-Problematik sei nicht erst 2009 aktuell geworden ist, reagierte er auf einen der Vorwürfe. Die Kirchenverwaltung habe die Öffentlichkeit stets informiert und sei sehr verantwortungsvoll mit diesem sensiblen Thema umgegangen. „Vertuschung oder Verheimlichung kann ihr hier keinesfalls unterstellt werden“, betonte Schützinger und lobte die Mitglieder der Kirchenverwaltung, die ihr Amt „ehrenamtlich und nach besten Wissen und Gewissen ausüben“. Er hoffe, dass die jüngsten Schlagzeilen dem neu geschaffenen Pfarrkindergarten nicht schaden werden, denn dort werde professionell gearbeitet und die Kinderbetreuung sei von „hervorragender Qualität“.

"Wir haben die Verantwortung!"

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„Wir haben die Verantwortung und deswegen müssen wir auch Rede und Antwort stehen“, stellte Gemeinderat und Kirchenpfleger Maximilian Wimmer (CSU) als Mitglied der Kirchenverwaltung unmissverständlich klar. Er ließ die Geschehnisse seit 2002 noch einmal Revue passieren und erklärte wie die Kirchenverwaltung jeweils reagiert habe. Im Zuge eines Schreibens vom Ordinariat in München, das an alle Pfarrkindergärten ging, haben man sich 2002 dazu entschlossen Schadstoff-Messungen durchzuführen. Dabei sei es aber in erster Linie um PCB gegangen. Auf Betreiben von Dr. Jakob Wagner vom untersuchenden INA Institut testete man dann auch auf Radon, weil beim Bau des Gebäudes Schlackesteine verwendet worden waren. Nachdem bei einer ersten Messung im April 2002 ein Spitzenwert von 170 Becquerel Strahlung pro Kubikmeter Luft festgestellt worden sei und gesichert war, dass das Radon ausschließlich aus der Außenwand des Gebäudes komme, habe man auf Anraten der Experten das Lüftungsverhalten entsprechend verändert. Dass der Radonwert durch Lüftung steuerbar sei, hätten die folgenden Messungen im Juni und Dezember 2002 bestätigt, als nur noch 14 bis 79 beziehungsweise 46 bis 112 Becquerel gemessen wurden, so Wimmer. Man habe sich also im absoluten Normbereich befunden. Die Eltern seien schon damals stets über die aktuellen Entwicklungen in Kenntnis gesetzt worden. Die halbjährlichen Messungen hätten sich aber nur auf das Jahr 2002 bezogen und nicht auf die darauffolgenden Jahre, wie Gemeinderätin Doris Biller (FWG) es irrtümlicher Weise interpretiert hatte.

Aufgrund der vielen Anmeldungen sei im Frühjahr 2013 klar gewesen, dass auch im Kindergartenjahr 2013/2014 eine Übergangsgruppe im alten Pfarrkindergarten untergebracht werden müsse. Dazu gab der Gemeinderat am 15. April mehrheitlich grünes Licht, mit einer Gegenstimme von Anita Kohlbeck (SPD), die sich einen „aktuellen Status“ zum Thema Radon wünschte. Ihrer Meinung nach habe das Gesundheitsamt noch im Mai keinerlei Kenntnis von der Radon-Problematik gehabt. Wimmer konnte dies weder bejahen, noch verneinen, erklärte aber, dass man im Juni das INA Institut beauftragt habe, weitere Messungen durchzuführen. Die ermittelten Werte von 81 und 95 Becquerel seien dann auch auf der Infoveranstaltung am 4. Juli mit dem Leiter des Gesundheitsamtes Traunstein, Dr. Franz-Xaver Heigenhauser, dessen Amtskollegin Dr. Anja Teebken, Kinderärztin Dr. Barbara List und Dr. Jakob Wagner vom INA Institut angesprochen worden. Die Experten sahen damals bei regelmäßigem Stoßlüften keine Gefährdung für die Kinder.

Überraschende Wende Anfang Oktober

Die überraschende Wende folgte dann Anfang Oktober als im Rahmen der Langzeitmessungen Werte von bis 160 Becquerel gemessen worden. „Als wir am Mittwoch, 2. Oktober, davon erfahren haben, war für uns sofort klar, die Kinder kommen raus“, betonte Wimmer im Namen der Trägervertretung und Kirchenverwaltung. Am folgenden Wochenende sei bereits der Umzug erfolgt. Die Kinder im Bewegungsraum des neuen Pfarrkindergartens unterzubringen, bezeichnete er als „momentan beste Lösung“. Sollte es nicht funktionieren, werde man schnell eine Alternative finden. Auch mit der Schule sei schon gesprochen worden.

Strahlenexperte Dr. Wagner bedauerte es, dass die Ergebnisse der Langzeituntersuchungen nicht wie gewünscht vor Beginn des neuen Kindergartenjahres vorlagen. Zudem müsse man bei Radon-Messungen immer mit einer Fehlerquote von 15 Prozent rechnen. Aufgrund des schnelleren Luftaustausches habe man Wagner zufolge im Winter nicht so lange lüften müssen wie im Sommer. Gelüftet worden sei nicht in Anwesenheit der Kinder, da die Fenster sehr niedrig seien. Wimmer meinte, dass sich die Kindergärtnerinnen schon in eigenem Interesse an die Lüftungs-Vorgaben gehalten hätten. Joseph Pfeilstetter (UWU) wunderte sich darüber, dass es beim Lüften keine Dokumentationspflicht gab. Eine solche sei bei ihm in der Lebensmittelbranche beim Kühlen von Nahrungsmitteln gang und gäbe. In der Krankenpflege, in der sie tätig sei, heiße es: „Was nicht dokumentiert ist, wurde nicht gemacht“, so Doris Biller (FWG).

Die Trägervertreterin für den Kindergarten, Elisabeth Bartsch, die unter den Besuchern weilte, betonte, dass auch in der Ferienzeit unter den gleichen Lüftungsgewohnheiten gemessen worden sei. Andreas Danzer (FWG) ärgerte sich darüber, dass die Räte nicht offiziell zur Infoveranstaltung im Juli eingeladen worden seien und dass man von der Schließung des Kindergartens aus der Zeitung erfahren habe müssen. Im Übrigen sei seine Ehefrau, die ab 2003 fünf Jahre Elternbeiratsvorsitzende war, nicht in die Radon-Problematik eingeweiht gewesen. Man habe einfach zu spät reagiert, merkte Anita Kohlbeck (SPD) an, „die Kinder hätten da viel früher rausgemusst“. Wimmer erwiderte, dass die Kirchenverwaltung „stets alles getan hat, was in ihrer Macht stand“. Die Verunsicherung der Eltern könne er aber sehr gut verstehen. Dass er zuletzt auf persönliche e-mails nicht mehr geantwortet habe, erklärte er damit, dass nicht er als Privatperson Träger sei, sondern die Kirchenverwaltung.

mmü

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