Kidnapping: Rentnergang vor Gericht

Traunstein/Speyer - James A. (56) aus Speyer (Rheinland-Pfalz) war vier Tage lang in einem Keller bei Chieming gefangen gehalten worden. Jetzt stehen die Entführer, zwei deutsche Rentnerpaare, vor Gericht.

Lesen Sie hier den Bericht aus dem Oberbayerischen Volksblatt:

Rentner kidnappen Amerikaner

Zwei deutsche Rentnerpaare aus Chieming (74 und 79 Jahre) und Schliersee (67 und 64 Jahre) sowie ein 60-jähriger Amerikaner deutscher Herkunft fesselten und knebelten am 16. Juni 2009 einen 56 Jahre alten US-Amerikaner in seiner Wohnung in Speyer. Dann entführten sie ihn. Jetzt müssen sie sich ab Montag, 8. Februar, und weitere fünf Tage lang vor der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein verantworten.

Traunstein/Speyer - Wie es heißt, sollen sie den 56-Jährigen in einer Holzkiste im Autokofferraum in ein Haus in Chieming verschleppt haben.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Geiselnahme und gefährliche Körperverletzung in Mittäterschaft. Bei dem 74-jährigen Angeklagten kommt noch ein Raubdelikt hinzu. Die weiteren Prozesstage sind 25. Februar, 9., 16., 22. und 23. März 2010.

Ein Sondereinsatzkommando der Polizei hatte den in Speyer bereits vermisst gemeldeten, erheblich verletzten 56-Jährigen vier Tage nach seiner Entführung in einer aufsehenerregenden Überraschungsaktion gegen vier Uhr morgens aus dem Anwesen in Chieming-Hart befreit. Ein unbekannter Anrufer hatte der Polizei den entscheidenden Hinweis gegeben. Die fünf mutmaßlichen Täter wanderten in Untersuchungshaft. Dabei handelt es sich um ein Arztehepaar im Ruhestand aus Schliersee, das nach dem Verkauf seiner Praxis eine Immobilie in Florida erworben hatte.

Bilder vom Tatort

In den USA lernten die beiden erst den mitangeklagten 60-Jährigen, später das Ehepaar aus Chieming kennen. Die Rentnerpaare hatten etwas Gemeinsames: Sie hatten auf Rat des späteren Entführungsopfers, von Beruf Steuerberater in Naples/USA, ab etwa 1997 1,1 Millionen Dollar beziehungsweise 300000 Dollar in eigens gegründeten "Limiteds" angelegt. Der 60-Jährige war bis Anfang 2005 knapp ein Dreivierteljahr bei dem Steuerberater als Mitarbeiter beschäftigt und fühlte sich von dem 56-Jährigen um hohe Provisionen gebracht.

Die von dem Firmenchef zugesicherten Rück- und Zinszahlungen an die Paare trudelten anfangs zunächst ein. Der 56-Jährige war zwischenzeitlich nach Speyer umgesiedelt.

Als schließlich gar kein Geld mehr kam und rechtliche Schritte weder in den USA noch Deutschland möglich schienen, sollen die Angeklagten zur Selbsthilfe gegriffen haben. Der 74-Jährige aus Chieming soll dabei die treibende Kraft gewesen sein. Er habe seinen Wagen entsprechend hergerichtet, die Transportkiste entworfen und auch den Kellerraum isoliert und mit einem Bett ausgestattet haben. Der 74-Jährige und der 60-Jährige sollen vom Chiemsee nach Speyer gefahren sein und das Opfer am Abend bei der Heimkehr abgepasst haben. In der Wohnung habe dann der 56-Jährige einen Handkantenschlag abbekommen, ehe er gefesselt in die vorbereitete Kiste gesteckt und per Sackkarre zum Auto geschafft wurde. Während der Fahrt soll es dem Opfer gelungen sein, ein schweres Werkzeug zu fassen und damit zuzuschlagen. Die mutmaßlichen Täter überwältigten ihn jedoch, wobei sie ihm Rippenbrüche und Prellungen zufügten.

In Chieming traf das Auto am frühen Morgen des 17. Juni 2009 ein. Der 56-Jährige landete in dem präparierten Kellerraum. Das Chieminger Paar soll kurz danach das Paar aus Schliersee zugezogen haben. Alle zusammen sollen den Steuerberater eingeschüchtert haben - um ihn zur Zahlung hoher Summen zu zwingen. Das Opfer habe dann verschiedene Papiere unterzeichnet. In einem Fax soll es dabei aber erfolgreich einen verschlüsselten Hilferuf an die "Police" eingeschmuggelt haben.

Oberbayerisches Volksblatt/kd

Rubriklistenbild: © dpa

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