Saal zu - wegen fünf Zentimetern

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Rimsting/Landkreis - Fluchtwege, Treppen, Türen: Was gestern noch breit genug war, ist heute zu eng. Eine Erfahrung, die viele Gemeinden und Wirte derzeit zähneknirschend machen müssen.

Schärfere Brandschutzauflagen führen zu Umbaumaßnahmen oder Schließungen. So wie in Rimsting, wo jetzt sogar der Gemeindesaal zugesperrt wird. Doppelt bitter für den Chiemsee-Ort: 1991 hatte das Landratsamt die eigentlich im Bauplan vorgesehene Fluchttreppe im Freien noch als überflüssig eingestuft. 2011 moniert die Behörde: Es fehlt ein zweiter Rettungsweg.

Seit 2008 gilt in Bayern eine neue Versammlungsstätten-Verordnung. Vor allem die Brandschutzrichtlinien wurden verschärft. Zudem hat das Innenministerium die Landratsämter dazu verpflichtet, alle Betriebe, die Räume für mehr als 200 Besucher haben, im Drei-Jahres-Rhythmus zu prüfen. Damit ist bei den Kontrollen aus dem "Kann" ein "Muss" geworden.

Kein Treppenwitz: In Rimsting wird der Gemeindesaal zugesperrt, weil die Nottreppe aus Stahl (Bild unten) fünf Zentimeter zu schmal ist. Die Notausgänge im Saal und am Fuß des Schlauchturms (Pfeile) sind ebenfalls zu klein. 

In der Region fallen mehrere hundert kommunale und privat geführte Gaststätten, Theaterhäuser, Konzerthallen und Veranstaltungssäle unter die Versammlungsstätten-Verordnung. Viele wurden schon kontrolliert, und viele Betreiber machten angesichts langer Mängellisten ebenso lange Gesichter. Neben breiten Brandschutztüren ist jetzt auch ein zweiter Rettungsweg zwingend vorgeschrieben, wobei beide Fluchtwege bei einer Kapazität von mehr als 200 Menschen mindestens 1,20 Meter breit sein müssen.

Eine Vorschrift, die vor allem die Gemeinde Rimsting mit voller Wucht trifft. Dort befindet sich der Gemeindesaal im ersten Stock des Feuerwehrhauses. Neben dem Treppenhaus kann man im Notfall auch über eine Stahltreppe im Schlauchturm ins Freie gelangen. Allerdings hat die Stahltreppe nur eine Breite von 85 Zentimetern - zu schmal, ebenso wie der Notausgang. "Bei Rettungswegen von Versammlungsräumen mit nicht mehr als 200 Besucherplätzen genügt eine lichte Breite von 0,90 Metern", heißt es in der Verordnung. Das bedeutet: Die Rimstinger können sich auch mit einer Beschränkung auf 200 Personen (in den Saal passen laut Bescheid über 400) nicht aus der Affäre ziehen. Selbst für diese "Mini-Lösung" ist die 85 Zentimeter breite Treppe um fünf Zentimeter zu schmal.

Die Folge: eine sofortige Sperrung. Lediglich für die sechs Aufführungen der Rimstinger Laienbühne Ende März und Anfang April wurde noch eine Sondergenehmigung mit Auflagen erteilt: maximal 150 Besucher und zwei Feuerwehrmänner im Saal, so die Forderungen des Landratsamtes. Die Sperrung wird in Rimsting mit Verblüffung zur Kenntnis genommen. "Im Genehmigungsplan von 1991 war ja eine Außentreppe eingezeichnet, die wurde aber von der Bauaufsicht im Landratsamt mit Rotstift rausgestrichen", wundert sich Bürgermeister Josef Mayer. Damals waren die Brandschutzbestimmungen offenbar noch laxer - und die Prüfer hatten die Lösung mit der Turmtreppe für ausreichend gehalten.

Die "Anpassungen" der Treppe und Türen aufs richtige Format wird die Gemeinde jetzt eine Stange Geld kosten - Investitionen, die man sich hätte sparen können, wenn man vor 20 Jahren nichts aufs Landratsamt gehört hätte, ärgert sich nun so mancher am Chiemsee.

Aber auch die Behörden sind selbst schon über die höheren Brandschutzhürden gestolpert, wie ein Fall aus Ebersberg von 2009 zeigt. 155.000 Euro waren dort 2005 am Landratsamt verbaut worden, unter anderem für eine Außentreppe. Der Grund: Brandschutz. Vier Jahre später wurde die Treppe wieder abgerissen - aus Brandschutzgründen. Für viele der Treppenwitz des Jahres und Verschwendung von Steuergeldern.

"Die neue Brandschutzverordnung ist bei den Wirten das Thema schlechthin", sagt Franz Bergmüller, Vorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (BHG) im Kreis Rosenheim. Er kennt ein Dutzend Gastronomen, die massiv betroffen sind und zehntausende Euro investieren müssen, um die Vorgaben zu erfüllen.

Aber auch Bürgermeister und Heimbetreiber stöhnen, weil neue Fluchtwege für Schulen, Kindergärten und Seniorenheime her müssen. So musste zum Beispiel im Babenshamer Rathaus extra ein zweites Treppenhaus gebaut werden, weil dort provisorisch eine Kinderkrippe untergebracht ist. Und ein paar Kilometer weiter westlich geriet in Albaching die Alpicha-Halle ins Visier der Brandschutzwächter.

Vor allem im südlichen Inntal gibt es eine ganze Reihe von Gastwirtschaften in Gebäuden, die über 500 Jahre alt sind. Auch dort blieb den Betreibern nichts anderes übrig: Sie mussten bauen und umbauen. Die meisten Wirte nehmen es mit Galgenhumor und sprechen vom "Konjunkturpaket Brandschutz" - auf Zuschüsse werden sie aber vergeblich warten. Zum Teil kam es zu einem kuriosen Gezerre: Während die Brandschutzaufsicht die Entfernung jahrhundertealter Gitterfenster forderte, pochte der Denkmalschutz darauf, dass die Fenster drin bleiben müssten.

Immerhin: Das Rosenheimer Landratsamt sei bei der Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen ein verständnisvoller Begleiter, lobt Wirte-Chef Bergmüller - in anderen Regionen werde ohne Wenn und Aber zugesperrt.

re/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © Berger

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