AWO schließt "ProJu" - Die Hintergründe

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ProJu hat vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen geholfen: Über die Arbeit stabiliserten sie sich.

Prien - 50.000 Euro pro Jahr - soviel Geld bräuchte die AWO um das Projekt "ProJu" am Leben zu erhalten. Diese Summe ist für den Kreisverband jedoch nicht zu stemmen.

Seit 1999 betreibt der AWO-Kreisverband das Projekt "ProJu". Langzeitarbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 17 bis 29 Jahren aus dem Landkreis erlernen im Rahmen der Einrichtung handwerkliche Fähigkeiten in den Bereichen Holzbearbeitung und Gartenarbeiten oder werden zur Arbeitserprobung bei Umzügen, Entrümpelungen sowie im Möbellager beschäftigt.

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15 der 16 angebotenen Plätze sind nach Angaben der AWO derzeit belegt. Abgesehen von diesem Schub sei jedoch die Nachfrage in der Vergangenheit bisweilen längst nicht immer so groß gewesen. Im Gegenteil: Manchmal sei das Angebot nur zur Hälfte genutzt worden. Zum einen habe sich der Arbeitsmarkt in der Region entspannt.

Zum anderen habe sich der Standort Siggenham als "relativ schwierig" erwiesen. So hätten Jugendliche und junge Erwachsene aus entfernteren Ecken des Landkreises - etwa aus Kolbermoor - kaum den langen Weg bis nach Prien in Kauf genommen. Diese zurückgehende Auslastung der Plätze sei mit ein Grund, die die finanzielle Lage verschärfe und die Schließung unumgänglich mache.

Wenn man die Löhne für die Jugendlichen und jungen Erwachsene sowie die Gehälter der Mitarbeiter, die die Teilnehmer der ProJu betreuen, zusammenrechnet, summieren sich die Ausgaben für diese rund 20 Leute nach Angaben von Weißenfels auf jährlich 450000 bis 500000 Euro. Die Finanzierung habe sich stets auf hohe Zuschüsse der öffentlichen Hand gestützt.

Unterm Strich habe die AWO in den vergangenen zehn Jahren (von 2000 bis einschließlich 2009) 136000 Euro aus der eigenen Kasse nehmen müssen - im Durchschnitt also 13000 bis 14000 Euro im Jahr. Die AWO müsse nun befürchten, dass die Zuschüsse, die sie vom Bund und der Europäischen Union erhalte, massiv gekürzt werden. Sie sehe sich jedoch außer Stande, Jahr für Jahr ein Defizit zu stemmen, das - ganz genaue Zahlen seien in der Vorausschau schwer zu ermitteln - "deutlich über 50000 Euro" liege.

"Dieser Schritt fällt uns nicht leicht", kommentiert der AWO-Kreisvorsitzende die Entscheidung des Vorstands, die ProJu zu schließen. Ein Zurück ist seinen Angaben zufolge ausgeschlossen. Die Mietverträge für die Räume seien bereits gekündigt.

Die intensive Betreuung der Teilnehmer war lange Jahre der Garant für die erfolgreiche Arbeit bei ProJu. Die jungen Erwachsenen kommen über Vermittlungsvorschläge durch das Jobcener oder die Agentur für Arbeit in die Einrichtung. In der ProJu werden sie in der Regel ein Jahr beschäftigt, qualifiziert und pädagogisch betreut. Vielschichtige Problemlagen sind zu bewältigen.

Manchmal ist es ein fehlender Schulabschluss, manchmal sind es körperliche, geistige oder seelische Einschränkungen, manchmal ist es jedoch auch eine persönliche Krise, die die zumeist männlichen Teilnehmer aus der Bahn wirft und in die Arbeitslosigkeit führt. Bei ProJu erhalten sie wieder Stabilität.

Seit Bestehen der Einrichtung konnte die AWO mehr als 250 jungen Menschen helfen. Knapp 70 Prozent der Teilnehmer wurden nach ihren Angaben in Lehr- oder Arbeitsstellen oder anderweitig vermittelt.

Hannelore Streithoff, seit der Eröffnung von ProJu vor zwölf Jahren die Einrichtungsleiterin, bedauert deshalb den Wegfall dieser Unterstützung sehr. "Wir holten bei ProJu viele aus ihren persönlichen Krisen und gaben ihnen die Möglichkeit, sich hier zu stabilisieren und wieder Mut zu fassen. Diplom-Pädagogin Claudia Herzog macht deshalb auch regelmäßig Hausbesuche, um die ihr vom Jobcenter des Landkreises zugewiesenen jungen Menschen in ihrem Lebensumfeld kennen zu lernen. Hier gelte es zu motivieren. "Viele verschließen die Augen vor ihrer Lebenssituation und öffnen beispielsweise unangenehme Post gar nicht mehr."

Arbeitsanleiter Matthias Deichsel, wie Einrichtungsleiterin Streithoff seit Anbeginn der ProJu dabei, blickt ebenfalls wehmütig auf den Wegfall der Einrichtung. In den vergangenen zwölf Jahren habe sich ProJu als verlässlicher Dienstleister bei Gartenarbeiten, Umzügen und Entrümpelungen im Chiemgau einen Namen gemacht. Auch der Weiterverkauf gespendeter Möbel sei für viele Chiemgauer eine willkommene Gelegenheit gewesen, um an preiswerte oder auch antiquarische, in der ProJu-Schreinerei restaurierte Möbel zu kommen.

Tischlermeister Michael Remus bedauert insbesondere, dass eine Auszubildende ihre letztes Jahr begonnene Schreinerausbildung bei ProJu nicht zum Abschluss bringen kann. "Wir suchen einen Schreinerbetrieb, der unserem Lehrling die Chance gibt, ihre Ausbildung abzuschließen" so Remus.

Ende März 2012 ist Schluss für ProJu. Im ProJu-Möbellager an der Lujo-Brentano-Straße 31 in Prien ist Ende November ein großer Ausverkauf. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.

Chiemgau Zeitung

Quelle: rosenheim24.de

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