"Schulverbund Achental" fast besiegelt

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Übersee - "Was wird aus unserem Dorfleben, wenn unsere Kinder in einem entfernten Ort zur Schule gehen und dort ihren Lebensmittelpunkt finden?"

Lesen Sie hier den Originalbericht aus der Chiemgau-Zeitung:

"Schulverbund Achental" fast besiegelt

Nach der Absicht von sechs Überseer Gemeinderäten aus vier Fraktionen sollte die Veranstaltung "Meine Schule im Dorf - oder Schülertourismus?" der Diskussion über Alternativen zur Mittelschule dienen. Doch die Würfel sind längst gefallen. Am Ende präsentierte Bürgermeister Marc Nitschke die Absicht, mit dem Schulverband Grassau sowie den Gemeinden Unterwössen, Schleching und Reit im Winkl den "Schulverbund Achental" zu gründen.

Übersee - "Was wird aus unserem Dorfleben, wenn unsere Kinder in einem entfernten Ort zur Schule gehen und dort ihren Lebensmittelpunkt finden? Verlieren unsere Betriebe, Vereine und die Kirche ihren Nachwuchs? Wer bezahlt den Schülertourismus? Wird die Mittelschule eine Zentrumsschule mit den bekannten Sozialproblemen?" - Diese Fragen hatten die Gemeinderäte Franz Gnadl, Dieter Schöneburg, Werner Linzmeier (alle SPD), Anton Stefanutti (Grüne), Wolfgang Schustek (Freie Bürgerliste) und Wolfgang Hofmann (Bayernpartei) zu der Veranstaltung mit vier Landtagsmitgliedern veranlasst. "Es geht uns um eine richtige Lösung für unseren Ort und nicht um eine Partei-Meinung", betonte Gnadl.

Im Beisein von Vertretern aus Politik, Bildung, Kirchen, Wirtschaft und Vereinen sowie vielen Eltern stellte zunächst Stefan Rank den Standpunkt des Bayerischen Lehrer und Lehrerinnenverbandes (BLLV) vor. "Wenn die Staatsregierung den Weg von der Haupt- zur Mittelschule mit den damit verbundenen Schulverbünden fortsetzt, wird in Übersee in zwei Jahren keine Schule mehr existieren", so Ranks Prognose. "Und 2014 wird es nur noch Traunstein mit den beiden Außenstellen Inzell und Siegsdorf geben."

Nach Ranks Worten sei die Mittelschule keine gute Lösung für ländliche Gegenden. Sie beschleunige das Schulsterben, zersplittere die Schülerschaft, schwäche die Gemeinden, entkoppele die Schüler von den Bindungen zu ihrem Heimatort, schaffe hohe Kosten für die Kommunen und biete keine Planungssicherheit für Schüler und Lehrer.

Eine Alternative könnte laut Rank eine Verlängerung der Grundschulzeit bringen, "denn die frühe Selektion der Schüler ist eh eine pädagogische Todsünde."

Unentschieden im Für und Wider zur Mittelschule waren anschließend die Stellungnahmen der vier Landtagsabgeordneten Walter Taubeneder (CSU), Maria Noichl (SPD), Julika Sandt (FDP) und Eva Gottstein (Freie Wähler).

"Wir halten das dreigliedrige Schulsystem für die beste individuelle Förderung des Einzelnen", sagte Taubeneder. Hierbei biete die praxisbezogene Mittelschule noch eine besondere Begabtenförderung. Im Übrigen dürfe die Mittelschul-Diskussion nicht vom Standort ausgehen, schließlich stünde der Schüler und seine Förderung im Mittelpunkt.

Sandt äußerte sich überzeugt, mit der Mittelschule sowohl Freiräume als auch die Voraussetzungen für optimale Schülerförderungen zu schaffen.

Nach Noichls Auffasung "geht es nur ums Sparen, Sparen, Sparen. Und vordergründig verkauft man uns das alles als pädagogisch hochwertig". Sie verwies auf Südtirol, wo sogar Klassen mit nur fünf Schülern aufrecht erhalten blieben, "weil den Kindern die positive Kontrolle und ihr Klassenlehrer einfach gut tun".

Für die Schüler und ihre Förderung bringt die Mittelschule keinerlei Verbesserungen", bedauerte Gottstein. Nach ihrem Dafürhalten seien längere Grundschulzeiten, mehr Personal und kleine Schulen mit Kombiklassen die bessere Lösung.

In der Diskussion fühlte Übersees Hauptschullehrer Paul Dorsch der Regierungskoalition mit der Frage auf den Zahn, was für seine 15 Schüler konkret in der Mittelschule besser wird. Hierauf musste die FDP-Politikerin eine Antwort schuldig bleiben.

Angesichts der politischen Entwicklung sah Übersees Schulleiter Hans Aderbauer nur ein Entweder-Oder: "Entweder wir werden aufgelöst oder wir klinken uns in einen Schulverbund ein."

"Wir müssen den Realitäten ins Auge sehen und verantwortungsvoll die Zukunft gestalten", meinte auch Bürgermeister Nitschke angesichts von nur noch 32 Überseer Hauptschülern in zwei Klassen. In einem Gespräch mit allen Bürgermeistern und Schulleitern des Achentals sowie dem staatlichen Schulamt sei man sich einig gewesen, einen "Schulverbund Achental" zu gründen, dem der Schulverband Grassau (mit Grassau, Marquartstein und Staudach-Egerndach) und die Gemeinden Übersee, Unterwössen, Schleching und Reit im Winkl angehören sollen. "Damit besteht die Chance, Übersee als Standort mittelfristig zu erhalten", betonte Nitschke.

Zu dem Argument, die Vereine würden geschädigt, wenn Kinder außerorts die Schule besuchten, meinte der Bürgermeister: "Das hält ein Ort aus, wir haben starke Vereine."

"Wir haben uns eh nach München zu richten und können nur aufzeigen, wo es `hakelt`", sagte Mitinitiator Stefanutti in seinem Schlusswort. Seine Prognose: "Wahrscheinlich haben wir bald ein Übergangsmodell, das auch bald untergehen wird."

vd/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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