Ortsgeschichte neu schreiben?

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Im Nordwesten der Seebrucker Pfarrkirche ist seit rund 35 Jahren ein fast zehn Meter langes Teilstück der Maurer des spätantiken Kastells (4. Jahrhundert nach Christus) zu sehen.

Seebruck - Muss die Geschichte Seebrucks neu geschrieben werden? Denn der Direktor der Archäologischen Staatssammlung in München hat offenbar ganz neue Erkenntnisse gefunden:

Mit ganz neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verblüffte der stellvertretende Direktor der Archäologischen Staatssammlung in München, Dr. Bernd Steidl, unlängst die Besucher in der Heinrich-Kirchner-Galerie. Demnach müssen nun einige wissenschaftliche Abhandlungen zu den Anfängen der rund 2000-jährigen Geschichte Seebrucks entsprechend ergänzt oder teilweise sogar umgeschrieben werden.

Die Bedeutung des antiken Seebruck beruht zum einen auf dessen damaliger Funktion als wichtige Straßenstation an der römischen Fernstraße Salzburg (Juvavum) - Augsburg (Augusta Vindelicum), zum anderen auf ein dort befindliches Heiligtum für den lokalen Fluss- und Seegott Bedaius. Von diesem hat Bedaium, das heutige Seebruck, unverkennbar seinen Namen erhalten.

Wenn der Ursprung der Gottheit und deren Verehrung in keltischer Zeit liege, dann müsse eine Kontinuität des Ortes als Kultstätte der einheimischen Bevölkerung vorausgesetzt werden, betonte Archäologe Dr. Bernd Steidl unlängst bei seinem Vortrag. Schon lange werde nach den vorrömischen Wurzeln Seebrucks gesucht, doch erst jetzt gelte die Siedlungskontinuität zwischen Spätlatènezeit (190 bis 15 vor Christus) und Claudischer Zeit (41 bis 54 nach Christus) als wissenschaftlich gesichert - dendrochronologische Untersuchungen und neu ausgewertete Funde haben es möglich gemacht. Ab der Regierungszeit von Kaiser Claudius ist der römische Fundniederschlag "sowieso sehr gut fassbar".

Steidl überraschte mit weiteren neuen Forschungsergebnissen: So habe die keltische Siedlung in Stöffling eine noch weitaus größere Bedeutung gehabt als bisher angenommen. "Sie war Hauptort des Stammes der Alaunen und die größte Siedlung in Nordwest-Noricum, Salzburg einmal ausgenommen", so Steidl. Ausschlaggebend für diese Neueinschätzung sei die veränderte Fundlage der Münzen, die sich von einigen hundert auf einige tausend erhöht habe. Zudem seien auch Schrötlinge, ein Goldbarren und ein Prägestempel gefunden worden.

Noch bemerkenswerter waren Steidls Ausführungen zum einstigen Standort des spätantiken Römerkastells, in dessen Grundriss die Seebrucker Pfarrkirche steht. Als erster Wissenschaftler ist Steidl nämlich von einem Bedaius-Tempel als Kastell-Vorgängerbau überzeugt. Mit 27 mal 27 Metern im Geviert sei es einer der größten im Alpenvorland gewesen. Ein Tempel habe sich dort auch schon zur Keltenzeit befunden, allerdings noch nicht in Steinbauweise. "Der keltische Bedaius-Kult ist von den Römern übernommen und bis in die Mitte des dritten Jahrhunderts fortgeführt worden", erklärte Steidl. Er glaube, dass der Tempel des Bedaius in der Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus zerstört worden sei, "wahrscheinlich in den 40er- Jahren". Waffenfunde lassen auf ein militärisches Ereignis schließen, Auseinandersetzungen mit Germanen oder auch innerrömische Konflikte, von denen offenbar ganz Nordwestnoricum in Mitleidenschaft gezogen worden sei.

Eine Benefiziarierstation in Bedaium ist durch dessen Bedeutung als Brücken- und Pilgerort anzunehmen, doch ab wann war dies der Fall und wie lange waren die Benefiziarier, die als Unteroffiziere für Ordnungsaufgaben (Straße, Brücke und Zoll) zuständig waren, dort stationiert? Steidl zufolge seien Stationen im Binnenland des Imperiums erst im Verlauf des zweiten Jahrhunderts nach Christus errichtet worden. Ob dies auch auf Seebruck zutreffe, sei unklar. Die Seebrucker Benefiziariersteine aus den Jahren 219 und 226 seien die einzigen Hinweise. Zumindest in der Spätantike seien nördlich der Alpen keine Benefiziarier mehr auf Stationen bezeugt, so Steidl. Bei der Entstehungszeit des spätantiken Kastells komme kein Datum vor 300 nach Christus in Betracht. Am Straßenort Ambrae am Amper-Übergang der Fernstraße Salzburg-Augsburg habe man neuerdings Hinweise auf einen Burgausbau erst um die Mitte des vierten Jahrhunderts infolge der Sueben- und Juthungeneinfälle 357/358 erhalten.

Sollte diese Baumaßnahme Teil eines großangelegten antiken Bauprogramms entlang der bedeutenden Ost-West-Straßenverbindung sein, könnte dieses Datum auch auf Bedaium-Seebruck zutreffen, mutmaßte Steidl. Fest stehe, dass das spätantik genutzte Areal auf den Burgusbereich reduziert sei. Die umgebende ehemalige Vicus-Bebauung von Bedaium dürfte weitgehend oder sogar vollständig zerstört und infolgedessen aufgegeben worden sein.

mmü/Chiemgau Zeitung

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