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Musik für die Augen

Luise Wittmann zeigt Expressiv-Abstraktes in Seebruck

Luise Wittmann mit Laudator Jürgen Geers.
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Luise Wittmann mit Laudator Jürgen Geers.

Großes Interesse fand die Eröffnung der Ausstellung „challenge“ mit aktuellen Werken der Tittmoninger Künstlerin Luise Wittmann am Freitag in der CHIEMSEEBRUCKgalerie. Einführende Worte von Jürgen Geers und Musik von Josef und Bernadette Irgmaier rahmten die gelungene Veranstaltung.

Die Mitteilung im Wortlaut:

Seebruck - Zur Eröffnung ihrer fünfzehnten Ausstellung hatte Monika Rackl am vergangenen Freitag in die Galerie in der Pullacher Straße geladen. Zur Vernissage konnte die Galeristin neben zahlreichen anderen Gästen aus Seebruck, Tittmoning und Umgebung auch Dritte Bürgermeisterin Dr. Christina Kosanovic als Vertreterin der Gemeinde Seebruck und den Ersten Vorsitzenden des Kunstvereins Traunstein Herbert Stahl begrüßen. Beiden galt Rackls Dank für die Unterstützung beim Aufbau ihrer Galerie, die nun seit acht Jahren die zeitgenössische Kunst in der Region fördert.

Dokumente extremer Empfindungen

Der ehemalige Hörspieldramaturg Jürgen Geers aus Törring stellte seine Künstlerkollegin in einer von tiefem Verständnis für ihr Leben und Werk geprägten, höchst unterhaltsamen, humor- und liebevollen Einführung vor. Bäuerliche Herkunft, Krankenpflegerinnen-Ausbildung in Innsbruck, Begegnung mit der Kulturszene im München der Siebziger Jahre und Keramiklehre, Familien- und Berufsleben in Tittmoning, erster Kurs im großformatigen Malen und Einführung in die Abstraktion bei Jo Bukowski, Arbeit in der Onkologie und eigene Krebserkrankung, Ausbildung an der Leonardo-Kunstakademie in Salzburg und Gründung der Tittmoninger „Galerie im Zollhäusl“, zuletzt die Lahmlegung durch Pandemie und Wirbelbruch: Wie eng die allzu oft getrennt dargestellten Kategorien „Leben und Werk“ hier miteinander verwoben sind, wie „bedrückende Zeiten und beglückende Momente“ Kunst als „Dokumente extremer Empfindungen“ entstehen lassen, machte Geers einfühlsam nachvollziehbar.

Bei aller Expressivität und Spontaneität, so betonte er, verfüge Luise Wittmann bei ihrer künstlerischen Arbeit über ein sicheres Gefühl für Rhythmus und Struktur, für Farbgewichte und –abstufungen, Raumaufteilung und Bildtiefe und damit über die Fähigkeit, die Bildelemente höchst professionell zu einem sorgsam ausbalancierten und harmonischen Ganzen zu fügen - „die geglückte Transformation von Gefühlsausdruck in Kunst“.

Der Rundgang als innere Reise

Als klug zu einem eindrucksvollen Ganzen gefügte Zusammenstellung erweist sich auch die Ausstellung in Seebruck. In den lichten, mit ausreichend Platz zwischen den einzelnen Bildern bestückten Galerieräumen erwarten den Betrachter sehr unterschiedliche Bildsprachen, Farbwerte und auch stilistische Bezugnahmen, deren Abfolge beim Gang durch die Ausstellung geradezu musikalisch komponiert erscheint. Die zum allergrößten Teil ungegenständlichen, vornehmlich in Mischtechnik auf Papier gearbeiteten gut dreißig Gemälde, Zeichnungen und Collagen ohne Titel aus den letzten Jahren erschließen beim Rundgang wie auf einer inneren Reise verschiedenste Seelenzustände und Gefühlswelten.

Angesichts der Tatsache, dass während ihrer Entstehung Pandemie, Lockdown und Krieg unser Leben beherrschten und zusätzlich eine schwere Verletzung das der Künstlerin, ist es kein Wunder, dass zunächst düstere Töne, fast schmerzhaft oder aggressiv energisch gesetzte Striche und eine äußerst reduzierte Farbigkeit vorherrschen. Teils zu Zweier- und Dreiergruppen komponiert, werden die gezeichneten und collagierten, gemalten, gekratzten, getropften, gespritzten und gespachtelten meist kleinformatigen Bilder zu Diptychen oder Triptychen der Düsternis, in denen fein dosiert mal grelles Rot, mal Rosttöne, Blau und Grün, dann wieder der weiße Grund, Schichten von Grau und sogar feine goldene Linien das vorherrschende Schwarz nur leicht zu variieren scheinen.

Drei Großformate als starke Impulse

Je ein großformatiges Gemälde setzt jedoch in jedem der Räume einen starken, ganz eigenen Impuls. Geradezu atemberaubend überrascht gleich zu Beginn eine luftig-wolkig wirkende Farbkomposition auf Leinwand, in der Luise Wittmann den türkisfarbenen Grund mit Hilfe eines Lappens und rostroter Pigmente, später unter Einsatz von Asche, Ruß und zuletzt von schwarzer Schuhcreme überwischt hat. Das Türkisblau leuchtet nur noch am unteren Bildrand, doch ahnt man es auch unter dem nach oben immer dunkler werdenden Farbverlauf, so wie man um den blauen Himmel weiß, auch wenn Gewitterwolken ihn verdüstern. Den zweiten Raum dominiert ein Sperrholz-Querformat, das in Ockertönen und allen Graustufen zwischen strahlendem Weiß und tiefdunklem Schwarz wild bewegt und fahrig als Trümmerlandschaft aus grob verwischten, zerborstenen und unentzifferbaren Schrift- und Bildzeichen Suche und Unrast evoziert, während vom linken Bildrand her pastoses Grau unaufhaltsam vorzudringen scheint.

Farbigkeit und Monumentalität erinnern hier an Anselm Kiefer, so wie in kleineren Formaten nervöses Gekritzel an Cy Twombly. Wittmanns Bezüge sind vielfältig. Chiffrenhaft gesetzte schwarze Kreuze auf einigen grafischen Blättern im gleichen Raum evozieren ebenso wie eine übermalte Zeitungsseite oder ein im Bild verarbeitetes Pflaster Joseph Beuys, der übrigens 1944 mit seiner Stuka auf der Krim abstürzte und dort ein prägendes Trauma erfuhr – vielleicht ein Zufall.

Farbe gegen Depression

Wie die Künstlerin selbst der traumatisierenden Erfahrung von Pandemie und Wirbelverletzung begegnete, illustriert der dritte Raum, dessen leichte, frühlinghaft-blumigen Pastelltöne nach so viel Schwere überraschen. Farbe wird gegen Depression und Frust gesetzt, aquarellartige Blätter wirken wie hellere, lichtere Gegenstücke zu den ungegenständlichen Bildern zuvor, auch finden sich Spuren der Gegenständlichkeit in blütenähnlichen Tupfern, angedeuteten Raumstrukturen und zeichnerisch bewegten schwarzen Linien und Kringeln. Viel durchscheinender heller Malgrund verleiht den Bildern Schwerelosigkeit. Auch hier setzt das größte Format einen eindrucksvollen Akzent: eine Leinwand, randvoll mit goldschimmernden, weit ausholenden, breiten Pinselstrichen, in die sich dezent Blau- und Rottöne mischen und in Spuren nach unten verlaufen.

Von der „therapeutischen Wirkung der bildnerischen Arbeit“ hatte Jürgen Geers gesprochen und Kunst als Antidepressiva bezeichnet - „mit positiven Nebenwirkungen nicht nur für den Künstler, sondern auch für alle, die sich den so entstandenen Werken empathisch zuwenden.“ Diese positiven Nebenwirkungen genossen alle Anwesenden an diesem Abend in der CHIEMSEEBRUCKgalerie, den Josef und Bernadette Irgmaier mit ebenso eigenwilligen wie tief berührenden Klanggemälden frei nach Beethovens kurzerhand in „Für Luise“ umbenannten populären Klavierstück und zwei spätromantischen Liedern beglückend bereicherten. Die Ausstellung ist bis 8. Mai montags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr und freitags bis sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet: CHIEMSEEBRUCKgalerie, Pullacher Straße 10, 83358 Seebruck, info@chiemseebruckgalerie.de.

Pressemitteilung Dr. Gerda Poschmann-Reichenau

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