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Maximale Aufnahmekapazität von 4000 Flüchtlingen

Gemeinde Seeon-Seebruck aktiviert Helferkreis für Ukraine-Flüchtlinge

Das Ehepaar Heide und Andreas P. aus Seebruck haben sich privat um eine Belegung ihrer leer stehenden Wohnräume bzw. Ferienwohnung gekümmert.
In die leer stehende Wohnung sind mittlerweile drei Personen aus Charkiw eingezogen. Außerdem wohnt dort nun auch eine ukrainische Hauskatze, die die Flucht gut überstanden hat.
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Das Ehepaar Heide und Andreas P. aus Seebruck haben sich privat um eine Belegung ihrer leer stehenden Wohnräume bzw. Ferienwohnung gekümmert. In die leer stehende Wohnung sind mittlerweile drei Personen aus Charkiw eingezogen. Außerdem wohnt dort nun auch eine ukrainische Hauskatze, die die Flucht gut überstanden hat.

Unter Leitung von Bürgermeister Martin Bartlweber (FW) fand ein Austausch- und Informationstreffen im Truchtlachinger Bürgersaal statt, an dem gut 50 Bürger teilnahmen, um sich über die bevorstehende Flüchtlings-Betreuung für erwartete Ukraine-Flüchtlinge im Gemeindebereich zu besprechen.

Seeon-Seebruck – Bartlweber kam gerade von der Bürgermeister-Dienstbesprechung und brachte aktuelle Informationen auf Kreisebene mit. Im Landkreis Traunstein werde „bei einem Worst-Case-Szenario von maximal zehn Millionen Flüchtlingen aus der Ukraine mit einer maximalen Aufnahmekapazität von 4000 Flüchtlingen gerechnet“, in Seeon stehe das ehemalige Gebäude der Lebenshilfe zur Verfügung, in dem ab Mitte nächster Woche etwa 50 Personen aufgenommen werden können. Der Landkreis sorge für die Möblierung, die Gemeinde für die nötige Erstausstattung von Kleidung, Hygieneartikel und Nahrungsmitteln.

Das Gemeindeoberhaupt sprach den Dank von Landrat Siegfried Walch gegenüber allen Helfern aus, die Unterkünfte für Flüchtlinge zur Verfügung stellen oder bei der Unterstützung von Flüchtlingen behilflich seien. In Seeon-Seebruck setze man wieder auf einen ähnlichen Zusammenhalt von Helfern wie er sich bereits bei der zurückliegenden Flüchtlingswelle 2015/16 bewährt habe. Die Gruber-Alm in Roitham sei diesmal aber keine Option, Flüchtlinge unterzubringen. Das Gebäude ist in einem schlechten Zustand, die Investitionen einer Sanierung wären zu hoch, es soll abgerissen werden.

Grundversorgung für die Flüchtlinge

Geklärt sei mittlerweile, dass jeder erwachsene Flüchtling aus der Ukraine ab sofort 330 Euro monatlich an Grundsicherung erhalte, um den Lebensunterhalt finanzieren zu können. Dieses Geld könne auch von der Gemeindeverwaltung ausbezahlt werden, nachdem ein Flüchtling offiziell registriert und eine offizielle Aufnahme im Gemeindebereich gefunden habe.

In diesem Zusammenhang wurde von Ehrenamtlichen an Bartlweber die Frage gerichtet, ob er sich nicht bei den örtlichen Banken für eine kostenfreie Kontoführung bei den Flüchtlingen einsetzen könnte, damit den Flüchtlingen bei der Überweisung der Gelder keine weiteren Verluste entstünden. Bartlweber sagte zu, bei den örtlichen Banken nachzufragen.

Klar sei mittlerweile auch, dass schulpflichtige Kinder erst drei Monate nach ihrer Registrierung in Deutschland schulpflichtig seien. Das Nähere dazu werde momentan durch das Kultusministerium erarbeitet. Sechs Monate nach der Registrierung haben Flüchtlingskinder einen Betreuungsanspruch in Kitas. In Traunreut gebe es mit der Allgemeinärztin Ludmilla Abt eine russisch sprechende Ärztin, und in Altenmarkt gebe es eine Apotheke, in der russisch gesprochen werde

Viel Hilfe für eine traumatisierte Familie

Diese Information von anwesenden Bürgern ist für das Ehepaar Heide und Andreas P. sehr hilfreich, die ihre leer stehende Doppelhaushälfte in Seebruck einem älteren ukrainischen Ehepaar (80 und 73 Jahre alt) sowie deren 45-jähriger Tochter samt mitgebrachter Hauskatze zur Verfügung stellten. Der Sohn des Seebrucker Ehepaars habe die ukrainische Familie von der Münchner Nothilfe abgeholt, bei denen Familie P. ihr Wohnhaus als Flüchtlingsunterkunft angeboten hatte.

Die Flüchtlingsfamilie stammt aus der nach Kiew zweitgrößten Stadt der Ukraine im Nordosten des Landes, aus Charkiw, mit etwa 1,5 Millionen Einwohnern. Die nun in Seebruck angekommenen Flüchtlinge sprechen nur die in der Stadt seit 2012 wieder zugelassene Amtssprache Russisch. Heide P. war sehr froh, dass sie beim Treffen in Truchtlaching auf eine Russisch sprechende Helferin stieß, die nun als Dolmetscherin bei der Verständigung helfen soll. Zuletzt habe man sich bei einem Einkauf im Edeka-Laden nur durch Handzeichen verständigen können, welche Lebensmittel gekauft werden sollten.

Hundert Euro für die Lebensmittel kamen als Soforthilfe vom Sozialfonds der Gemeinde. „Die Flüchtlingsfamilie ist hoch traumatisiert, sie hat momentan den ganzen Tag die Jalousien geschlossen und traut sich abends das Licht nicht einschalten, nach ihrer Ankunft in Seebruck haben sie erst einmal zwei Tage durchgeschlafen“, sagte Gastgeberin Heide P.

Eine harmonische WG in Truchtlaching

Auch Julia Landinger aus Truchtlaching hat ihre freien Räumlichkeiten im Dachgeschoss bei der Münchner Flüchtlingshilfe als Unterkunft zur Verfügung gestellt. Aufgenommen werden konnten eine 48-jährige Mutter mit ihren beiden 14- und 20-jährigen Töchtern aus Kiew. Der Mann beziehungsweise Vater blieb in der ukrainischen Hauptstadt zurück, um sich der Großeltern der Familie anzunehmen, die aufgrund ihres Alters und krankheitsbedingt nicht mehr flüchten konnten.

Auch Julia Landinger aus Truchtlaching hat freie Räume für die Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Jetzt lebt sie mit ihnen in einer „harmonischen WG“.

In diesem Fall gibt es keine große Sprachbarriere, „weil die 20-jährige Soziologie-Studentin, ihre kleine Schwester und Mutter recht gut Englisch sprechen“, sagt Gastgeberin Julia Landinger. Die aufgenommene Familie hat im Dachgeschoss ihr eigenes Reich mit ausreichend Privatsphäre. Die Küche wird von allen gemeinsam genutzt. Die Familie ist überaus dankbar und hilfsbereit, wodurch in kürzester eine harmonische WG entstanden ist.

Die gute alte Bürokratie

Eine Problematik im Ablauf der Bürokratismen bestehe derzeit gegenüber den ukrainischen Flüchtlingen darin, dass es nach ihrer Registrierung durch das Ausländeramt drei bis vier Wochen dauere, bis der Aufenthaltsausweis von der Bundesdruckerei bei den Kriegsflüchtlingen ist, sagte Landinger. Diesen Aufenthaltsausweis benötige man beispielsweise zum Erhalt einer Krankenkassenkarte, um unkompliziert und vollumfängliche ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen zu können.

„In dieser Zeit sind aber Notfallbesuche beim Arzt jederzeit möglich“, sagte Bartlweber – „dafür ist keine Krankenkasse nötig.“ Nach erfolgter Registrierung im Ausländeramt des LRA Traunstein kann der Antrag auf Grundleistungen gemäß Asylbewerberleistungsgesetz im Sozialamt des LRA Traunstein gestellt werden. Die Bearbeitung wird voraussichtlich ebenfalls einige Wochen in Anspruch nehmen.

Bartlweber will „keinen blinden Aktionismus“

Auch erste Erfahrungen bei den Ukraine-Flüchtlingen mit Corona-Impfungen gebe es bereits, wurde von anwesenden Helfern geäußert. Eine ukrainische Familie, die in Seeon untergekommen sei, habe sich im Heimatland nicht impfen lassen, weil es den chinesischen und russischen Impfstoffen misstraut habe, sagte ein Seeoner Gastgeber einer dreiköpfigen Familie aus Charkiw, der namentlich nicht genannt sein möchte. Im Impfzentrum Altenmarkt erfolgte aber problemfrei die Erstimpfung mit dem Impfstoff Biontech, der bereits nach drei Wochen die Zweitimpfung folgen sollte. Zur Benutzung des ÖPNV sagte Bartlweber, dass im Landkreis Traunstein von ukrainischen Bürgern bei Vorlage ihres Ausweises der RVO kostenlos benutzt werden könne. Auch die Deutsche Bahn biete eine kostenlose Nutzung der Verkehrsmittel an, dies sollte aber vorher im Einzelfall vor Antritt der Fahrt angefragt werden. 

Bartlweber ist es wichtig, „dass kein blinder Aktionismus bei der Hilfe gegenüber den Flüchtlingen entstehe, sondern dass vorher überlegt werde, zu welchem Zeitpunkt welche konkrete Maßnahme und Hilfe gegenüber den Flüchtlingen tatsächlich nötig und gewinnbringend ist.“ Die anwesenden Bürger der Informationsveranstaltung gaben zu verstehen, dass sie zur Mithilfe bereit sind, wenn es erforderlich wird. Interessenten können sich bei der Gemeindeverwaltung unter Telefonnummer 08667-888521 melden.

zaa

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