Massiver Widerstand von Bürgern in Seeon-Seebruck

"Klotz in der Landschaft": Zieht die Entlastungsspange den Verkehr erst an? 

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Rund 50 Bürger echauffierten sich beim UVA-Treffen in Trostberg über die geplante Sanierung der maroden Alzbrücke und den Neubau des massiven Projekts Entlastungsspange in Seeon-Seebruck. 
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Seeon-Seebruck/Trostberg - Die marode Alzbrücke und der geplante Bau einer Entlastungsspange treibt die Bürger um. Bei einer außerordentlichen Versammlung des Umweltschutzverbands Alztal und Umgebung (UVA) kamen in Trostberg rund 50 Teilnehmer, darunter viele Seeon-Seebrucker, zusammen.

Toni Mayer ist Sprecher des Bürgerforums Seebruck. 

 Die in der Diskussion aufgekommenen Befürchtungen und Forderungen verlagerten sich rasch auf Bürgermeister Bernd Ruth. "Die auf einen Planungszeitraum von unfassbaren 15 Jahren angesetzte Entlastungsspange soll entlasten - aber wie genau, das weiß keiner so recht. Was man aber weiß: Die Brücke wird hoch und massiv und zerstört sowohl unser Ortsbild als auch die Naturflächen", beginnt Toni Mayer, Sprecher des Bürgerforums Seebruck.
Am Abend des 23. Juli 2019 wurde das Bürgerforum als achte Bürgerinitative in den UVA aufgenommen. Die Mitgliederzahl schrammt inzwischen an der 500-Marke. Rund 70 Anträge kamen in jüngster Zeit alleine aus Seeon-Seebruck

Mit dem Bau der Entlastunsspange beginnt in den Augen Mayers auch der Leidensweg der Lebensqualität im malerisch am Chiemsee gelegenen Touristen-Ort Seeon-Seebruck. "Das Ziel des Ganzen soll die Aufwertung der Uferpromenade sein. Für mich ist die aber schon jetzt ein Highlight." 

Außerdem sei er "überzeugt", dass der Verkehr nicht weniger, sondern immer mehr werde: "Wäre es nicht sinnvoller die Bestandsbrücke zu sanieren, eine Verbesserung für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen und eine Tonnagen-Beschränkung auf 12 Tonnen beizubehalten? Dafür könnte man die Rosenheimer und Traunsteiner Straße verkehrsberuhigt ausgestalten. Warum schaffen wir kein Konzept, das denSchwer- und Fernverkehr auf den Autobahnen und Bundesstraßen hält und so die gesamte Gemeinde entlastet? Wir sind eine Einheitsgemeinde - wir können den Verkehr nicht auf Truchtlaching und Seeon abwälzen", wetterte der junge Seebrucker und erntete für diese Worte Applaus von den anwesenden Teilnehmer. 

Des Weiteren prangerte Mayer den Flächenfraß an: "Die Gemeinde könnte Bauland ausweisen, dieses wird aber für Bauprojekte verbraten. Die Leute, die sich ein Eigenheim schaffen wollen, können das hier nicht - obwohl der Bedarf da ist. In 15 Jahren ist auch der letzte Seebrucker weg, wenn das so weitergeht." 

Was die Entlastungsspange mit dem Kiesabbau zu tun hat:

Gerd Raepple von der Interessengemeinschaft Seeon sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Entlastungsspange und dem geplanten Kiesabbau im Gemeindegebiet. 

Dem Thema Flächenfraß konnte sich Gerd Raepple von der Interessengemeinschaft Seeon anschließen. Er spannte den Bogen hin zu den von der Gemeinde geplanten Konzentrationsflächen für Kiesabbau, denn in seinen Augen hätten das Kiesabbauvorhaben und die Entlastungsspange enge Zusammenhänge.

"Die vielen 40-Tonner machen die Straßen jetzt schon kaputt. Wenn dann noch die Kieslaster mit Lärm und Staub dazu kommen sehe ich schwarz für Seeon-Seebruck. Freilich, Kies braucht es für Aufschüttungen bei Ortsumfahrungen wie aktuell in Obing, den Aubergtunnel in Altenmarkt oder den A8-Ausbau. Die beiden Themen Umfahrungen und Kies sind in jeder Gemeinde heiß diskutiert und müssen zusammen betrachtet werden. Wir kämpfen mit dem UVA nun gemeinsam für den Erhalt der Landschaft, Natur und Heimat - auch weil mir die Planung der Entlastungsspange fürchterlich zusammengeschustert vorkommt." 

Seeon-Seebruck sei indes kein Einzelfall, Hilferufe aus dem eigenen und umliegenden Landkreisen würden sich häufen. Es mache nachdenklich zu sehen, wie die Entscheidungen der Politik sich über die Bedürfnisse der Bürger hinwegsetzen. "Langfristig müssen wir zu einer anderen politischen Lösung kommen", ist Raepple überzeugt.

Rund 50 Bürger fanden sich zur UVA-Versammlung in Trostberg ein. 

In der anschließenden Diskussion stand in erster Linie Bürgermeister Bernd Ruth in der Kritik. Ein Bürger prangerte an, die vier vorgestellten Varianten des Neubaus seien "unmöglich" gewesen. Er fragt sich warum die Gemeinde nicht die gesamte Bevölkerung gefragt habe, was diese denn für eine Lösung wünsche: Ob Sanierung, Brücke im Bestand oder Neubau/Entlastungsspange? 

Bürgemeister Bernd Ruth (links) stand am Dienstagabend im Kreuzfeuer. 

Eine weitere Bürgerin wetterte: "Da wird eine Brücke ertüchtigt und was ist dann nach 15 Jahren wenn die gleiche Belastung von 40-Tonnen darüberrollt? Gibt es dann wieder eine neue überdimensionale Brücke? Das ist doch nicht normal. Unser Ziel muss es sein, die bestehende Brücke gescheit zu sanieren, denn die 40-Tonner werden nicht ausbleiben. Nicht umsonst schlägt Google Maps eine der schnellsten mautfreien Route von München nach Salzburg genau durch unsere Region vor."
Ein Seebrucker, der in der Haushofer Straße wohnt, erklärt, für ihn sei es "unverständlich, wie Gemeinderat und Bürgermeister den Verkehr in den Ort ziehen" können: "Das ist ein Klotz in der Landschaft, wir Bürger müssen alle den Schwerlastverkehr ertragen. Ich würde mich ja in Ihrer Haut nicht mehr wohlfühlen, Herr Ruth, wenn ich in den Geschichtsbüchern als der Bürgermeister aufgeführt werde, der den Ort verunstaltet hat." 

Ruth konterte: "Wir kommen nicht drumherum, dass die Brücke auf 40 Tonnen ausgelegt wird - auch wenn ich und wir alle das nicht wollen - es ist so. Das entspricht den heutigen Vorgaben für Brückenbauwerke auf einer Staatstraße. Ich finde es ungerecht zu sagen, wir ziehen den Verkehr in den Ort. Ich will den Verkehr auch nicht, aber wir müssen uns an die gesetzlichen Vorgaben halten und den künftigen Verkehr, von dem übrigens nur zehn Prozent den Schwerlastverkehr darstellt und 90 Prozent Auto-Verkehr bis 7,5 Tonnen ist, vernünftig durch Seeon-Seebruck leiten. Kein Bürgermeister möchte die Bürger belasten."

Das überzeugte den Seebrucker nur teilweise. Er erwiderte, wenn die 40-Tonner-Brücke schon sein müsse, dann solle die Gemeinde doch bauliche Maßnahmen zur Geschwindigkeitsbegrenzung in Angriff nehmen, die den Schwerlastverkehr aus dem Ort bannen

Ein weiterer Bürger erklärte am Ende, für ihn sehe das so aus, als würde sich Seebruck mit dieser Planung "zurückentwickeln". "Die Gemeinde war schon mal besser dran." 

Entlastungsspange eher eine "Belastungsspange"? 

Gisa Pauli unterstützt die Anliegen der Seeon-Seebrucker im Rahmen der Möglichkeiten des UVA. 

Gisa Pauli, UVA-Vorsitzende erklärte am Schluss, es gebe deutliche Argumente gegen den Bau - vom Eingriff in Natur und Landschaft, Immissionsschutz und Flächenverbrauch, Ortsbild und Tourismus oder die großräumige Verkehrsverlagerung bis hin zu einer sicheren Verkehrsführung für Radler und Fußgänger. "Die Entlastungsspange ist eher eine Belastungsspange habe ich kürzlich erst gehört und so stellt sie sich für uns aktuell dar." 
Trotz aller Gesichtspunkte, für Pauli sei es wichtig, den Umweltschutz nicht nur in eigener Sache "zur Chefsache zu erklären, sondern umsichtig, ressourcenschonend und nachhaltig auf allen Bereichen zu agieren, damit wir unseren Kindern eine lebenswerte, intakte Region übergeben können".

Hintergrund:

Die85 Jahre alte Alzbrücke auf der Staatstraße 2095 zwischen Traunstein und Bad Endorf soll nach dem Ansinnen von Regierung und Sraßenbauamt in etwa einjähriger Bauzeit saniert werden. Seit jeher war die Brücke auf nur 24 Tonnen ausgelegt - inzwischen ist sie nur noch auf 12 Tonnen beschränkt, das Bauwerk ist schwer geschädig

Die Lösung soll die sogenannte Entlastungsspange bringen: Langfristig soll die alte Brücke durch eine neue auf 40 Tonnen ausgelegte Brücke mit einer Gesamtbreite von rund 15 Metern ersetzt werden. Dafür sollen 200 Meter von der instandzusetzenden alten Alzbrücke entfernt am westlichen Ufer von der Gemeinde erworbene Grundstücke weichen.

Diese Verlegung der Staatsstraße 2095 würde das Landschaftsschutzgebiet "Oberes Alztal" und das nach der europäischen Natura-2000-Verordnung als Flora-Fauna-Habitat (FFH-Gebiet) und als Vogelschutzgebiet unter Schutz gestellte sowie als Biotop kartierte Grabener Moor queren.

Alternativen zu dem Bauwerk konnten sich nicht durchsetzen. Eine Teil- oder Gesamtumgehung für Seeon-Seebruck lehnt das Bauamtab.

So könnte die Entlastungsspange verlaufen. Die Pläne hatte das Staatliche Bauamt in der Infoveranstaltung vorgestellt.

Nun soll in einem auf 15 Jahre angepeilten Planungsverfahren die Entlastungsspange von der Reimer Kurve zum östlichen Beginn der Haushoferstraße beziehungsweise zum Campingplatz Arlaching konzipiert werden. Kostenpunkt: 15 Millionen Euro

Schäden an Natur und Landschaft sowie die Auswirkungen auf groß- und kleinräumige Verkehrsströme einschließlich der Immissionsbelastung sollen während des Verfahrens festgestellt werden. 

mb

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