Intensivpädagogische Wohngruppe

„Diese Kinder sind keine Monster“

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Die Pension „Waldesruh“ in Wattenham soll in eine intensivpädagogische Wohngruppe umgewandelt werden.

Seeon-Seebruck - Die Betreiber eines geplanten Wohnheims für Kinder mit gestörtem Sozialverhalten haben die Anwohner nun genauer über das Projekt informiert.

Dass die vielgepriesene Bürgernähe, die Bürger bei sensiblen Themen wie der in Wattenham geplanten sogenannten intensivpädagogischen Wohngruppe zu informieren fruchten könne, zeichnete sich bei einer Informationsversammlung durch die Gemeinde Seeon-Seebruck im Cafe-Bistro Leuchtenberg in Seeon. In der heftig geführten Diskussion konnten die „Stammtisch“-Spekulationen, dass es sich bei den Bewohnern um dissoziale Jugendliche handle, ausgeräumt werden. Eine Versammlungsstätte mit Saal wäre aufgrund des großen Interesses allerdings von Vorteil gewesen.

Das Vorhaben der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe der Inneren Mission München, in der Pension „Waldesruh“ in Wattenham eine Wohngruppe für Kinder mit gestörtem Sozialverhalten einzurichten, bereitete den Wattenhamern heftige Bauchschmerzen. Den Bewohnern war zu Ohren gekommen, dass die Diakonie die Pension am Waldrand des idyllischen Ortes gelegen, erwerben und für ihre Zwecke nutzen möchte. Durch Gespräche, die sie ihren Angaben nach am Stammtisch aufgeschnappt haben, gingen sie Bewohner davon aus, dass es sich bei der Wohngruppe um dissoziale Jugendliche handeln soll. „Es war immer die Rede davon, dass es sich dabei um Jugendliche handelt, die nicht mehr therapierbar sind“, sagte Herbert Hofer.

Diese Spekulationen hätten die Ängste der Wattenhamer geschürt, zumal nicht auszuschließen sei, dass von den Jugendlichen auch eine Gefahr ausgehen könnte. Das kleine, 100-Seelen-Dorf wäre für eine solche Einrichtung der falsche Ort. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, betonte er ausdrücklich: „Wir haben grundsätzlich nichts gegen kranke oder behinderte Kinder, wir Wattenhamer sind bekanntlich sehr sozial eingestellt.“

Dass die Einrichtung grundsätzlich nicht zu verhindern ist, war den Kritikern von vorneherein klar. Sie vertraten jedoch die Ansicht, die Gemeinde verharmlose die Situation und es werde über ihre Köpfe hinaus entschieden. Die Aussagen der anwesenden Vertreter der Diakonie, dass in dem Wohnheim keine Jugendlichen bis 18 Jahren sondern Kinder zwischen 8 bis 14 Jahren betreut werden, trugen zur Beruhigung mit bei. „Wir können es nicht verhindern und nur versuchen, mit der Situation klar zu kommen“, sagte Helmut Eder. Am besten gehe es immer noch miteinander und nicht gegeneinander, mit einer starken Dorfgemeinschaft und einem starken Sozialgefüge. Diesem Schlusssatz, dem der Diskussionsführer und Zweite Bürgermeister der Gemeinde Seeon-Seebruck Hans Huber nichts mehr hinzuzufügen hatte, ging allerdings eine sehr kontroverse, rund zweistündige Diskussion mit Zwischenrufen voraus.

Die Gemeinde würde alles „schwachreden“ und es seien nur „Schönredner“ zu der Infoveranstaltung eingeladen worden, warfen Besucher in die Diskussion. Die Kritik flachte aber zusehends ab, nach dem sich die Verantwortlichen der Diakonie deutlich zu dem Vorhaben in Wattenham äußerten und Vertreter der Heilpädagogischen Wohngruppe „Sinzinger Hof“ in der Gemeinde Schnaitsee ihre Erfahrungen schilderten. Wie den Aussagen zu entnehmen war, seien im „Sinzinger Hof“ keinerlei Auffälligkeiten zu beobachten.

Dies unterstrichen auch Hermann Soiderer von der Polizeiinspektion Trostberg und der Schnaitseer Bürgermeister Vitus Pichler. Die Bewohner würden im gleichen Schulbus fahren, wie die anderen Kinder in der Gemeinde auch und nach Beobachtungen eines Nachbarn habe es in all den Jahren (Die Wohngruppe „Sinzinger Hof“ besteht seit 2008) „nix geb´n.“ Der Hausmeister im „Sinzinger Hof“ gab den Wattenhamern mit auf den Weg, die Kinder zu integrieren. „Diese Kinder haben innere Probleme und sind keine Monster.“ Auch der Behinderten- und Seniorenbeauftragte der Gemeinde Seeon-Seebruck Alfred Eiblmaier appellierte daran, den Kindern eine Chance einzuräumen. „Die Kinder brauchen dringend Ihre Stütze und nicht nur Ihre Ablehnung,“ forderte Eiblmaier. Passieren könne immer was, sagte Diakon Georg Oberloher. Die Kinder hätten aber genauso eine Chance verdient, wie jeder andere. Auf der Grundlage des Sankt-Florians-Prinzips „Überall passt´s hin nur bei uns nicht“ appellierte auch Bürgermeister Konrad Glück an das Verantwortungsbewusstsein.

Glück hatte zu Beginn die Situation aus Sicht der Gemeinde geschildert. Die Innere Mission habe in der Gemeindeverwaltung eine Nutzungsänderung für das Haus „Waldesruh“ zur Einrichtung einer intensivpädagogischen Wohngruppe beantragt. Daraufhin habe sich der Gemeinderat vom „Sinzinger Hof“ ein entsprechendes Bild gemacht und den Bauantrag zunächst mit 6:3 Stimmen abgelehnt, um Zeit für eine Informationsversammlung zu gewinnen. Am Beispiel der Lebenshilfe-Einrichtungen in der Gemeinde stellte er fest, dass diese auch nicht gleich auf Begeisterung gestoßen seien. „Heute gehören die Leute zu uns.“

Bei den Neubürgern, die voraussichtlich Mitte des Jahres einziehen werden und dort eine vorübergehende Bleibe erhalten sollen mit dem Ziel, ihre Heimat wieder zu Hause zu finden, handelt es sich um Kinder mit einem intensiven Förder- und Betreuungsbedarf. Die verhaltensauffälligen Kinder, deren soziales und emotionales Verhalten gestört ist, werden 1:1 betreut. Dass heißt, für die sieben Kinder, die meist aus zerrütteten Familien stammen, stehen ebenso viele Betreuer und zusätzlich ein Psychologe zur Verfügung. Die Kinder mit einem besonderen Förderbedarf werden im Haus von einer Lehrkraft der Wilhelm-Löhe-Schule Traunreut unterrichtet. Andere besuchen die umliegenden öffentlichen Schulen. Im Schnitt verlassen die Kinder nach anderthalb Jahre das Wohnheim, um entweder wieder zu ihren Familien zurückzukehren oder in ein Berufshilfswerk bzw. in eine andere sozialpädagogische Einrichtung wechseln. Wie der Leiter der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Achim Weiss erklärte, werden die Kinder und Jugendlichen über die Jugendämter an die Diakonie vermittelt und entsprechend ihrer Grundkonstellation eingestuft.

In dem neuen Wohnheim in Wattenham werden die Kinder intensiv aber offen betreut. Es gebe keinen Grund, weshalb die Kinder geschlossen untergebracht werden sollen, sagte Weiss. Der Gemeinderat muss jetzt einen positiven Beschluss fassen, denn baurechtlich gebe es keinen Grund, das Vorhaben abzulehnen, sagte Glück. Größere Umbaumaßnahmen im und am Gebäude der Pension „Waldesruh“, sind mit Ausnahme von umfangreichen Brandschutzauflagen nicht vorgesehen.

ga

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