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Skepsis und Ungewissheit treibt Seeon-Seebrucker um

"Goldgräber-Stimmung": Ufert der geplante Kiesabbau aus?

Die Fachleute standen den zahlreich erschienenen Bürgern Rede und Antwort.
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Die Fachleute standen den zahlreich erschienenen Bürgern Rede und Antwort.

Seeon-Seebruck - Die Gemeinde möchte künftig Kiesabbauflächen mittels Konzentrationszonen steuern - doch dieses Vorhaben stößt bei den Bürgern nicht überall auf Zustimmung. Das wurde bei einem zweiten Infoabend in Truchtlaching einmal mehr deutlich.

Gesteckt voll war er am Mittwochabend des 13. Februars, der Bürgersaal in Truchtlaching. Fast 200 Seeon-Seebrucker kamen zum zweiten Informationsabend zur 48. Flächennutzungsplan-Änderung. 

Das gemeindliche Kiesabbauprojekt spaltet die Gemüter, das ist unschwer zu erkennen. Von Seiten der Seeoner Interessengemeinschaft (IG) und des Umweltschutzverbands Alztal und Umgebung (UVA) regte sich schon reichlich Widerstand. Deshalb nutzte Bürgermeister Bernd Ruth die Gelegenheit am Mittwoch zum Austausch und Dialog. 

Die Fakten:

"Wir widmen uns einem Thema, das für uns alle nicht einfach ist und vor dem wohl jeder ein bisserl Angst hat." Mit diesen Worten eröffnete Bürgermeister Ruth die Abendveranstaltung im Bürgersaal. "Es tut mir sehr leid, dass ich euch mit diesem Thema belasten muss, aber das betrifft uns alle und künftige Generationen. Mich persönlich begleitet das Thema Kies seit Mai 2014 und seitdem alle im Gemeinde-Gebiet in irgendeiner Art und Weise. Verschonen kann ich euch nicht." 

Der Schutz der Heimat sei das gemeinsame Ziel, hob Ruth hervor. Keiner wolle in 30 Jahren eine ausgebeutete Kraterlandschaft sehen. Deshalb sei auch der Antrag der Firma Swietelsky auf Abbau von Kies auf einer Fläche von etwa 4,2 Hektar in Eglhart-Nord (Niereit) auf die kommende Sitzung des Rats im März verschoben worden. Da dieser jüngste Antrag nicht der einzige in den letzten Jahren gewesen sei, wolle die Gemeinde nun mit einer Konzentrationsflächen-Ausweisung im Flächennutzungsplan eine Ordnung in die Kiesabbauvorhaben hineinbringen.

Seeon-Seebrucks Bürgermeister Bernd Ruth.

Christian Nebl vom Landratsamt Traunstein erklärte dazu: "Konzentrationszonen bezeichnet die Ausweisung von Positivflächen, die im Umkehrschluss andere Flächen für nicht antastbar für Kiesabbau erklären."  

Dass bereits Kiesgruben in unmittelbarer Umgebung - Obing und Altenmarkt - vorhanden und in Betrieb sind, ist der Gemeinde bekannt. Dennoch, Kiessabbau sei laut Ruth privilegiert - um unkontrolliertem Abbau Einhalt zu gebieten, wolle man deshalb den Abbau gezielt mit der Ausweisung von Konzentrationszonen steuern.

"Das Ziel der Gemeinde ist es, Positivflächen auszuweisen, die für einen Abbau geeignet sind und den örtlichen Bedarf langfristig deckt", erklärte es Ralf Schindlmayr vom Ingenieurbüro Aquasoli in Siegsdsorf. Dabei liege der Fokus auf sparsamen und ressourcenschonenden Umgang der Flächen und auf geringer Belastung für die Bürger. 

Der errechnete Minimalbedarf für Seeon-Seebruck betrag laut Schindlmayr 2,9 bis 9 Hektar. War zu Beginn der ersten Bürgerversammlung zum Thema Kiesabbau noch von einer Größenordnung von 70 Hektar die Rede, so seien die Flächen nun reduziert worden. "Wir unterscheiden in harte und weiche Tabuzonen und haben strengere Kriterien aufgegriffen, sodass von insgesamt 206 Hektar kiesabbaufähiger Fläche am Ende nur mehr 26,24 Hektar übrig bleiben. Das entspricht 0,55 Prozent des gesamten Gemeindegebiets." Die zwei potentiellen Flächen sind das Niereiter Feld mit etwa 18,5 Hektar und Steinrab Süd mit 7,7 Hektar. Geplant sei das Ganze für eine Laufzeit von 25 Jahren.

Die beiden Potentialflächen für Kiesabbau im Gemeindegebiet Seeon-Seebruck mit insgesamt 26 Hektar.

Die Diskussion:

Die erste Frage von Seiten der Bürgerschaft betraf das Projekt allgemein: Warum muss Seeon-Seebruck überhaupt Kiesabbauflächen ausweisen - gibt es dafür eine Pflicht? 

Es handle sich beim Kiesabbau laut Bürgermeister Ruth um privilegierte Vorhaben, die sich nur durch die Ausweisung von Konzentrationszonen steuern ließen, weswegen die Gemeinde von ihrer Planungshoheit Gebrauch mache und diesen Weg der Zonen einschlage um den künftigen Abbau in geordnete Bahnen zu lenken. Ruth erläuterte zudem, dass man zum einen die Eigentumsfreiheit der Grundstückseigentümer sowie die wirtschaftlichen Interessen der Kiesabbauunternehmen, die Bodenschätze nutzen möchten, berücksichtigen müsse. 

Nebl ergänzte, es sei essentiell, eine vernünftige Balance herzustellen zwischen dem Abbaubedarf für die nächsten 25 Jahre und der Belange der Bürger. 

Martha Gruber, zweite Bürgermeisterin von Seeon-Seebruck hob hervor: "Wir dürfen die Privilegiertheit nicht vergessen, wegen der wir uns gegen das Alles nicht verwehren können. Weil wir hier keinen Wildabbau wollen schlagen wir den Weg mit den Konzentrationszonen ein, um das Ganze zu steuern. Ich kann nur an alle Grundstücksbesitzer appellieren, nicht abzubauen - nur so können wir eindämmen."  

Beinahe 200 Bürger fanden sich im Truchtlachinger Bürgersaal ein.

Und warum müsse man so viel ausweisen? Eine Frage, die Rechtsanwältin Kerstin Funk von der Münchner Kanzlei Döring-Spieß mit dem erforderlichen Maß an Rechtssicherheit, die diese beiden Flächen erzeugen, beantworten konnte: "Die Gemeinde hat die Flächen soweit es ging, reduziert. Mit den beiden übrig gebliebenen 26 Hektar ist Seeon-Seebruck rechtlich gesehen auf der sicheren Seite - und wir wollen bewusst rechtssicher agieren. Wir leiten das aus Urteilen des Verwaltungsgerichtshofs ab."

Die Antwort traf nicht wirklich auf Zustimmung. "Erst war die Rede von 70 Hektar, nun sprechen wir immer noch von 26 Hektar - ich habe ein bisserl Angst, eine Goldgräber-Stimmung in Seeon-Seebruck zu eröffnen, weil das Umland möglicherweise auf die Rohstoffvorkommen aufmerksam wird", brachte ein weiterer Bürger seine Skepsis zum Ausdruck. Schindlmayr erklärte, die 70 Hektar seien ein Zwischenschritt gewesen, den man mit neuen Kriterien verfeinert habe. 

UVA-Vorsitzende Gisa Pauli unterstrich: "Im Umkreis weniger Kilometer sind rund 50 Hektar ausgewiesen. Ich als Naturschützer erachte jeden Hektar als zu viel für Seeon-Seebruck. Was ist, wenn wir dadurch einen Prädenzfall schaffen und durch falsche Signale Interessen in den anderen Kommunen erst wecken? Der Flächenfraß schreitet weiter voran, während Boden und Natursschutz auf der Strecke bleiben - das hat fatale Folgen für unsere Heimat und auch den Tourismus. Wir stellen damit unsere Lebensgrundlage in Frage - meiner Meinung nach läuft hier etwas total schief." 

Verfolgten die Erklärungen der Behörden auf dem Infoabend mit Skepsis: Gerd Raepple von der Seeoner Interessengemeinschaft (IG) und Gisa Pauli, Vorsitzende des Umweltschutzverbands Alztal und Umgebung (UVA).

Ob der Regionalplan nicht Kiesabbau untersagen würde, wollte eine weitere Bürgerin wissen. Nebl erläuterte, dass der Regionalplan für die Region 18 per se nicht sich nicht gegen Kiesabbauvorhaben einsetze und auch keine ausreichende Regelung vorgebe. Er sei hierfür nicht gedacht und nicht geeignet, auch wenn das Landesentwicklungsprogramm ihm diese Aufgabe zuteile. Einem Kiesabbauvorhaben könne nicht die Lage außerhalb eines Vorrang- oder Vorbehaltsgebiets entgegen gehalten werden. Unterstützung bekamen die Fachleute von Gemeinderat Sepp Daxenberger: "Der Regionalplan ist total schwammig." 

Wie stehe es um die Wiederverfüllung nach 25 Jahren, wollte eine Bürgerin von Nebl wissen. Der erklärte, Immissionsschutz (Lärm, Staub, Lastwagenverkehr) und auch der abschnittsweise Abbau mit Wiederverfüllung würden Zug um Zug im Rahmen der Baugenehmigungen sichergestellt. "Das Ganze durchläuft Prüfungen durch Einzelgenehmigungsverfahren, die durch das Landratsamt gesteuert werden. Dabei richten wir natürlich auch unser Augenmerk auf Ausgleichsflächen für Flora und Fauna sowie auf Rekultivierung." 

Lesen Sie dazu: Auch in Gars am Inn im Landkreis Mühldorf gibt es Widerstand von Seiten der Gemeinde und den Bürgern zu einer geplanten Erweiterung einer bestehenden Kiesgrube in Dörfl. 

mb

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