Seifert wirbt für Biowärmeprojekt

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Wenn genug Priener am 10. April für das Holzheizkraftwerk (links unten) stimmen, will die Gemeinde möglichst schnell die Baugenehmigung einholen. Positive Umwelt- und Immissionsgutachten liegen nach Angaben der Initiatoren zwischenzeitlich schon vor. Dann könnte bis Herbst 2013 ein Nahwärmenetz entstehen, an das sich Interessenten im gelb markierten Bereich im Umfeld von Bernauer, See-, Carl-Braun- und Harrasser Straße anschließen können.

Prien - Mit Zahlen und Beispielrechnungen haben Bürgermeister Jürgen Seifert und die Ingenieure bei einer Informationsveranstaltung für das Biowärmeprojekt der Marktgemeinde geworben.

Seifert widerlegte unter anderem Mutmaßungen, es gebe in der Region nicht genug Holz für das Hackschnitzelheizkraftwerk (HHKW). "Für 95 Prozent des Brennstoffbedarfs liegen unterzeichnete Lieferzusagen vor.""Energie aus der Region, für die Region" - Mit diesem Wahlspruch wirbt der Markt Prien für sein Vorhaben. Für veranschlagte 13,5 Millionen Euro soll bis Herbst 2013 die erste Ausbaustufe eines HHKW samt Nahwärmenetz in Betrieb gehen. Das Bauleitverfahren für das Kraftwerk läuft derzeit. Es soll unmittelbar westlich des Gewerbegebiets "Am Reitbach" entstehen.

Eine Grundsatzentscheidung treffen die Priener am Sonntag, 10. März, in einem Bürgerentscheid. Den hat der Marktgemeinderat auf den Weg gebracht. Er steht einstimmig hinter dem Projekt.

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Für die Nahwärmeversorgung von umgerechnet 3000 Einfamilienhäusern braucht die Kommune 11000 Tonnen Hackschnitzel jährlich. Sie sollen ausschließlich aus naturbelassenem sogenannten Waldrestholz stammen. Kritiker hatten in den vergangenen Wochen wiederholt kolportiert, es gebe nicht genug Holz.

Seifert widersprach solchen Mutmaßungen am Samstagabend im voll besetzten großen Kursaal mit Zahlen. Demnach würden für den HHKW-Betrieb lediglich 5,5 Prozent des Holzes benötigt, das im Landkreis Rosenheim derzeit pro Jahr nachwächst, ohne dass ein einziger Baum gefällt werden müsse, berief er sich auf Zahlen des Forstamtes. "Es gibt mehr als genug Holz."

Der Bürgermeister nannte fünf wesentliche Gründe für das Biowärmeprojekt: den Beitrag zum Umweltschutz (fünf Millionen Liter Heizöl und 13000 Tonnen Kohlendioxid könnten jährlich eingespart werden), die Möglichkeit der Preisgestaltung vor Ort (die Gemeinde wolle, unabhängig von der Betriebsform, 51 Prozent der Anteile und somit die Entscheidungshoheit behalten), Einsparungen bei der Versorgung kommunaler Einrichtungen (als Beispiel nannte Seifert Potenziale von 40 Prozent beim Prienavera) und die "Unabhängigkeit vom Gewinnstreben großer Konzerne und Spekulanten". Letztlich sei Öl, das in vielen Branchen für Herstellungsprozesse gebraucht werde, "zu schade, um es zu verbrennen".

Reinhard Brodrecht von der Gesellschaft beratender Ingenieure (GbI), nannte Eckdaten und weitere Argumente für das HHKW - vor allem auch für dessen Bau zum jetzigen Zeitpunkt. Denn noch gäbe es Fördergelder für Anlage, Netz und Hausanschlüsse, noch seien genug Waldhackschnitzel vorhanden, noch seien die Wärmeabnehmer interessiert und noch seien die Zinsen niedrig. Das HHKW soll ins abschüssige Gelände eingebettet werden und ein "Waldsaum" stehen bleiben. Das Dach der Lagerhalle, die auf ein Fassungsvermögen von 10000 Kubikmetern ausgelegt ist, liege demnach etwa auf Höhe der Bahnlinie Prien-Aschau, die das 10000 Quadratmeter große Grundstück auf der Südseite begrenzt.

Die Trasse der Hauptleitungen verläuft nordwärts bis zum Marktplatz, dann nach Osten bis zum Hafen und wieder in Richtung Süden bis zur RoMed Klinik (Kreiskrankenhaus). Diese will sich Brodrecht zufolge ans Nahwärmenetz anschließen, wenn dieses bis 2013 in Betrieb geht. Inwieweit im ersten Bauabschnitt Stichleitungen links und rechts der Haupttrasse gelegt werden, hängt nach Darstellung des Ingenieurs davon ab, wie viele Abnehmer Interesse bekunden. Private Haushalte sollen in der ersten Ausbaustufe ein Drittel der Abnehmer ausmachen, genauso die wie öffentliche Hand und Gewerbebetriebe. Das Biowärmeprojekt werde nur realisiert, wenn sich genug Priener anschließen und so ein wirtschaftlicher Betrieb gewährleistet sei.

Um Fragen potenzieller Kunden zu beantworten und diese zu beraten, steht laut Stefan Schubert vom Priener Ingenieurbüro Kess ein ganzes Beraterteam zur Verfügung. Er erläuterte die technischen und finanziellen Eckdaten für Hausanschlüsse. Demnach sei lediglich eine Platz sparende, geruchs- und geräuschlose Übergabestation an der Wand erforderlich, die der Betreiber installiere und auch instandhalte. Für die Überwachung der Anlage werde ein Glasfaserkabel verlegt, das quasi als "Nebeneffekt" auch als "Multimedia-Hochgeschwindigkeitskabel" genutzt werden könne.

Die Anschlusskosten für ein Einfamilienhaus bezifferte Schubert inklusive 15 Meter Leitung auf dem Grundstück und mit einer Leistung von 15 Kilowatt (kW) auf 3200 Euro netto. Die eigentlichen Kosten von 5000 Euro könnten durch eine derzeit gültige Förderung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) um 1800 Euro reduziert werden.

Schubert machte auch eine Beispielrechnung auf. Bei einem angenommenen Ölpreis von 71,8 Cent pro Liter kann sich ein Haushalt demnach knapp 1000 Euro Heizkosten jährlich sparen, wenn er Nahwärme bezieht. Diese soll zu einem Wärmepreis - einer Mischkalkulation aus Grund- und Verbrauchsgebühr - von 7,1 Cent pro Kilowattstunde (kWh) angeboten werden. In diese Kalkulation fließen auch die Erlöse aus der Stromproduktion für rechnerisch 2100 Haushalte ein. Der Strom muss per Gesetz zu langfristig festgelegten Preisen ins öffentliche Netz eingespeist werden.

In ihren Vorträgen, wie auch später in der Diskussion, versicherten Seifert und die Ingenieure wiederholt die Seriosität der Planungen und Kalkulationen, die dem Projekt zugrunde liegen. Demnach ist die Wirtschaftlichkeit von Fachleuten in zwei unabhängigen Gutachten bestätigt worden. Der Bürgermeister widersprach auch entschieden Gerüchten eines angeblichen Anschlusszwangs. "Ich finde es unverschämt, alten Rentnern einzureden, wir ziehen ihnen ihr mühsam erspartes Geld aus der Tasche", wies er solche Unterstellungen zurück. "Jeder, der an diesem Modell teilnimmt, spart bares Geld", beendete er seinen Vortrag und bekam Applaus von der großen Mehrheit der Zuhörer. Über die Diskussion berichten wir noch gesondert.

Chiemgau-Zeitung

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