Sicherheit durch Verunsicherung

+
Ein Minikreisel, wie zum Beispiel am Rosenheimer Ludwigsplatz, den große Fahrzeuge auch überfahren können, könnte nach Überzeugung der Bürgerwerkstatt die Kreuzung Hochries-/Seestraße entlasten. Die kleine Insel, auf der Fußgänger die Hochriesstraße überqueren können, hält die Arbeitsgruppe "motorisierter Verkehr" für eine Fehlkonstruktion und für die Ursache von häufigen Rückstaus in die Hochriesstraße.

Prien - Im Januar hat die Bürgerwerkstatt Verkehrsberuhigung ihre Arbeit aufgenommen. Zuletzt brüteten drei Arbeitsgruppen getrennt über Ideen und Konzepten. Jetzt gibt es erste Vorschläge.

Jetzt haben sie sich ausgetauscht und wollen ihre Vorschläge zusammenfassen, um sie der Kommunalpolitik zu präsentieren.

Motorisierter und nicht motorisierter Verkehr sowie "Shared Space" (zu Deutsch: gemeinsam genutzter Raum) waren die Themenfelder der Arbeitsgruppen (AGs). Während es in den beiden ersten zahlreiche Überschneidungen hinsichtlich der konkreten Vorschläge gibt, die nun zunächst koordiniert werden sollen, stützt sich die dritte auf eine Vision - auf ein Ortszentrum, das fast ohne Ampeln und Verkehrszeichen auskommt, in dem nur Anlieger parken dürfen, in dem es keine Trennung zwischen Straßen und Gehwegen, sondern einen ebenerdigen "Shared Space" gibt. Lkw- und Autofahrer, Radler und Fußgänger verständigen sich durch Blickkontakt und Handzeichen.

Das Konzept, das bisher vor allem in der Schweiz umgesetzt wurde, "schafft Sicherheit durch Verunsicherung", umschrieb AG-Sprecherin Brigitta Zinsser den Grundgedanken. Den Priener "Shared Space"-Visionären ist freilich klar, dass der Weg weit ist bis zum geteilten Raum und dafür wohl auch der viele Durchgangsverkehr zunächst aus Prien verbannt werden müsste.

Darauf spielte auch Professor Wedig Pridik an, als er die Arbeitsgruppen nach deren insgesamt rund 90-minütigen Präsentationen im großen Rathaussaal ermunterte, ihre Ideen weiter zu denken und für Varianten offen zu sein. "Das System muss überzeugen", mahnte er ein schlüssiges und abgestimmtes Gesamtkonzept an. Wie berichtet, leitet der Landschaftsarchitekt im Ruhestand eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Aspekt der Ortsentwicklung im Rahmen eines Priener Leitbilds beschäftigt - ein Themenbereich, der das weite Verkehrsfeld zwangsläufig an vielen Stellen kreuzt.

Pridik war "begeistert" von der "erstaunlichen Palette" der Vorschläge. Viele nahmen freilich Ideen auf, die auch schon bei dem langen Bürgerbeteiligungsverfahren vor Jahren in einen über 40-seitigen Abschlussbericht eingeflossen, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht verwirklicht worden waren.

Die neue Bürgerwerkstatt will es komprimierter fassen. Der Vorschlag von Moderator Guido Flohr, eine 20-seitige Essenz für eine Präsentation im Gemeinderat zu erarbeiten, fand im diesmal rund 20-köpfigen Plenum Zustimmung. Ein Extrakt aus allen Ideensammlungen soll sich zusätzlich möglichen Sofortmaßnahmen widmen. Denn die Mitglieder der Bürgerwerkstatt setzen darauf, dass einige ihrer kleineren und kostengünstigen konkreten Vorschläge zeitnah verwirklicht werden, um auch erste Erfolge zu sehen und nicht Gefahr zu laufen, ob der vielen Arbeit frustriert zu werden, wenn diese umsonst gewesen zu sein scheint.

Die AG "nicht motorisierter Verkehr" hat sich vorallem der Schulwegsicherheit angenommen und die meisten Schwachstellen Sprecher Tilmann Zinsser zufolge rund um die Franziska-Hager-Schule ausgemacht - von zu schmalen Gehwegen über unübersichtliche Ausfahrten bis zu wildem Parken der "Eltern-Taxis" am Morgen.

Damit letztere nicht mehr nötig sind, hat Gaby Rau ein Ortsbuskozept mit zwei Linien entwickelt, die alle Ortsteile ab 5.30 Uhr morgens bedienen. Florian Lagerbauer präsentierte ein durchgängiges Radwegnetz, dass auch verkehrsarme Straßen nutzt und vorhandene Wege durch entsprechende Beschilderung wieder "findbar macht". Helmut Hepp wiederum stellte drei Varianten für die Umgestaltung der Radwege rund um den Seestraßenkreisel vor, wo derzeit vier Radwege im Nichts enden und Gefahrensituationen heraufbeschwören.

Die AG "motorisierter Verkehr" entwickelte Vorschläge nach dem Prinzip "Verkehr vermeiden, verlangsamen, verflüssigen". Sprecher Dr. Meinolf Schöberl machte deutlich, dass der Gruppe sehr wohl bewusst ist, dass die Verlagerung von Verkehrsströmen nur mit einer Umgehung zu realisieren sind. Mit möglichen Trassen will sich die AG nun noch eingehender befassen.

Unbenommen davon präsentierte die AG eine Reihe konkreter Verbesserungsvorschläge, darunter Linksabbiegerspuren von der Bernauer in die Wendelstein- und in die Hochgernstraße sowie von der See- in die Franziska-Hager-Straße und einen überfahrbaren Minikreisel an der Ecke Hochries-/Seestraße. Schöberl sprach sich auch dafür aus, den Bau eines Parkdecks nahe der Bahngleise bei der Sparkasse mit Nachdruck zu verfolgen und die Wirksamkeit der "Semmeltaste", also die Möglichkeit zum zeitlich befristeten kostenlosen Parken, deutlich auszuweiten, am liebsten auf eine Stunde.

Bis Mitte November sollen die Konzepte der drei AGs nun in ein 20-seitiges Papier zusammengefasst werden, um sie mit Pridiks Ortsentwicklern abzustimmen und dann dem Marktgemeinderat zu präsentieren.

db/Chiemgau Zeitung

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser