Wir sind wie eine große Familie

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Wo die Kirche noch mitten im Dorf liegt: Die Pfarrkirche St. Georg in Eggstätt wurde 926 erstmals urkundlich erwähnt. Heute präsentiert sich der Sakralbau im neugotischen Stil von 1866. Letztmals wurde die Kirche 1972 von Grund auf saniert, 1989 gestrichen. "Jetzt ist wieder viel zu tun", sagt Pfarrer Peter Bergmaier. Rechts hinten die Pizzeria "Il Sogno".

Eggstätt - Ismail Bilban ist in Izmir geboren, in Eggstätt aufgewachsen und heute ein Vorbild: Der bekennende Moslem hat im Frühjahr einen Beichtstuhlbrand gelöscht und jetzt sogar für die Renovierung der Kirche gespendet.

Vieles scheint hier in Eggstätt noch in Ordnung zu sein: Die Kirche liegt mitten im Dorf, der beliebte Pfarrer spielt mit der Jugend Fußball und geht auch schon mal über den Kirchplatz zum Pizzaessen ins "Il Sogno". Dort regiert Ismail Bilban aus dem türkischen Izmir. Der 52-Jährige, ein bekennender Moslem mit deutschem Pass, löschte im vergangenen Frühjahr einen Beichtstuhlbrand und spendete jetzt auch für die Renovierung der katholischen Kirche St. Georg. "Ich bin hier zu Hause und fühle mich als Eggstätter. Die Hilfe ist für mich selbstverständlich", sagt Ismail Bilban.

Pfarrer Peter Bergmaier und Ismail Bilban, besser bekannt als "Smiley", vor seiner Pizzeria "Il Sogno". Der Moslem mit dem deutschen Pass spendete 500 Euro für die Kirchenrenovierung. Kleines Bild: Der Beichtstuhl in St. Georg, der fast abgebrannt wäre.

Doch fast wäre es im Frühjahr dieses Jahres zur Katastrophe gekommen. "Zwei Frauen kamen plötzlich zu mir in die Pizzeria gelaufen und riefen ,Feuer." Sofort sei Bilban zusammen mit seinem Freund Jakob Bulut quer über den Kirchplatz hinüber in die Kirche St. Georg gelaufen. "Schon am Kirchenportal stieg uns ein beißender Geruch in die Nase, der eindeutig vom alten hölzernen Beichtstuhl her kam." Mit einem Sprung sei er dort gewesen und hätte die Türe aufgerissen - und konnte seinen Augen nicht trauen: Dort flackerte eine Kerze, die mit ihrer Flamme die Sitzkissen in Brand gesteckt hatte. "Es loderte bereits lichterloh." Auch der Beichtstuhl war schon in Mitleidenschaft gezogen und kokelte vor sich hin. "Wir rissen sofort die Kissen heraus. Welch ein Glück, dass an diesem Sonntagnachmittag die Kirche nicht abgesperrt war und die Besucherinnen den Brand bemerkt hatten. So wurde Schlimmeres verhütet."

Schließlich kam die Polizei, der Vorfall wurde untersucht, doch bis heute ist ungeklärt, wer die Kerze in den Beichtstuhl stellte.

Ismail Bilban war der "Held des Tages". Wieder einmal hatte er sich als "echter Eggstätter" erwiesen. Dass sein Spitzname "Smiley" ist, passt dazu. Und in der Tat scheint er oft zu lachen. "Aber der Spitzname stammt noch aus meinen ersten Monaten in Eggstätt", erinnert er sich. Zusammen mit seinen Eltern kam er vor über 40 Jahren in die kleine oberbayerische Gemeinde. "Mein Onkel war der erste Türke in Eggstätt. Er kam 1965, um bei Knott zu arbeiten. Er hatte meine Eltern ermuntert, nachzukommen."

Doch der kleine Ismail kam aus der Großstadt Izmir und verstand kein Wort deutsch. "Alles war so anders: die Menschen, die Sprache, das Essen." In der fünften Klasse der Eggstätter Schule habe er anfangs überhaupt nichts mitbekommen, doch er wollte höflich sein und lächelte immer. "Seither bin ich hier der Smiley."

Mehr und mehr lernte er die deutsche Sprache, integrierte sich und spricht heute bestes Bayerisch. Und er erfüllte sich mit seiner Pizzeria "Il Sogno" einen Herzenswunsch: "Ich wollte schon immer Gastronom sein." Nicht ohne Hintersinn habe er die Pizzeria auch "Il Sogno - der Traum" genannt.

"Meine Integration hier in Eggstätt ist geglückt, doch man muss auch etwas dafür tun und sich persönlich einbringen", erklärt der Vater von drei Kindern. So organisiert er für Freitag, 8. Oktober, ein Integrations-Fußballspiel mit einer deutschen und einer türkischen Mannschaft. "Bei den türkischen Hobbyspielern ist Pfarrer Bergmaier dabei, der eine feste Bank ist. Anschließend gucken wir alle gemeinsam das EM-Qualifikationsspiel Deutschland - Türkei in Berlin."

Pragmatisch wechselte er vor einiger Zeit vom Fußball zum Tennis, weil "die Beine nicht mehr so mitmachten". Doch "Ballgefühl ist eben Ballgefühl". Inzwischen leitet er als Vorsitzender mit viel Geschick den Tennisclub.

Immer wieder ist Bilban auch in der Türkei, doch "dort bin ich zu Besuch, hier bin ich zu Hause". Die bayerische Mentalität sei ihm inzwischen viel näher. "Die Menschen sind hier offener, ein Freund ist ein Freund, soziale Barrieren sind viel durchlässiger." Das habe er in der Türkei anders erlebt.

Smiley freut sich, wenn die Frauen vom Frauenbund, die Ministranten, der Pfarrer oder die Fußballer in seine Pizzeria kommen und es den Gästen schmeckt. "Natürlich bin ich auch Geschäftsmann, aber irgendwie sind wir hier alle eine große Familie. Das schätze ich."

Und damit die Kirche weiterhin so schön im Dorf bleibt, hat er jetzt 500 Euro für die dringend notwendige Außenrenovierung gespendet. "Die Kostenschätzung für die Renovierung liegt bei rund 300.000 Euro. Davon müssen wir als Kirchengemeinde 30 Prozent selbst aufbringen", sagt Pfarrer Peter Bergmaier. Er freut sich riesig über jeden Euro. "Wir Christen tragen ihm Geld hinein, als Moslem gibt er es uns wieder zurück. Das ist Zeichen guter Nachbarschaft und geglückter Integration. Außerdem habe ich vor fünf Jahren zur Eröffnung der Pizzeria den Segen gesprochen." Eben ein Geben und Nehmen.

Sigrid Knothe (Oberbayerisches Volksblatt)

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser