Unüberschaubare Hilfsangebote

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Prien - Wenn Kinder süchtig werden, egal ob nach Zigaretten, Alkohol oder auch "nur" nach dem Computer, gibt es viel mehr Hilfsangebote für sie und ihre Eltern, als die meisten ahnen.

Aus dieser Erfahrung heraus arbeiten die Elternbeiräte der örtlichen Schulen daran, eine Übersicht mit geballten Informationen zusammenzustellen. Vor einem Jahr war an einem runden Tisch der Grundstein für ein "Netzwerk gegen Sucht" gelegt worden. Eine so genannte Steuerungsgruppe aus dem Kreis der Elternbeiräte hatte sich dann der Aufgabe gewidmet, alle Hilfsangebote zu sammeln. Nach einigen Sitzungen kristallisierte sich inzwischen heraus: "Es gibt eine kaum überschaubare Zahl von Maßnahmen" und "Alle Initiatoren sind Einzelkämpfer", berichtete Winfried Lackner, Elternbeiratsvorsitzender des Ludwig-Thoma-Gymnasiums und Sprecher aller örtlichen Elternbeiräte, nun beim Treffen im großen Sitzungssaal des Rathauses.

Einen Grund dafür, dass trotz vielfältiger Angebote nur wenige wissen, wo und von wem es Hilfe gibt, hat Jugendreferentin Ella Pelzl in den komplizierten Strukturen mit unterschiedlichsten Trägerschaften und Zuständigkeiten in den einzelnen Schulen ausgemacht. "Wir wollen alle auf den gleichen Informationsstand bringen", gab sie vor den rund 50 Teilnehmern im Rathaus als Ziel aus und warb für die Steuerungsgruppe um zusätzliche Unterstützung aus dem Kreis der Elternschaft. Wann und in welcher Form eine Übersicht aller Hilfsangebote fertig und veröffentlicht wird, steht noch nicht fest.

Der Meinungsaustausch, zu dem die Gemeinde eingeladen hatte, entwickelte sich vor diesem Hintergrund zu einer Grundsatzdiskussion über Schwierigkeiten im Umgang von Eltern und Kindern miteinander und besonders über Mittel gegen übermäßigen Computerkonsum.

Dass immer mehr Eltern Schwierigkeiten haben, die Zeiten einzudämmen, die ihre Kinder vor dem Bildschirm sitzen, zeigten die Diskussionsbeiträge. Christian Pfaffinger, Jugendbeamter der Polizeiinspektion Prien und selbst Vater von drei Kindern, berichtete von seinen jüngsten, beispielhaften Erfahrungen beim präventiven Unterricht in den neunten Klassen der örtlichen Realschule. Fast alle Schüler hätten mehr als 50 "Freunde" bei "Facebook". "Die Kinder definieren sich darüber." 250 bis 300 solcher so genannter Freunde würden als normal angesehen.

In jeder Klasse hätten mehrere Schüler zudem angegeben, täglich mehr als fünf Stunden am Computer zu sitzen. Pfaffinger ermutigte die Eltern, Grenzen zu setzen, vor allem zeitliche Obergrenzen. In die gleiche Richtung argumentierten unter anderem auch Regina Thierfelder, Schulsozialarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt am Förderzentrum, Gitti Plank, Leiterin der offenen Jugendarbeit der Diakonie, und Elisabeth Neuert-Kaiser, Rektorin der Priener Grundschule.

"Die Eltern dürfen ,Facebook' nicht sehen, weil es ,privat' ist, aber 400 andere dürfen schon", umschrieb Plank das Dilemma und fügte hinzu: "Es ist Elternpflicht, das zu kontrollieren." Über Mittel und Wege herrschten in der Diskussion zum Teil unterschiedliche Ansichten.

Einig waren sich alle Elternbeiräte und Fachleute, dass "Rituale" wie ein regelmäßiges gemeinsames Essen heute wichtiger denn je seien, um die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern aufrechtzuerhalten. In diese Richtung zielte auch ein Vorschlag von Bürgermeister Jürgen Seifert, an den örtlichen Ganztagsschulen Eltern als freiwillige Teilnehmer an den Mittagessen und so als Gesprächspartner der Kinder zu gewinnen. Die Idee wurde grundsätzlich positiv aufgenommen. Seifert bot an, dass Freiwillige von Thierfelder zu diesem Zweck geschult werden könnten.

Aus dem Kreis der Elternbeiräte kam ein weiterer Vorschlag, wie der persönliche Kontakt zwischen Erwachsenen und dem Nachwuchs vertieft werden könnte. Eine Mutter regte gemeinsame und regelmäßige Eltern-Kind-Spaziergänge an.

Thierfelder und Neuert-Kaiser unterstrichen auch die Bedeutung einer guten "Beziehung" zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs. Nicht unbedingt die Quantität, vielmehr die Qualität der gemeinsamen Zeit sei entscheidend, sagte die Rektorin. Wenn die Beziehung nicht stimme, sei es schwierig, Grenzen zu setzen. Diese würden von den Kindern dann eher als Unterdrückung empfunden.

Die Ideen sollen beim nächsten Treffen am Montag, 28. März, um 19 Uhr in der Franziska-Hager-Schule weiterdiskutiert werden. Um den Erfahrungsaustausch zu vertiefen, soll die Runde außerdem bei einem zusätzlichen Termin, der noch nicht feststeht, erweitert werden. Dann sollen unter anderem auch Vertreter aus der Schülerschaft mitdiskutieren.

db/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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