"Überragendes Kulturzentrum"

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Professor Heinz Dopsch: "Die Klöster Herren- und Frauenchiemsee sind nicht nur die ältesten in Bayern, sie haben auch eine einzigartige kulturelle Bedeutung."

Chiemsee - Kunst und Kultur kennzeichnen die Landschaft am Chiemsee. Zu den treibenden Kräften einer christlichen Prägung der Region zählten vom frühen Mittelalter bis weit in die Neuzeit hinein zwei Klöster auf der Herren- und der Fraueninsel.

In den Konventen entstanden Bauten und Kunstschätze, die heute herausragende Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit darstellen. Im Festvortrag auf dem "23. Ruperti-Meeting", das der Rotary Club Chiemsee im Gasthaus "zur Linde" auf der Fraueninsel ausrichtete, betonte Professor Heinz Dopsch, dass die Klöster Herren- und Frauenchiemsee die ältesten in Bayern seien und eine "einzigartige kulturelle Bedeutung haben".

Um sich kennenzulernen und auszutauschen, treffen sich die Rotarier diesseits und jenseits der Grenze seit 1988 Jahr für Jahr zum "Ruperti-Meeting". Ausrichter heuer war erstmals der Rotary Club (RC) Chiemsee. Präsident Walter Staniszewski gab die Statue des Heiligen Rupert weiter - womit im nächsten Jahr der RC Salzburg-Nord das Treffen ausrichtet.

"Frauenchiemsee und Herrenchiemsee im Licht neuerer Forschungen" war das Thema des Abends. Den Festvortrag hielt Professor Heinz Dopsch von der Universität Salzburg. In den Kreisen der Historiker gilt er als herausragender Kenner der Klostergeschichte im Chiemgau.

Die Wurzeln des Konvents auf der Herreninsel liegen laut dem Professor im "ersten Drittel des siebten Jahrhunderts". Diese Erkenntnis hätten die Ausgrabungen von Dr. Hermann Dannheimer zu Tage gefördert. Anzunehmen sei eine Gründung um die Jahre 620/625. Die Funde hätten belegt, dass die Mönche auf der Insel nach zwei Holz- um 700 einen ersten Steinbau errichteten. 743 sei das Kloster dann erstmals in einer Urkunde erwähnt worden.

Das "Ruperti-Meeting" im nächsten Jahr wird vom Rotary Club (RC) Salzburg-Nord ausgerichtet. Die Statue des Heiligen Rupert übergab Walter Staniszewski (links), der Präsident des RC Chiemsee, der heuer des Treffen veranstaltete, an Albert Stutz, den Präsidenten des RC Salzburg-Nord.

Laut Dopsch belegen die Ausgrabungen und schriftlichen Zeugnisse, dass das Kloster Herrenchiemsee im siebten und achten Jahrhundert - und damit zur Zeit der Agilolfinger - ein "geistiger und kultureller Mittelpunkt in Bayern" gewesen sei. Diese Stellung als "überragendes Kulturzentrum" sei bis zum Sturz Tassilos III. 788 unangetastet geblieben. Karl der Große habe den letzten bayerischen Herzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger entmacht und sich bemüht, alle Spuren der agilolfingischen Herrschaft zu beseitigen. Und so habe er dann auch das Kloster Herrenchiemsee dem Bistum Metz geschenkt. Damit sei dann der Konvent für über ein Jahrhundert unter die Oberaufsicht eines weit entfernten Bischofs gekommen.

Die Geschichte in den folgenden Jahrhundert lässt sich dann nicht so genau rekonstruieren. Der Grund, so Dopsch: "Die Überlieferungen reißen ab." Festzustellen sei jedoch, dass das Männerkloster als Abtei "durchgehend" bestanden habe - und nicht, wie man in der älteren Forschung angenommen habe, "eingegangen" und später wiederbegründet worden sei.

Tiefgreifende Veränderungen habe die Umwandlung in ein Stift der Augustiner-Chorherren nach sich gezogen. Als Kanoniker, die eine "Mittelstellung zwischen Weltklerikern und Mönchen" einnahmen, legten sie laut Dopsch keine ewige Profess ab und hatten keine feste Bindung zu ihrem Kloster - was dann, wie im Falle von Herrenchiemsee, dazu geführt habe, dass sie auch weit entfernte Pfarreien übernahmen. Die Augustiner-Chorherren haben sich dem Professor zur Folge "eine Fülle von Pfarreien einverleibt". Herrenchiemsee habe über die seelsorgliche Betreuung ene "überregionale Bedeutung" erhalten.

1216 gründete der Salzburger Erzbischof das Bistum Chiemsee. Mit diesem Schritt erweiterte er sich selbst seine Machtfülle. In diesem sogenannten Eigenbistum hatte er allein das Recht, den Bischof von Chiemsee zu ernennen. Die Zustimmung von Papst und Kaiser seien nicht erforderlich gewesen, so Dopsch. Der Bischof von Chiemsee habe jedoch nie am Bayerischen Meer, sondern stattdessen in Salzburg residiert - was vor Ort zu Konflikten geführt habe.

Wie alle anderen klösterlichen Gemeinschaften sei 1803 auch das Augustiner-Chorherrenstift auf der Herreninsel aufgehoben worden. Ein "trauriges Schicksal" nahm laut Dopsch seinen Lauf: Das Klostergebäude sei zwar erhalten geblieben und später in das "Alte Schloss" umgewandelt worden. Aber die Kirche, der "Inseldom", sei an eine Brauerei gefallen. Und als auch dieser Besitzer wieder Geschichte gewesen sei, habe sich das Blatt auch nicht wieder zum Bessern gewandt. "Der Inseldom liegt bis heute brach", sagte der Professor.

Neuerdings wieder weiter geht die Geschichte des Bistums Chiemsee - zumindest auf dem Papier. So hat Papst Benedikt XVI. das "Titularbistum Chiemsee" geschaffen.

Gernot Pültz (Chiemgau-Zeitung)

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