HOMÖOPATHIE FÜR TIERE

Kleine Globuli für große Viecher - Die Überseerin Birgit Gnadl kümmert sich um Nutztiere

Die Kuhflüsterin Birgit Gnadl und Maloja aus ihrem eigenen Stall.
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Die Kuhflüsterin Birgit Gnadl und Maloja aus ihrem eigenen Stall.

Viele Menschen setzen auf Naturheilkunde. Manche Bauern auch bei ihren Kühen: Die Überseer Tierheilpraktikerin Birgit Gnadl hat sich auf Rinder spezialisiert.

Übersee – „Eine Kuh war festliegend und stand nach der Geburt nicht mehr auf“, erzählt Birgit Gnadl (52). Das Schicksal der Kuh stand eigentlich schon fest, sie sollte eingeschläfert werden. Die Überseerin war wegen eines anderen Falls am Hof, sah sich das Tier aber mal an. „Ich hatte den Eindruck, dass sie selbst glaubt, dass sie nicht mehr aufstehen kann“, sagt Gnadl. Mit drei Globuli „Aurum“ hat sie es probiert. Noch während sie sich mit dem Landwirt das andere Tier ansah, rumpelte es im Stall: „Die Kuh war aufgestanden.“ Kühe sind ihr Spezialgebiet: Birgit Gnadl hat sich als Tierheilpraktikerin auf den Bereich der Nutztiere spezialisiert.

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Aufgewachsen ist Birgit Gnadl in Übersee. Schon ihre Großeltern hatten eine Landwirtschaft, sie selbst hat dann auch einen Bauern geheiratet.

130 Teilnehmer und nur 30 Kopien

Die gelernte Zahnarzthelferin besuchte im Alter von 25 Jahren in Ulm einen Lehrgang in alternativer Tierheilkunde. Zunächst behandelte die Reiterin Pferde im Bekanntenkreis. Irgendwann kam die Anfrage, ob sie zum Thema Homöopathie mal einen Vortrag vor Landwirten halten könnte. Mit enormer Resonanz: „Ich hatte 30 Kopien meiner Unterlagen gemacht, gekommen sind 130 Teilnehmer.“ Nach und nach kristallisierte sich für Gnadl heraus, dass sie sich auf Nutztiere spezialisieren würde.

Kunden querbeet

„Tatsächlich sind kleine und große Betriebe, Bio-Höfe und konventionelle Höfe heute meine Kunden“, berichtet Gnadl. Eine von ihnen ist Annette Ackermann. Auf ihrem Demeter-Hof in Unterreit bei Wasserburg werden über 100 Rinder gehalten. Sie nahm an einem von Birgit Gnadls Kursen bei der Molkerei Berchtesgadener Land teil. Seitdem nutzt sie die Homöopathie gerne und mit Erfolg: „Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht.“ Ackermann berichtet, dass sie bei Koliken oder Euterentzündungen auf alternative Methoden setze.

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„Alle Bauern haben eigentlich das Problem, dass Kälber meist nach einer Woche sehr krank werden“, sagt Ackermann. Sie suchte deshalb Gnadls Rat und habe deshalb am Hof auch einiges umgestellt. Ums Tierwohl geht es ihr, aber der wirtschaftliche Aspekt sei auch nicht zu unterschätzen: „Wenn ein Tier dreimal Antibiotika bekommt, dürfen wir es nicht mehr verkaufen“, berichtet die Bäuerin.

Viele Landwirte seien besorgt wegen der häufigen Nutzung von Antibiotika. „Es gibt nur noch wenige Mittel, gegen die keine Resistenzen existieren“, sagt Birgit Gnadl. So schnell könne die Wissenschaft gar nicht nachkommen und neue Wirkstoffe entwickeln.

Lange Historie

Dass Bauern nicht nur die klassische Tiermedizin nutzen, sei eigentlich gar nicht so verwunderlich und habe auch historische Ursachen, erklärt die Überseerin. „Früher gab es ja gar nicht so viele Tierärzte, das ist erst in der Nazizeit aufgekommen“, sagt die 52-Jährige und spielt dabei auf das inzwischen überarbeitete, erste deutsche Tierschutzgesetz von 1934 an. Damals habe es meist einen Bauern oder eine Bäuerin gegeben, die auf anderen Höfen aushalf, weil sie sich gut auskannte.

„Einen Kaiserschnitt können wir nicht!“

„Zum Teil nicht nur bei der Geburt von einem Kalb, sondern auch wenn die Bäuerin ein Kind erwartet hat“, sagt Gnadl lachend. Sie sieht sich nicht in Konkurrenz zu Tierärzten, im Gegenteil sei die Zusammenarbeit hier sehr gut. Und sie weiß auch, dass ihre Disziplin Grenzen hat: „Einen Kaiserschnitt können wir nicht.“

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Tatsächlich sind es die gleichen winzigen Zuckerkügelchen, die auch Menschen zu sich nehmen, die Gnadl benutzt. Kritiker der Homöopathie meinen, dass Tiere lediglich auf die Zuwendung reagiert habe. „Gerade bei Nutztieren liegt es sicher nicht nur daran“, entgegnet Gnadl. Homöopathie sei Erfahrungsmedizin. Trotz Kritikern ist sie von der Schweiz bis nach Niedersachsen bei unterschiedlichen Auftraggebern unterwegs. 20 000 Landwirte hat sie im Laufe ihrer Laufbahn bereits ausgebildet.

Homöopathie in der Kritik

Das Konzept der Homöopathie geht auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann zurück, der 1796 zu diesem Thema publizierte. Sein Grundgedanke war, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt werde. Nach seinem Konzept werden Wirksubstanzen in Globuli so stark verdünnt, dass sie auf molekularer Ebene nicht mehr nachweisbar sind. Hahnemann bezeichnet dies als „individuelles geistartiges Wesen“, in das sich die Substanzen auflösen. Was wenig wissenschaftlich klingt, ist auch das Hauptargument der Kritiker. Der Nachweis der Wirksamkeit durch Studien fehle schlicht, sagt zum Beispiel Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Quellen: Ärzteblatt, Helmholtz-Gemeinschaft

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