Verwaiste Bühnen wegen Corona

Freiraum Übersee im Interview: Wie geht es den Chiemgauer Veranstaltern?

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Die neue Bühne im Freiraum in Übersee - leider verwaist wegen Corona.

Landkreis Tarunstein - Der Freiraum Übersee im Interview: Mit welchen Problemen haben die Veranstalter im Chiemgau in Zeiten von Corona zu kämpfen?

Der Freiraum Übersee e. V. ist seit über zehn Jahren ein wahres Biotop für alternative Musik und Kultur. Trotz Vereinsstruktur mit ca. 400 Mitgliedern und vielen ehrenamtlichen HelferInnen ist auch die Existenz des Freiraums langfristig bedroht. Im Gespräch mit dem Vorstand Florian Ober über die angespannte Situation, staatliche Hilfen die nicht greifen und die Chiemsee- Sessions, einem Live-Konzept ohne Publikum als Überlebensstrategie.


Wie ihr auf der Homepage schreibt, besteht Eurer Vereinszweck „ja im Wesentlichen darin Menschen zusammenzubringen (...) Im Moment scheint dieses Konzept lebensbedrohlich für uns zu sein“. Wie ernst ist die aktuelle Lage für Euch? Die laufenden Kosten gehen ja weiter.

Florian Ober: Also unsere Lage ist einigermaßen "entspannt". Wir sind den nächsten Monat noch flüssig. In erster Linie, weil unsere Spendenaktion gut gelaufen ist. Hierbei haben sich vor allem unsere Mitglieder sehr spendabel gezeigt. Wenn es aber längerfristige Beschränkungen gibt und wir z. B. nur 50 Leute reinlassen dürfen, dann bekomme ich schon Bauchweh. Die Crosssfinanzierung, also Großveranstaltung finanzieren die Kleineren mit, funktioniert dann nicht mehr. Dann ist es kaum mehr möglich.


Die Kulturstaatsministerin hat schnelle, unbürokratische Hilfe versprochen. Sind diese Hilfen für Euch wirklich passend und ausreichend?

Florian Ober: In Sachen Hilfe muss ich sagen, dass das Ganze noch sehr unübersichtlich ist, mit viel Hin und Her. Für uns gibt es momentan noch nichts. In die Soforthilfe fallen wir derzeit nicht rein. Das liegt an der Vereinsstruktur und der damit einhergehenden anderen wirtschaftlichen Situation. Ohne unsere Mitglieder wäre das ganze Programm allgemein nicht möglich. Es werden Booker, Techniker, Barpersonal etc. benötigt. Das ist nur dank der Ehrenamtlichen möglich. Dieses Konzept steht uns aber leider bei der Beantragung von Hilfen im Weg. Das ist ein Dilemma für uns. Die Sache ist noch einigermaßen erträglich, weil unsere Mitglieder hinter uns stehen, aber für einen normalen Clubbetreiber bzw. Veranstalter muss es katastrophal sein. Ich bin mir sicher, dass es hierbei zu einem großen Clubsterben kommen wird!

Ihr plant Freiraumpatenschaften. Was hat es damit genau auf sich? Wie ist der Stand der Dinge?

Florian Ober: Die Aktion mit den Patenschaften ist gerade ausgesetzt, weil wir ab heute einen Livestream, die Chiemsee-Sessions, starten werden. Mit zwei Bands und zweimal DJs die Woche wollen wir den Künstlern ein Einkommen ermöglichen und uns etwas für laufende Kosten und Infrastruktur. Zum Glück haben wir viele patente Mitglieder und konnten so relativ unkompliziert, die Infrastruktur zur Verfügung stellen. Die Live-Sessions werden mit 3-4 Kameras gefilmt.

Die nächste Chiemsee-Session findet am Freitag, 17.04.20 um 21 Uhr mit The Sonic Brewery statt. Hier kann man auch via Paypal ganz einfach spenden.

Einzigartig hier in der Gegend ist ja Euer Artist Residency (ArtRes) Programm. Hier können Künstler im Freiraum wohnen und das Tonstudio nutzen und bieten dafür Workshops u. ä. an. Wie ist die Planung zu ArtRes?

Florian Ober: ArtRes sollte eigentlich im Herbst richtig Fahrt aufnehmen. Wir hatten dazu Constantin Zill als Verbindungsmann zu den Musikschulen und von diesen auch ein sehr positives Feedback. Drei Bands wahren auch schon engagiert und ein Lehrplan mit unterschiedlichen Modulen war in der Entstehung. Jetzt ist das Ganze auf Eis gelegt, weil eigentlich alle Beteiligten ums Überleben kämpfen. Der musikalische Mittelstand und das Prekariat fallen durch. Ich hoffe die Leute merken, wie wertvoll die Kultur ist.

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Vielen Dank an Florian Ober für das Interview!

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