Überzeugungstäter unter sich

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Chefarzt Dr. Stephan Schill von der Simssee-Klinik Bad Endorf mit seinem prominenten Patienten, Professor Wolfgang Flatz.

Bad Endorf - Der Aktionskünstler Wolfgang Flatz wurde im Mai von einem Auto angefahren - 30 Knochen waren zertrümmert. Jetzt ist er auf Reha in der Simssee-Klinik.

Chefärzte haben es für gewöhnlich nicht so mit aufmüpfigen Patienten. Sie erwarten "Compliance" von ihnen: Kooperatives Verhalten im Rahmen der Therapie. Gerade bei Prominenten gehen sie deshalb mit einer gewissen Skepsis an die Behandlung - nicht zuletzt wegen ihres knapp bemessenen Zeit- und Finanzbudgets. Oft seien die Erwartungen dieser Patienten an die Fähigkeiten des Arztes extrem hoch. Da sei das Scheitern geradezu programmiert, beklagen Mediziner. Doch jetzt traf in der Simssee-Klinik ein kongeniales Duo aufeinander: der Orthopäde Dr. Stephan Schill und der international bekannte Aktionskünstler Wolfgang Flatz.

Flatz hat sich durch eine Reihe ungewöhnlicher Installationen einen Namen gemacht: Er setzt stets seinen eigenen Körper ein, sein "Material", wie er sagt. Bekannt ist seine Aktion "Glockenläuten", die er als Gastprofessor in Tiflis durchführte: Er ließ sich wie ein Glockenschwengel nackt und kopfüber, an den Händen mit einem Seil gefesselt, zwischen zwei Stahlplatten hin und her pendeln und schlug wie in einer Glocke an den Platten auf. Im Saal tanzte dazu ein Paar den Kaiserwalzer von Johann Strauss. Nach fünf Minuten war Flatz bewusstlos. Hintergrund: Zur Zarenzeit wurden politisch Unliebsame "in die Glocken" gehängt.

Kernaussage seiner Kunst: das Aufzeigen von menschlicher Teilnahmslosigkeit, von Gewaltbereitschaft, von Aggression und Voyeurismus.

Sehr eindrucksvoll gelang ihm das bei seiner Aktion "lebende Dartscheibe": Er posierte als nackte Dartscheibe, die vom Publikum gegen ein "Preisgeld" von 500 Euro mit Pfeilen beworfen werden konnte. Ein Kommunalpolitiker wollte diese Aktion im Vorfeld verbieten lassen, wurde dann aber dabei erwischt, wie er selbst Pfeile auf Flatz warf. Zeitweise wurde der gebürtige Vorarlberger, der seit 1975 in München lebt, wegen seiner Installationen in die Psychiatrie eingewiesen.

Von seinen rund 50 Aktionen hätten etwa zehn tödlich enden können, sagt der Künstler selbst. Doch er will bewusst Grenzverschiebungen, er will provozieren. "Allerdings habe ich meine Performence stets erdacht, geplant und erst dann in die Realität umgesetzt. Aus einer Idee wird durch mich als Medium Wirklichkeit", so Flatz.

Dann kam der 24. Mai: Auf der Münchener Maximiliansstraße wurde er von einem Auto erfasst und überfahren. 30 Knochen waren zertrümmert, der enorme Blutverlust und der Schock setzten seinem Leben fast ein Ende. "Ich erinnere mich, wie ich so auf dem Asphalt lag und mir überlegte, ob ich weiterleben oder sterben will. Es schießen einem schon komische Gedanken durch den Kopf", sagt er und fügt an: "Man muss leben wollen."

Es sei ganz anders gewesen als bei seinen Aktionen, die natürlich auch schmerzhaft waren, aber an tolerierbare Grenzen gingen. "Die geplanten Grenzüberschreitungen sind gewollt. Mit der Kunst parodiere ich Realität. Doch da auf der Straße - das war nicht Kunst, das war Leben. Das ist der wesentliche Unterschied!"

Er wollte leben - vor allem für seinen achtjährigen Sohn. "Mein Glück war, dass zufällig ein Krankenwagen vorbei kam." Ein vorbestimmtes Schicksal, wie er glaubt.

Er wurde erfolgreich in München operiert und ging anschließend zur Reha an die Simssee-Klinik in Bad Endorf. Dort traf er auf Dr. Stephan Schill.

"Er schwebte zwischen Leben und Tod, die Verletzungen waren sehr schwer und der Blutverlust enorm", sagt der Chefarzt. "Herr Flatz hat eine weit überdurchschnittliche mentale Stärke, ohne die er es nicht geschafft hätte."

In Bad Endorf fühlt sich Flatz in "guten Händen", Schill sagt: "Er wird seine volle Bewegungsfähigkeit wieder erlangen. Er ist ein extrem interessanter Patient, den ich bei den Übungen eher bremsen als motivieren muss. Er hat gute Chancen, dass auch Knie und Becken wieder werden."

Natürlich könne er Flatz nicht im Krankenzimmer festhalten, manche Belastungen mache der Künstler viel zu früh, er sei fast ein wenig ungeduldig. "Ein selbstbewusster Patient, der aber seinen Körper außerordentlich gut kennt, und weiß, was er ihm zumuten kann. Wir beide habe Vertrauen zueinander", sagt der Chefarzt, der seit 2007 auch Ärztlicher Direktor war, diese Position aber wieder abgegeben hat.

Ähnlich wie Flatz hat auch Schill einschneidende Erlebnisse hinter sich, die ihn schließlich zu diesem Schritt bewogen haben. "Ich war aufmüpfig gegenüber der Klinikleitung, wollte beruflich vieles bewegen, hatte neue Ideen, war forsch - vielleicht zu forsch - und bekam bald von Seiten der Klinikleitung Gegenwind", sinniert Schill. Auch er habe wie sein Patient unkonventionelle Ideen gehabt, wollte ungewöhnliche Wege beschreiten, doch habe er bei den Konzernstrategen stets auf Granit gebissen. "Der Spagat zwischen ärztlicher Verantwortung und den haushalterischen Zahlen war enorm und ging zu meinen Ungunsten aus", erinnert sich Schill. Eine Hauptforderung seinerseits war die nach mehr interdisziplinärer Zusammenarbeit von Psychologen und Klinikern sowie die nach Frühreha für Kinder. "Doch das war alles nicht gefragt", bedauert er. Lange habe er darunter gelitten.

Etliches, was er seinerzeit vorbrachte, werde heute forciert: Eine späte Genugtuung für den leidenschaftlichen Mediziner. Was ihn und viele andere Ärzte aber weiter beschäftigt: "Die Wirtschaft maßt sich an, medizinische Vorgaben zu machen."

Schließlich hat er nach langem Ringen die Position des Ärztlichen Direktors zurückgegeben und konzentriert sich ganz auf sein Lieblingsgebiet: Schmerztherapie und Frührehabilitation von Traumapatienten (Schwerverletzten). Sein Lieblingspatient? Wolfgang Flatz!

Sigrid Knothe/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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