Valentinstag auf der Insel der Verliebten

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Im Mesnerhaus finden seit 2003 die standesamtlichen Trauungen auf der Insel statt.

Fraueninsel - Das Hochzeitsgeschäft auf der Fraueninsel hat seit Jahren Hochkonjunktur. Und ein Paar trotzt sogar am Dienstag der Kälte und traut sich am Valentinstag auf der Insel.

Stolz sitzt Ingrid Sylla hinter dem massiven Holztisch in der Mesnerstube. In ihren Händen hält sie mit sanftem Griff die Traumappe, in der sich die Traureden und alle wichtigen Dokumente für die Zeremonien befinden. Doch in diesen Tagen stehen fast keine Trauungen an und das Buch ist bis auf ein paar Schmierzettel leer. Trotz oder gerade wegen der jahreszeitbedingten Flaute mag die 58-Jährige ihren Arbeitsplatz im alten Mesnerhaus, in dem seit 2003 die standesamtlichen Trauungen stattfinden.

"Die Insel ist schon fast so etwas wie meine zweite Heimat geworden", erzählt die Standesbeamtin. Seit über 17 Jahren fährt sie nun schon auf die Insel, um Paare an ihrem glücklichsten Tag zu begleiten. Das Mesnerhaus mit seinen engen Türstöcken, quietschenden Holzdielen und dem steinernen Brunnen, der sich mitten im Eingang des Hauses in die Tiefe gräbt, ist Ingrid Sylla über die Jahre ans Herz gewachsen.

Die Standesbeamtin Ingrid Sylla mit ihrer Traumappe.

Als ihr Blick auf die Topfpflanzen im Hausgang fällt, fängt sie an zu schmunzeln. Zur Weihnachtszeit war in einem Blumentopf eine kleine Holzkrippe aufgestellt. "Ein Kind hat sich während der Trauung das Schaf aus der Krippe geschnappt und es auf die Hochzeitsgäste in der Mesnerstube geworfen. Bis ihm dann glücklicherweise jemand das Schaf weggenommen hat."

Das Kind hatte offensichtlich nicht die "Hausordnung zu Trauungen im Mesnerhaus" gelesen, die auf einem großen Schild in dem kleinen Raum geschrieben steht. Doch Sylla nimmt es mit den Regeln nicht so streng: "Soll ich mich etwa wie der Erzengel Gabriel da hinstellen und Bußgelder verteilen?" So ist die 58-Jährige nicht. Sie möchte den Paaren ein unvergessliches Erlebnis bereiten.

Auch wenn bei einigen Feiern nicht alles nach Plan verläuft. Sylla schmunzelt wieder: Bei einer Trauung sei einmal ganz überraschend eine Opernsängerin aufgetaucht. Die Hochzeitsgäste waren hellauf begeistert und bedankten sich nach deren Auftritt bei der Sängerin. Doch als die ihre Gage verlangte, war die Ernüchterung beim Brautpaar groß, "denn eigentlich war die Sängerin für eine andere Hochzeit an diesem Tag gebucht", erinnert sich die Standesbeamtin.

Seit Sylla 1995 vom Einwohnermelde- zum Standesamt wechselte, ist die Zahl der Paare, die auf der Insel heiraten, stetig gestiegen. In ihrem ersten Jahr waren es noch rund 60 bis 70 Trauungen, schätzt die Standesbeamtin. Heute sind es fast 200. Besonders viele Schotten kämen zum Heiraten auf die Fraueninsel. Warum gerade Schotten, weiß die 58-Jährige auch nicht. Doch was genau macht den Reiz aus, auf der Fraueninsel zu heiraten? Ingrid Sylla hat nur eine Erklärung dafür: "Die Insel ist das Besondere. Das Mesnerhaus ist zwar ganz schnuckelig, aber nicht für große Hochzeiten ausgelegt. Doch das nehmen die meisten wohl in Kauf."

Nur rund 20 Hochzeitsgäste haben Platz in der kleinen Stube. Wenn es einmal mehr sind, dann werden einfach die Fenster geöffnet. So können alle an der Trauung teilhaben. Im Sommer stehen die Hochzeitsgesellschaften oft Spalier bis zur Torhalle, die im 8. Jahrhundert erbaut wurde und heute als beliebtes Fotomotiv dient.

Auch kirchliche Hochzeiten auf der Insel werden immer beliebter. Im vergangenen Jahr waren es noch 28 kirchliche Trauungen im Münster, für dieses Jahr gibt es bereits 32 Anmeldungen. Pfarrer Konrad Kronast, der meist die Hochzeiten auf der Fraueninsel leitet, ist nicht überrascht von der steigenden Zahl der Hochzeitspaare: "Das Ambiente auf der Fraueninsel ist einzigartig!"

Stefanie und Michael Kispert etwa haben sich vor über drei Jahren auch von dieser Einzigartigkeit hinreißen lassen und kirchlich auf der Fraueninsel geheiratet. Beide wohnen in Kelkheim bei Frankfurt am Main. Bei einem ihrer "unzähligen" Urlaubsbesuche am Chiemsee kam ihnen die Idee, auf der Fraueninsel zu heiraten. Die Verwandten aus Hessen waren begeistert. Im Sommer, als ihre Hochzeit stattfand, wirkt die Fraueninsel wie eine Märchenlandschaft, finden sie.

Im Januar und Februar hingegen ist die Insel verlassen und karg. Die Sträucher in den Vorgärten sind zum Schutz vor Frost mit Leinensäcken abgedeckt, die Schotterwege, die durch die engen Gassen führen, frei von ausgelassenen Schotten oder sonstigen Partygesellschaften. Auch auf den Schaukeln tummeln sich derzeit keine Kinder; das Einzige, was im Moment über den Spielplatz fegt, ist eine eisige Brise. Auch das Hochzeitsgeschäft auf der Insel liegt in diesen Monaten brach. Ingrid Sylla ist ganz froh, mal eine Verschnaufpause zu haben. In den restlichen zehn Monaten steht das Telefon bei der Verwaltungsgemeinschaft Breitbrunn, zu der die Fraueninsel gehört, kaum still. Immer freitags fährt Sylla auf die Insel und traut an einem Tag fünf bis sieben Paare. "Mehr ist einfach nicht zu bewältigen. Wir wollen uns Zeit nehmen für jede Trauung." Außerdem ist das Obergeschoss des Mesnerhauses bewohnt, und man wolle den Mietern Privatsphäre geben.

Am heutigen Valentinstag kann sich die Standesbeamtin besonders viel Zeit nehmen. Nur eine Trauung steht an diesem Dienstag auf dem Plan. Sylla freut sich, wieder in ihrer Funktion als Standesbeamtin hinter dem großen Holztisch Platz zu nehmen und zwei Liebende in den Bund der Ehe zu führen.

Patrick Steinke/Oberbayerisches Volksblatt

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