Verliebt in einen Hof

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Bilder sagen mehr als tausend Worte: Auf dem Irmengardhof in Mitterndorf am Chiemsee versinken schwerkranke Kinder in einer wunderbaren Welt - weit weg vom Kummer und Schmerz, der daheim ihren Alltag prägt.

Gstadt - Die Zeit nach vorn drehen oder anhalten können - wer wünscht sich das nicht? Seit Weihnachten lag Benjamin (14) im Krankenhaus. Dank den OVB-Lesern hat sich nun aber einiges verändert.

Die Zeit nach vorn drehen oder anhalten können - wer wünscht sich das nicht? Seit Weihnachten lag Benjamin, ein 14-jähriger Bub aus München, wegen einer rätselhaften Krankheit im Krankenhaus. Da muss ihm jede Stunde vorgekommen sein wie eine halbe Ewigkeit. Jetzt ist das ganz anders. Auf dem Irmengardhof bei Gstadt hat er sich auf Anhieb verliebt - in das Haus, die Tiere, den See, die Umgebung. Am liebsten würde er die Zeit einfrieren und hierbleiben. Den anderen Kindern geht es genauso.

Die zehn Buben und Mädchen aus dem Raum München sind ein lustiger und aufgeweckter Haufen. Es wird gelacht, gespielt, getobt. Laufend gibt es etwas Neues zu entdecken. Oder "Blümchen" und "Beppo", die zwei Esel auf dem Hof, brauchen eine Streicheleinheit.

Und dann sind da noch die zwei Handpuppen Paco und Fridolin, die der Heilerzieher Heiko Wabnitz mit viel pädagogischem Geschick und schauspielerischem Talent in Szene setzt. Paco war eifersüchtig und hat Fridolin deshalb entführt. Um die kleine Fuchspuppe zu befreien, müssen die zehn Kinder gemeinsam Strategien entwickeln, um Rätsel zu lösen und Hürden zu nehmen. Eine spannende Geschichte ist das. Schließlich ist das Versteck gefunden: Fridolin wird im Sternenzimmer unterm Dachgiebel entdeckt und befreit.

Solch unbeschwerte Momente des Glücks sind aber selten im Leben von Fridolins Rettern. Die zehn Kinder, die auf dem Irmengardhof in Mitterndorf (Gemeinde Gstadt) eine "Auszeit" nehmen und in eine wunderbare Welt eintauchen dürfen, verbindet ein schweres Schicksal. Sie leiden an ebenso seltenen wie schweren Rheuma-Erkrankungen, müssen viele Medikamente schlucken, tun sich schwer mit dem Atmen, Laufen oder Sprechen - der eine mehr, die andere weniger.

Nur Peter, Benjamins kleiner Bruder, ist eine Ausnahme. Er ist zwölf und gesund, durfte aber trotzdem mit in den Chiemgau - sozusagen mit einer "Sondergenehmigung", weil die zwei wegen des achtmonatigen Krankenhaus-Aufenthalts so lange getrennt waren.

Es war eine breite Allianz, die den Kindern diesen Aufenthalt überhaupt ermöglicht hat. In der ersten Reihe: die Björn-Schulz-Stiftung und die Leser der OVB-Heimatzeitungen. Die Stiftung hatte 2010 das Herkules-Projekt angepackt, den seit Jahrzehnten leer stehenden Irmengardhof in eine Ferien- und Nachsorgeeinrichtung für krebs- und schwerstkranke Kinder sowie deren Familien umzubauen. Ohne die OVB-Leser, die im Laufe der Weihnachtsaktion 780 000 Euro spendeten, wäre aus dem Vorhaben wohl nichts geworden.

Seither sind fast zwei Jahre vergangen. Dass der südliche Teil des Dreiseithofs noch umgebaut wird - davon merkt man im Haupthaus nichts, wo sich das Herz der Anlage befindet. Dort haben schon viele Kinder unbeschwerte Tage verbracht - in der Regel zusammen mit ihren Eltern oder anderen Familienangehörigen.

Betreut werden sie auf dem Hof von Sozialpädagogin Agnes Niederthanner aus Nußdorf. Gerade in besonders dramatischen Fällen ist sie nicht nur den Kindern, sondern auch den Angehörigen eine unverzichtbare Stütze - zum Beispiel einer Münchner Familie, die im Juli - quasi im Konvoi mit Vater, Mutter, zwei Kindern, zwei Opas und der Oma - angerückt war, um am Chiemsee Halt und Ruhe zu finden. Das jüngere der beiden Kinder ist an Krebs erkrankt - da brauchen auch die Angehörigen Hilfe.

Das gilt auch für die Zeit nach einem Todesfall. Niederthanner erzählt von einer Familie aus Frankfurt, die im Frühjahr auf dem Irmengardhof neuen Mut und Hoffnung geschöpft hat. Vater und Mutter haben ihren Sohn verloren, die Schwester ihren kleinen Bruder, der mit sechs Jahren den Kampf gegen den Krebs verlor.

Die zehn Kinder aber, die gerade im Säulensaal des Hofs Masken und Kostüme basteln, weil sie Handpuppe Paco zur Gruselparty eingeladen hat, sind ohne ihre Eltern gekommen. Den Aufenthalt im Chiemgau hat ihnen die Münchner Stiftung "Kindness for kids" ermöglicht, die auch zwei Betreuer mitgeschickt hat.

Einer davon ist Heiko Wabnitz, der seit sieben Jahren für die Deutsche Kinderkrebsstiftung arbeitet. "Der Irmengardhof ist ein Traum", sagt er. Schade nur, dass man die Zeit nicht einfrieren kann.

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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