Der verschwundene Riesensee

  • schließen
  • Weitere
    schließen
Reichte von Oberaudorf bis Wasserburg: der Rosenheimer See, der zur Zeit seiner maximalen Ausdehnung so groß wie der Bodensee gewesen sein dürfte. Übrig geblieben ist nur der östliche Zipfel - der heutige Simssee. Grafik lfu bayern

Rosenheim - Einst war er eines der größten Gewässer Mitteleuropas, heute ist nicht mehr viel davon zu sehen. Der sogenannte Rosenheimer See bedeckte zum Ende der Würmeiszeit weite Teile Südostbayerns.

Jetzt haben Geologen eine Karte des verschwundenen Sees erstellt. Der Max-Josefs-Platz in der Rosenheimer Altstadt: Touristen flanieren durch die Fußgängerzone oder sitzen in einem der Straßencafés vor den typischen Rundbögen der bunten Bürgerhäuser. Wohl die wenigsten von ihnen wissen, dass sie noch vor rund 16 000 Jahren auf dem Grund eines Sees mit gigantischen Ausmaßen gesessen hätten.

Rosenheim unter Wasser? Ja, denn zum Ende der Würmeiszeit erstreckte sich der so genannte Rosenheimer See über weite Teile des Alpenvorlandes. Jetzt haben Spezialisten des Landesamts für Umwelt erstmals eine detaillierte Karte des verschwundenen Gewässers angefertigt.

Fundgrube für Geologen: Ein Kalktuff im Albertsberger Bach bei Söllhuben. Beim Austritt aus dem Berg wird das Wasser wärmer, der Kalk fällt aus. Foto niessen

Gut zwei Jahre war Geologe Ernst Kroemer im Rosenheimer Becken unterwegs. Jeden Stein hat er zusammen mit weiteren Wissenschaftlern umgedreht, unter jede Wurzel geschaut, ist durch Brombeersträucher gekrochen und hat Brennessel-Felder durchquert. Insgesamt war er 1000 Kilometer zu Fuß bei Wind und Wetter unterwegs. Immer im Gepäck: Ein Laptop, GPS-Gerät, Spaten und Bohrstock. Der Geologe sieht seine Arbeit mit wissenschaftlicher Nüchternheit. "Die Geländetätigkeit ist sehr befriedigend, man sieht sofort Ergebnisse."

Die Karte, die Landesamts-Geologen jetzt über den See aus der Vergangenheit angefertigt haben, hat für die Gegenwart große Bedeutung. Chefgeologe Roland Eichhorn: Geologische Karten sind für regionale Planungsverbände, Planungsbüros und Kommunen wertvolle Hilfen, wenn es um die Sicherung von Grundwasservorkommen, Bodenschätzen oder die Nutzung von Erdwärme geht." Die Karten werden im Maßstab 1:25 000 erstellt.

Entstanden ist der 420 Quadratkilometer große See, als sich der Inngletscher vor 25 000 Jahren wie ein gigantischer Mörser aus dem Inntal in den weichen Boden des Voralpenlandes gegraben hat. Zum Vergleich: der Bodensee bedeckt heute eine Fläche von 536, der Chiemsee rund 80 Quadratkilometer. Als es wieder wärmer wurde, zogen sich die Eismassen zurück. Übrig blieb ein ziemlich großes Loch, dass sich mit Schmelzwasser füllte.

Roland Eichhorn, Chefgeologe am Landesamt für Umwelt, schätzt die Größe des Gewässers auf die des heutigen Bodensees. Der Grund, warum der noch existiert, sein Pendant bei Rosenheim aber von der Landkarte verschwunden ist, ist simpel. Mit der Zeit füllte sich das Becken mit dem Geschiebe der Alpenflüsse. Zum Schluss waren von der einstigen Tiefe von 300 Metern nur noch klägliche 20 Meter übrig. Den Todesstoß versetzte dem Rosenheimer See vor etwa 12 000 Jahren der Inn. Der Fluss bahnte sich seinen Weg durch die Endmoränenwälle nördlich von Wasserburg. Das Gewässer lief völlig leer. "Wie wenn man den Stöpsel in der Badewanne zieht", sagt Eichhorn.

Heute sind nur noch Überbleibsel des einst gewaltigen Gewässers zu sehen. Zwischen Raubling, Bad Aibling und Bad Feilnbach erstrecken sich noch ausgedehnte Moorgebiete. Sozusagen als letzte Pfütze ist der Simssee übrig geblieben.

Von den drei großen Seen im Voralpenland Südostbayerns - Rosenheimer See, Chiemsee und Salzburger See - ist lediglich das sogenannte bayerische Meer übrig, das vor 10 000 Jahren etwa 300 Quadratmeter umfasste und damit fast viermal so groß war wie heute.

Und der Chiemsee schrumpft weiter, wird von Jahr zu Jahr kleiner. "Hauptursache der Verlandung ist nicht wie vielfach angenommen der Kies, der in der Gewässersohle transportiert wird, es sind die Schwebstoffe, die vor allem über die Tiroler Ache in den Chiemsee gelangen", heißt es auf der Homepage des Wasserwirtschaftsamtes Traunstein. Bei den Schwebstoffen, die überwiegend aus Tirol aus dem Raum Kitzbühel kommen, handelt es sich um feinkörnige Mineralien wie Tone und Sande, die mit dem Wasser transportiert werden - man könnte auch salopp "braune Brühe" dazu sagen.

tg/ni/ls/Oberbayerisches Volksblatt

Zurück zur Übersicht: Chiemsee

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser