Mit Volldampf in eine neue Zeit

Prien - Am 12. August 1860 begann im Chiemgau eine neue Zeit. An diesem Tag fuhr erstmals die Maximiliansbahn auf der neuen Strecke zwischen München und Salzburg.

Die Geschichte der Eisenbahn zwischen Inn, Salzach und Alpen erzählte jetzt Hans Daxer in einem Vortrag der Priener Volkshochschule. Es war der Blick in eine Zeit schneller Dampfloks und einer Region im Wandel.

Sein Opa war Dampflokomotivführer, sein Vater auch ein Eisenbahner. Als Daxer mit Bildern und Filmausschnitten von der guten alten Zeit berichtete, spürten die gut 30 Zuhörer im Musiksaal der Realschule, wie dem Referenten immer wieder das Herz aufging. In seinem Garten in Marquartstein steht ein Relikt aus Bayernwaldgranit: der letzte Kilometerstein der Linie Übersee-Marquartstein, die in den 1970er-Jahren ebenso stillgelegt wurde wie viele andere Nebenstrecken. "Über die heutige Bahn will ich nichts sagen", kündigte er anfangs an und erntete einige Lacher.

Daxer nahm das Publikum mit auf eine Zeitreise ins späte 19. Jahrhundert, als eine "Art Revolution" begann, das damalige Agrarland Südostbayern von Grund auf zu verändern. Reisen wurde plötzlich erschwinglich, das ferne München ebenso für die Chiemgauer erreichbar wie umgekehrt die Menschen aus der Landeshauptstadt zu Touristen wurden.

"Fahren, fahren, fahren" sei die Devise der Eisenbahner der Bayerischen Staatsbahn, ab 1920 der Reichsbahn und ab 1949 auch noch der Bundesbahn gewesen. Zweimal sei im Freistaat mehr oder weniger aus "Schrott" nach Weltkriegen dank des Berufsethos der Eisenbahner schnell wieder ein prosperierendes Verkehrsunternehmen geworden. Eine 72-Stunden-Woche war für Lokomotivführer seinerzeit normal.

Dass die Bayerische Staatsbahn vor dem Ersten Weltkrieg schnelle und elegante Dampfloks baute, belegte Daxer mit zahlreichen Bildern und Daten. Aber sie baute auch die kleinste, die dank eines Trichters, aus dem die Kohlen in den Ofen fielen, von einem Mann allein gefahren werden konnte. Zum Einsatz kam diese Lok zum Beispiel auf der Strecke Prien-Aschau, die 1878 in Betrieb genommen wurde.

Sie war eine von 15 sogenannten Vizinalbahnen im heutigen Freistaat. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort vicinus ab, das auf Deutsch "benachbart" oder "nahe" bedeutet. Ein spezielles Gesetz regelte, dass die Gemeinden den Grund zur Verfügung stellen und die Erdarbeiten selbst durchführen mussten, wenn sie eine solche Schienenverbindung zweier Orte wollten.

1,4 Millionen Goldmark kostete Daxer zufolge der Bau der heutigen Chiemgau-Bahn. Theodor Freiherr von Cramer-Klett, der sich wenige Jahre zuvor in Aschau niedergelassen hatte, zahlte laut Daxer 400.000 Goldmark dazu, um den Bau zu ermöglichen. An den Industriellen, unter anderem Mitbegründer von MAN, erinnert heute eine Gedenktafel am Aschauer Bahnhof.

Weil Kronprinz Ludwig seinerzeit auf Schloss Wildenwart wohnte, entstand der zunächst einzige Haltepunkt auf der Strecke: Umrathshausen-Bahnhof. Seine königliche Hoheit und die Herzogin von Modena gehörten dann im August 1885 auch zu den ersten Passagieren auf der Bahnlinie Übersee-Marquartstein, die ursprünglich geplant und gebaut worden war, um das wertvolle Holz aus den Bergen besser und schneller transportieren zu können. Am Endpunkt der Linie, dem Lokschuppen in Marquartstein, stehen heute die Container des Wertstoffhofs der Gemeinde.

Eine alte Postkarte, auf der ein Zug aus südlicher Richtung ohne Schienen nach Marquartstein hineinrollt, belegt, dass es seinerzeit bis 1890 die Vision gab, eine Gebirgsbahn bis nach Reit im Winkl zu bauen - ebenfalls für Holztransporte.

Das Bergdorf war aber nur für kurze Zeit auf der Schiene erreichbar. 1923 wurde eine Schmalspurbahn von Ruhpolding nach Reit im Winkl in Betrieb genommen, aber schon 1931 wieder eingestellt und knapp zehn Jahre später abgebaut. Auf der Trasse durch den Wald verläuft heute ein beliebter Radweg.

Im Schnelldurchgang skizzierte Daxer anhand von Karten, wie sich die Bahn ähnlich wie ein Spinnennetz im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert immer weitere Landstriche erschloss. Es entstanden unter anderem die Strecken nach Berchtesgaden, Trostberg und zuletzt 1914 von Rosenheim nach Frasdorf.

Die Hauptlebensader des Schienenverkehrs aber war und ist bis heute die Maximiliansbahn, die Strecke München-Salzburg. Ihr Bau war seinerzeit eine große Herausforderung, gerade im Chiemgau.

Nicht nur die Durchquerung der Filze südlich des Bayerischen Meeres, für die Tropenhölzer, Matten und Schlackesteine unter die Gleise gelegt wurden, damit sie nicht im Moor versinken, sondern vor allem das Viadukt in Traunstein über die Traun samt steiler Dämme war Daxer zufolge für die damalige Zeit eine bauliche Meisterleistung.

Von der nostalgischen Stimmung, die Daxer bei seinem Vortrag verbreitete, ist heute nicht mehr viel geblieben. Auch der wohl letzte Schrankenwärter Bayerns in Übersee wird verschwinden, wenn die große Bahnunterführung in der Ortsmitte im nächsten Jahr fertig wird.

db/Chiemgau-Zeitung

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