"Neue Gesetze bringen nichts"

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"Jugendliche Schützen sind ausgeglichener und ruhiger", sagen Gauschützenmeister Bernhard Brehmer und Pressereferent Sebastian Hering mit Verweis auf eine Universitätsstudie. Das Bild zeigt sie am Schießstand der Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft 1617 Prien.

Chiemgau - "Die Knaben sollen zum Schießen angehalten werden, damit sie ihre Zeit und Weil nicht vertreiben unnützlich und damit sie anderen Unfug lassen." So steht es 1434 in einer Schützenrechnung der Stadt München. Ist diese Forderung fast 600 Jahre später noch zeitgemäß? Die Chiemgauer Schützen sind davon überzeugt.

Daran hat der Amoklauf von Winnenden vor drei Monaten nichts geändert.

"Die kranke Welt des Killers" schrieb Mitte März - wenige Tage nach dem unfassbaren Blutbad von Winnenden - eine Boulevardzeitung in großen Buchstaben, darunter ein Bild des Amokläufers Tim Kretschmer beim Training mit dem Luftgewehr im Schützenverein. Wieder einmal wurden die Schützen an den Pranger gestellt. Die Diskussion um Verschärfungen des Waffenrechts halten weiter ein. Was sagen die Schützen selbst dazu? Das OVB sprach mit Schützen im Chiemgau.

Fotoserie: So viele Waffen gibt es in Oberbayerns Landkreisen

So viele Waffen gibt es in Oberbayerns Landkreisen

Eberhard Schuhmann aus Bernau, Bezirksschützenmeister des Bezirks Oberbayern im Bayerischen Sportschützenbund (BSSB), und Bernhard Brehmer, Gauschützenmeister des Schützengaus Chiemgau-Prien, verweisen auf eine wissenschaftliche Untersuchung. Danach sind aktive jugendliche Schützen ausgeglichener und ruhiger, zeigen ein günstigeres soziales Verhalten und sind seltener verhaltensauffällig als ihre Altersgenossen, zitiert Schuhmann aus der Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Die Schützenvereine in der Region leisten eine sehr gute Jugendarbeit", so Schuhmann. Das Schießen biete allen Altergruppen die Chance, lange Jahre und generationsübergreifend sportlich tätig zu bleiben.

Tragödien wie in Winnenden oder andere Amokläufe der Vergangenheit sind in den Augen der Schützen fast immer auf menschliches Versagen und das Nichtbefolgen von geltenden Vorschriften und Gesetzen zurückzuführen, so Schumann. Einen fast Volljährigen von einer solchen Wahnsinnstat abbringen zu können, dazu bedürfe es in der Regel anderer Vorschriften als die Bestimmungen der Sportschützen. "Das deutsche Waffenrecht ist eines der strengsten der Welt", so Siegfried Schulenburg, Waffenreferent des Schützengaus Chiemgau-Prien.

"Würden alle Schützen die gültigen Bestimmungen beachten, könnte es mit legal zugelassenen Waffen nicht zu solchen Verbrechen kommen", so Schulenburg weiter. Doch grob gesetzwidriges Verhalten eines Waffenbesitzers könnten selbst die schärfsten Bestimmungen nicht verhindern. Hauptproblem bleibe auch in Zukunft der illegale Waffenbesitz, nicht der legale der organisierten Sportschützen.

In der "Lübecker Erklärung" habe der Deutsche Sportschützenbund als Dachverband der Schützenverbände klar Stellung zur aktuellen Diskussion um das Waffenrecht bezogen. "Der Sportschützenbund wehrt sich dagegen, dass das sportliche Schießen immer mehr in Frage gestellt wird und die 1,5 Millionen Sportschützen in den Medien als schießwütige Rambos dargestellt werden. Er hat sich nie sinnvollen Maßnahmen zur Erhöhung der öffentlichen Sicherheit verschlossen und wird daran auch weiterhin aktiv mitarbeiten."

Olympische Disziplinen müssten aber weiterhin betrieben werden können, daher könne der DSB ein Totalverbot großkalibriger Waffen nicht unterstützen.

"Es ist keineswegs so, dass jeder losgehen kann, sich nach Belieben eine Waffe zulegen und damit frei in der Gegend herumballern darf", erklären Dr. Helmut Schmelz und Florian Wunderle, die beiden Schützenmeister der Königlich privilegierten Feuerschützengesellschaft 1617 Prien (FSG Prien). Vor den legalen Waffenerwerb habe der Gesetzgeber viele Hürden gestellt: "Der Schütze muss mindestens 18 sein, der Kauf von Großkaliber-Kurzwaffen (Pistolen und Revolver) ist erst ab 25 Jahren möglich. Darüber hinaus sind Zuverlässigkeit, persönliche Eignung und waffentechnische Sachkunde - nach einem Lehrgang mit staatlich kontrollierter Prüfung - nachzuweisen.

Die wichtigste Anforderung sei dabei, dass nach mehrjähriger aktiver schießsportlicher Mitgliedschaft in einem Verein das Bedürfnis zum Besitz einer Schusswaffe nachgewiesen werden muss. Erst dann könne eine Schusswaffe legal erworben werden. Dabei gilt: Wenn etwa der Schützenverein keine Möglichkeit zum Schießen mit großkalibrigen Pistolen oder Revolvern bietet, darf der Schütze auch keine Pistolen oder Revolver erwerben.

Ebenso sei es mit der Munition: Jeder Schütze dürfe nur die zu seinem Sportgerät passende Munition erwerben. Hier gebe es keine Mengenbegrenzung, weil viele Übungen sehr munitionsintensiv sind. "Schießen lernt man nur beim Schießen", so Schulenburg. Das gelte vor allem für Hochleistungsschützen, nur das ständige Üben mit dem Wettkampfgerät mache den Meister: "Die Erfolge der deutschen Biathleten oder der olympischen Sportschützen wären ohne entsprechendes Training nicht denkbar." Was Aufbewahrung und Transport von Waffen und Munition betrifft, gebe es ebenfalls detaillierte Vorschriften - bis hin zur Wandstärke des Tresors.

Laut Schuhmann würden DSB und der BSSB sogar eine Kontrolle der Aufbewahrung der Waffen im Haus der Schützen mittragen - wenn dadurch der Artikel 13 des Grundgesetzes und das Grundrecht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung nicht gefährdet werde.

reh

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