Die Ware wird knapper

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Andrea Pohl, neue Mitarbeiterin im Priener Caritas-Zentrum (links), sortiert mit ehrenamtlichen Helfern die Waren für die Tafel.

Prien (CH-Z) - Vor fünf Jahren öffnete erstmals die "Chiemseer Tafel". Hier bekommen Menschen einmal in der Woche Lebensmittel, die jeden Euro mindestens zweimal umdrehen müssen. Heute hat die Einrichtung der Caritas weit über 200 Kunden, darunter immer mehr Familien.

40 Menschen kamen am Freitag vor dem ersten Adventswochenende 2004 ins katholische Pfarrheim. Heute kommen laut Regina Seipel vom Priener Caritas-Zentrum 100 Tafel-Kunden regelmäßig, die für weitere 50 Personen in ihren Haushalten Lebensmittel abholen. Sie bekommen freitags zwischen 9 und 11 Uhr in der "Alten Post" ein Paket zum symbolischen Preis von einem Euro.

Etwa 40 Prozent der Menschen, die von der Tafel versorgt werden, sind Kinder. "Wir haben zunehmend Familien, bei denen das Erwerbseinkommen nicht mehr ausreicht", berichtet Seipel im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Schlechte Löhne und Teilzeit-Arbeitsverträge sieht sie als Ursachen, dass immer mehr Familien weniger verdienen, als sie durch das Arbeitslosengeld II beziehen würden.

Auch heute noch ist es für viele kein leichter Schritt, Hilfe bei der Tafel zu beantragen und so "ihre Not öffentlich zu machen", weiß Seipel. "Wer irgendwie über die Runden kommt, kreuzt hier nicht auf."

Erst nach Prüfung der Einkommensverhältnisse werden Berechtigungsscheine ausgegeben. Kleinrentner und auch verhältnismäßig viele "dauerhaft Erwerbsunfähige" zählt die Tafel ebenfalls häufig zu ihren Kunden.

Anfang Oktober hat die Caritas im Bad Endorfer Pfarrheim eine "Filiale" eröffnet. Dort sind inzwischen 40 Kunden registriert. Viele Endorfer ziehen es aber vor, freitags nach Prien zu kommen, um ihre Lebensmittelpakete abzuholen. Sie möchten lieber nicht in ihrem Heimatort bei der Tafel gesehen werden.

Erstaunlich ist die große Zahl der ehrenamtlichen Helfer. Über 40 sind es in Prien, mehr als 20 in Bad Endorf. Seipel überrascht die Bereitschaft mitzuhelfen nicht so sehr. Sie kennt die ausgeprägte christliche Nächstenliebe ihrer Truppe und erzählt, dass es viele Helfer nicht verwinden könnten, wenn Lebensmittel weggeworfen würden.

Oft sind es Waren, deren Verfallsdatum kurz bevorsteht oder vielleicht schon leicht überschritten ist, die die Tafel für ihre Klientel bekommt. Etwa 30 Lebensmittelläden und Bäckereien stellen Kontingente zur Verfügung. Allerdings sind die Spenden in den letzten Wochen weniger geworden, weil viele Supermärkte noch genauer disponieren würden und deshalb nicht mehr so viel Waren für die Tafel übrig haben, bedauert Seipel.

Donnerstags machen mehrere ehrenamtliche Teams die Runde und sammeln die Waren ein. In der "Alten Post" werden sie sortiert und je nach Vorrat eine genaue Liste aufgestellt, was für jeden einzelnen Kunden zur Verfügung steht. Dies festzulegen, ist eine der Aufgaben von Andrea Pohl, die seit einigen Wochen hauptberuflich im Priener Caritas-Zentrum ist.

Semmeln, eine Konserve, Milchprodukte, ein Fertiggericht, etwas Wurst, Käse und Gebäck sowie Gemüse und Obst standen zuletzt auf dem Zettel. Es gab Zeiten, da waren die Pakete umfangreicher. Das sorgt auch bei den Kunden für einige Unruhe. Sie sorgen sich darum, dass die unverzichtbare Unterstützung immer spärlicher ausfallen könnte, berichtet Pohl.

Trotz der immensen ehrenamtlichen Unterstützung wäre der Tafel-Betrieb ohne Spenden nicht denkbar. Lieferwagen zur Warenabholung müssen instand gehalten und getankt, die Miete für die Räume in der "Alten Post" bezahlt und immer mal wieder Geräte ersetzt werden. Seipel ist froh, dass die Spendenbereitschaft für diese Einrichtung ziemlich hoch ist - und auch jeden Tag darüber, wenn keiner der Kühlschränke den Geist aufgegeben hat.

Chiemgau-Zeitung

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