"Wir haben unseren Sohn ans Internet verloren"

Seeon-Seebruck - Christine und Christoph Hirte aus Gräfelfing haben ihren Sohn ans Internet verloren. Insbesondere an "World of Warcraft", einem Online-Rollenspiel, in dem es nicht nur um "drollige Gestalten" geht.

Bei der Dekanats-Herbstvollversammlung im Pfarrheim in Truchtlaching, schilderte das Ehepaar vor den Vertretern der Pfarreien die erschütternde Geschichte ihres Sohnes.

Die Eltern haben seit drei Jahren keinerlei Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Jetzt keimt ein Fünkchen Hoffnung auf. In einer E-Mail teilte er den Eltern mit, dass er versuche, von der Spielsucht loszukommen.

Vor rund drei Jahren musste das Ehepaar feststellen, dass es seinen Sohn an das völlig unterschätzte Phänomen, an die Rollenspielsucht, verloren haben. "Wir waren ratlos und völlig verzweifelt und suchten nach einer Erklärung." Ihr Sohn habe zunehmend alle sozialen Kontakte verloren, immer mehr Zeit am PC verbracht und sei bald telefonisch nicht mehr erreichbar gewesen. Er habe sein Studium vernachlässigt und seine Wohnung verwahrlosen lassen, bis er schließlich sein Studium aufgegeben habe und sich exmatrikulieren ließ. Christine Hirte: "Wir haben jeden Kontakt zu unserem Sohn verloren." Für ihn sei nur noch das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" interessant, dessen Herausforderungen in der virtuellen Welt das Ehepaar für höchst suchterregend hält. Aus ihren eigenen Erfahrungen heraus haben die Eltern eine Initiative Betroffener gegründet und das Selbsthilfe- und Suchtprophylaxe-Forum rollenspielsucht.de (http://www.rollenspielsucht.de) ins Leben gerufen. Das Portal macht auf die weitgehend unbekannte Mediensucht aufmerksam und veröffentlicht sehr viele informative Texte.

Hinzu kommen auch Hinweise auf Kliniken und Suchtberatungsstellen und es werden auch Selbsthilfegruppen vermittelt. Dass es sich bei ihrem Sohn um keinen Einzelfall handelte, stellte das Ehepaar anhand der erschreckenden Zahlen heraus. Man gehe inzwischen von 2,8 Millionen Online-Süchtigen aus, von denen bereits 600000 Kinder und Jugendliche seien, für die der PC mittlerweile zum Alltagsleben dazugehöre, der ein Segen, aber gleichzeitig auch ein Fluch sein könne. Der Übergang von exzessivem Mediengebrauch zur Sucht sei fließend und vollziehe sich nahezu unbemerkt in den eigenen vier Wänden.

Die virtuelle Welt der Online-Rollenspiele biete die Möglichkeit, sich in einer Scheinexistenz ein "zweites Leben" aufzubauen. In vielen Fällen fänden die jungen Menschen den Weg nicht mehr zurück. Der Computer werde zur Droge, das reale Leben verliere mehr und mehr an Bedeutung. Um die Kinder, die in das Alter kommen, in dem sie elektronische Medien nutzen, zu schützen, sollen ihren Erfahrungen nach klare Regeln aufgestellt werden: "Kinder sollten keinen frei zugänglichen Internetanschluss haben und schon gar nicht im Kinderzimmer." Wichtig sei auch, sich über alle Spiele zu informieren, die Beschreibung kritisch zu beachten und den Altersangaben zu misstrauen.

Die Zuhörer waren von der Geschichte ergriffen und zugleich schockiert. "Dass man so gefährdet sein kann, konnte ich mir nicht vorstellen", sagte die Vorsitzende des Traunwalchner Pfarrgemeinderates, Frieda Gallinger, der Chiemgau-Zeitung. "Ich bin schockiert."

ga/Chiemgau-Zeitung

Rubriklistenbild: © dpa

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