„Wir haben nie E10 verkauft“

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Bad Endorf - Die Verwirrung an den Zapfsäulen ist komplett: Wer sich gerade an die Aufschrift „E10“ an Zapfsäulen gewöhnt hatte, wird an einigen Tankstellen feststellen, dass wieder umdeklariert wurde.

Manchmal weisen Aufkleber darauf hin, dass an den E10-Säulen doch Superbenzin verkauft wird – zum Preis von E10. Einige Tankstellenbetreiber aus dem Landkreis berichten nun, sie hätten nie den Treibstoff E10 verkauft. Der werde erst im April geliefert.

Die Geschichte von Rudolf O. ist kein Einzelfall - er ist aber einer der wenigen, der sie offen erzählt. Der Besitzer einer Agip-Tankstelle in Bad Endorf meint, das Kopfzerbrechen darüber, ob das eigene Auto E10 verträgt, könnte umsonst gewesen sein. Zumindest bei ihm habe es nie E10 gegeben, obwohl auf Zapfsäulen und auf der Preisanzeigentafel bereits der neue Kraftstoff angeschrieben war: "Wir haben nach der Umdeklarierung gedacht, dass nun E10 geliefert wird, aber das ist nicht passiert." Er habe seinen Lieferanten direkt angesprochen und der habe ihm bestätigt, was auf dem Lieferschein stand: Statt E10 war normales Super geliefert worden. Der Fahrer des Tankwagens habe ihm außerdem gesagt, dass er überhaupt kein E10 dabei habe.

Skeptisch geworden, fragte er bei der Agip-Zentrale in München nach. Dort sei ihm bestätigt worden, dass noch kein E10 verkauft werden könne. Es handele sich um eine Übergangszeit, in der die Tankstellen bereits umgerüstet seien, der neue Treibstoff aber noch nicht angeboten werde. Daraufhin überklebte der Tankstellenbesitzer die E10-Schilder und gab fortan seinen Kunden offen die Auskunft, er habe "noch nie E10 verkauft". Einige Tage hätten Kunden aber unwissentlich Super statt E10 tanken können, so O. "Die Kunden haben den teureren Treibstoff dann zum günstigeren Preis bekommen." Andersherum hätten aber Kunden, die E10 umgehen wollten, grundlos das teurere Super Plus getankt. Rechtlich sei das nicht anfechtbar, die Vorschrift besage nur, dass E10 höchstens zehn Prozent Ethanol enthalten dürfe. Somit könne auch herkömmlicher Treibstoff mit fünf Prozent Ethanolanteil als E10 deklariert werden. "Mir wurde gesagt, ich bekomme erst Anfang April E10," sagt der Tankstellenbesitzer.

"Die meisten Autofahrer wissen das gar nicht, aber so wie ich das sehe, ist in vielen Tankstellen Bayerns E10 noch gar nicht eingeführt," vermutet er.

Der Sprit für die meisten Tankstellen im Freistaat kommt aus den Raffinerien bei Ingolstadt. Die zwei großen dort ansässigen Unternehmen sagen, es wäre bereits E10 geliefert worden. Die Mengen seien aber gering. Auf die Frage, wie viel E10 von Ingolstadt bereits nach Bayern ausgeliefert wurde, heißt es vom Hersteller Petroplus schriftlich, E10 werde seit Ende Januar "zur Abholung bereitgestellt". Der Treibstoff sei in Bayern "mittlerweile flächendeckend in den Raffinerien und Tanklagern verfügbar". Die Absätze seien bisher aufgrund der Verunsicherung der Verbraucher und der schrittweisen Umstellung der Tankstellennetze "deutlich niedriger als erwartet".

Auf die zu frühe E10-Deklaration angesprochen, heißt es bei Eni, der Betreibergesellschaft von Agip, nur der Mineralölwirtschaftsverband beantworte solche Fragen. Dort aber wird an Eni zurückverwiesen.

Andere Tankstellenpächter in der Region haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Einige haben noch kein E10 geliefert bekommen, hatten aber auch noch nicht umdeklariert. Andere sind laut Lieferschein bereits mit E10 beliefert worden und verkaufen den Kraftstoff seit langem. Manche, die von E10 wieder auf Super zurück deklariert haben, behaupten, sie hätten zuvor E10 verkauft.

Ein Einzelfall ist der Bad Endorfer Tankstellenbesitzer nicht. Anonym wird von einer anderen Agip-Tankstelle aus der Region bestätigt, nach der Umdeklarierung ebenfalls auf E10-Lieferungen gewartet zu haben. Diese seien aber nicht gekommen. Und rein technisch seien die schnellen Umstellungen gar nicht möglich. So wäre an einem Tag auf E10 umdeklariert worden, ohne dass zur selben Zeit die Tanks im Boden unter den Tankstellen neu befüllt worden seien oder zumindest E10 beigemischt worden sei. An einem anderen Tag wurde dann auf Super zurück deklariert, ohne dass die Tanks erneut umbefüllt wurden. Mitarbeiter der Tankstelle vermuten, dass die hohen Strafzahlungen, die Betreibern drohen, wenn sie nicht genug E10 verkaufen, zu diesen Praktiken veranlasst haben. Erst als das Super Plus knapp wurde, hätte die Betreibergesellschaft per E-Mail aufgefordert, die Kunden besser zu informieren, damit diese wieder Super tankten. Zuvor aber, so heißt es auch von dieser Tankstelle, wären die Kunden bereits auf Eigeninitiative mündlich von den Tankstellenmitarbeitern informiert worden.

Derweil hat sich bei Rudolf O. immer noch nichts geändert: "Erst gestern war unser Tankwart mit der neuen Lieferung da - wieder ohne E10." Das gebe es erst im April. Seine Aufkleber an den Zapfsäulen, die darauf hinweisen, dass kein E10 aus der Zapfpistole kommt, habe er "aus juristischen Gründen" entfernen müssen.

Nadja Wolf (Oberbayerisches Volksblatt)

Rubriklistenbild: © dpa

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