Bergwacht-Sprecher nach Lawinenunglück am Teisenberg im Interview

"Es ist schon ein mulmiges Gefühl, mit dem man aufsteigt"

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Die Retter vor dem Aufstieg zur Lawinenrettung am Teisenberg.
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Anger - Tragisch endete am Samstagnachmittag ein Ausflug von sechs Skitourengängern aus dem Berchtesgadener Land. Bei der Abfahrt von der Stoißer Alm wurde eine 20-Jährige von einer Lawine mitgerissen und verschüttet. Für die Retter der Bergwacht immer eine Herausforderung, zu einer solchen Rettung aufzubrechen. Vor allem, wenn sie nichts mehr tun können, müssen sie sehr stabil sein.

Es sollte ein gemütlicher Ausflug mit Freunden werden und endete für ein 20-Jährige aus Saaldorf-Surheim tödlich. Die Gruppe war von Neukirchen aus über die Nordwestseite des Bergs aufgestiegen. Nach einem längeren Aufenthalt in der Stoißer Alm wollten die sechs nach Anger abfahren. Dort wollten sie einen Hang queren. "Es ist das einzig steilere Stück in dem Gelände", erklärt Polizeibergführer Andreas Wendl im Gespräch mit BGLand24. "Die Verunglückte folgte dem ersten Fahrer in einem Abstand von 50 bis 60 Metern. Dabei muss sich das Schneebrett gelöst haben."

Die 20-Jährige wurde komplett verschüttet, der Vorausfahrende nur zum Teil und konnte sich selbst befreien. "Lehrbuchmäßig versuchten die fünf Begleiter ihre Freundin zu befreien, setzten den Notruf ab und begannen mit Lawinensuchgeräten zu suchen", so Wendl. "Leider stellte sich heraus, dass das Lawinensuchgerät der Verunglückten ausgeschalten war."

Bergwachthund Enzo fand die Verschüttete nach Sekunden.

Deshalb blieb die junge Frau aus Saaldorf-Surheim gut zwei Stunden unter der Schneedecke begraben, bis Bergwacht-Lawinenhund Enzo die Verschüttete Sekunden nach dem Eintreffen der Bergwacht fand. "Bei zwei Stunden ist die Überlebenschance selbst bei einer großen Atemhöhle minimal", bestätigt Bergwacht-Sprecher Marcus Goebel auf Nachfrage. Auch seine Kameraden der Bergwacht Bad Reichenhall waren genauso im Einsatz wie die aus Berchtesgaden, Freilassing und Teisendorf-Anger. Die insgesamt 12 Retter mussten den Großteil des Weges mit Skitourenski zurücklegen, da ein Hubschraubereinsatz aufgrund des Schnees und des Nebels nicht möglich war.

"Die eigene Sicherheit geht vor"

"Es ist schon ein mulmiges Gefühl, mit dem man aufsteigt", bestätigt Goebel. Immerhin sind die Retter bei Lawinenwarnstufe vier unterwegs in ein Gebiet, in dem sich bereits eine Lawine gelöst hat. "Beim Aufstieg hat man Zeit, sich zu überlegen, wie man vorgeht." Denn eines ist immer klar: "Die eigenen Sicherheit geht vor. Wir haben nichts davon wenn fünf Retter aufsteigen und dann drei Verletzte mehr zu versorgen sind." Deshalb sind die Bergwachtler alle mit ABS-Rucksack und Lawinenpiepser ausgestattet.

Lawinenabgang an Stoißer Alm am Teisenberg

Fokussiert und routiniert gingen die Retter auch bei diesem Einsatz vor. Bargen die Verschüttete und brachten sie, sowie ihre Begleiter ins Tal. Für viele Außenstehende eine Höchstleistung. "Wir gehen immer sehr weit", gibt auch Bergwachtmann Goebel zu. "Das ist aber in so einem Fall durchaus auch psychisch belastend." Deshalb haben auch Rettungskräfte nach so einem Einsatz die Möglichkeit in entsprechender Umgebung mit dem Kriseninterventionsdienst zu sprechen. "Bei einem solchen Einsatz sind dann vor allem 'alte Hasen' und physisch und psychisch stabile Kameraden gefragt."

Damit er und seine Kameraden nicht bald wieder zu einem ähnlichen Einsatz ausrücken müssen, appelliert Marcus Goebel an alle Wintersportler: "Ich als Bergsteiger sehe keinen Sinn, bei der bestehende Gefahr, durch umstürzende Bäume, Lawinen und möglicher Orientierungslosigkeit aufgrund der schlechten Sicht, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Derzeit herrscht eindeutig Kachelofen-Wetter."

Das bestätigt indirekt auch Polizeibergführer Wendl: "Wir haben heute versucht, zum Unfallort aufzusteigen, um ein Schneeprofil zu nehmen und andere Spuren zu sichern. Über Anger ist es durch Schneewurf unmöglich und bei den widrigen Wetterverhältnissen und einer Sicht von unter fünf Meter ist es derzeit unvertretbar, dort aufzusteigen."

Die Lawinenwarnstufe vier von fünf besteht nach wie vor.

Quelle: BGland24.de

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