Marktdiktatur oder sozialökologischer Umbau der Landwirtschaft?

Podiumsdiskussion in Freilassing: Artenvielfalt braucht ökologisches Wirtschaften

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Freilassing - In einem Podiumsgespräch diskutierten die Vertreter alternativer Landwirtschaft, Gertraud Gafus und Leonhard Strasser mit dem linken Bundestagskandidaten Norbert Eberherr über Fakten, Lösungsvorschläge zur Krise der Landwirtschaft und des fairen Handels in Zeiten der Globalisierung.

Zu Beginn zeigte der Globalisierungsexperte Prof. Dr. Georg Auernheimer einige Fakten zur Forderung nach Fair Trade auf: „Es geht  nicht nur um Importe von Lebensmitteln, Textilien oder Holz, sondern um die europäische, sprich hiesige Landwirtschaft, die mit den Exporten von Fleisch und Milchpulver z.B. die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Afrika kaputt macht, weil sie zu Wachstum gezwungen wird.

Beim Milchmarkt z.B. hat die Politik die Voraussetzungen für einen funktionierenden Markt, wie ihn die Wirtschaftswissenschaft formuliert, längst verspielt. Statt allen Käufern und Verkäufern freien Zugang zum Markt zu ermöglichen, liegt die Marktmacht bei den großen Einzelhandelsketten, die alle Bedingungen diktieren“, so Auernheimer.

Deshalb sei eine staatliche Marktintervention unverzichtbar, um die Produktionsmenge zu steuern und den Erzeugern einen kostendeckenden Milchpreis zu sichern. „Ansonsten geht das Höfesterben und die Verödung der Dörfer weiter“.

Gertraud Gafus, bis letztes Jahr noch Bundesvorsitzende der ABL, freute sich, dass sich die Linke zunehmend mit Landwirtschaft beschäftigt. „Denn es geht um das zentrale Thema: Was essen, trinken, atmen, sehen wir und wie leben wir?

Artenvielfalt braucht ökologisches Wirtschaften

Melkroboter und riesenhafte Maschinen zerstören die Landschaft und vernichten Arbeitsplätze. Es braucht viele Hände, viel Hirn und ich appelliere an die persönliche Verantwortung: Welche Auswirkungen hat mein Handeln.

Aber auch politisch müssen wir was ändern: Schmeißt Nestle raus aus Afrika, denn das ist ein fruchtbarer Kontinent, wenn die weg sind“, so Gafus. Leonhard Strasser vom Agrarbündnis ergänzte: „Fairer Handel braucht fairen Umgang miteinander und mit den Bauern auf dieser Welt und Verantwortung für unsere Nachkommen.

Denn mit den billigen Preisen verkaufen wir die Zukunft, es zählt nur noch das Geld und nicht mehr die Arbeit. Seit 30 Jahren redet die Politik und der Bauernverband uns Bauern ein: Wachsen oder weichen. Deshalb müssen wir was verändern, damit es besser wird und die Politik fordern. Wir müssen nach oben treten, nicht nach unten“.

11 Mio. Tonnen  Lebensmittel pro Jahr auf dem Müll

Angelika Schuster vom Weltladen Laufen nannte Bedingungen für fairen Handel: „Menschen in aller Welt müssen von ihrer Arbeit leben können. Die jetzige Überproduktion zeigt eine mangelnde Wertschätzung gegenüber den Dingen, was zur heutigen Wegwerfmentalität führt. Es ist ein Skandal, dass in Deutschland pro Jahr 11 Mio. Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen und anderswo Menschen millionenfach verhungern“.

Es geht anders: Der Weltladen garantiere den Erzeugern einen festen Preis unabhängig vom jeweiligen Weltmarktpreis und stütze so die ökologische Landwirtschaft.

„Wir kaufen darüber hinaus zu 90% Waren aus biologischer Landwirtschaft“ stellte Angelika Schuster fest. Norbert Eberherr verurteilte die derzeitige Politik der EU und in Deutschland zugunsten des Profits der globalen Konzerne: „Unter dem sozialökologischem Umbau der Landwirtschaft verstehen wir unter anderem die Förderung nachhaltiger Erzeugung gesunder Lebensmittel und regionaler Vermarktungsstrukturen, Verbot von Patenten auf Lebensmittel und Saatgut.

STOPP für weitere Globalisierung und Freihandelsabkommen

Wir fordern Stopp weiterer Globalisierung und sog. Freihandelsabkommen z.B. die jüngste Kumpanei der EU mit globalen Konzernen in Afrika, die zur weiteren Zerstörung der dortigen Landwirtschaft führen. Bauernland gehört nicht in Investorenhand - nicht hier und nicht weltweit.“, erklärte Eberherr.

In der Diskussion stellten die Podiumsteilnehmer und Besucher sehr konkrete Forderungen an die Politik auf, aber auch um persönliche Verhaltensänderungen. Prof. Auernheimer reicht ein Appell an die Verbraucher nicht: „Die Politik ist gefordert“. Das meinte auch Frau Soyoye-Rothschädl aus Salzburg, die entsprechende Gesetze forderte, um die Gängelung der Landwirtschaft mit fragwürdigen Fördermaßnahmen zu beenden.

Plan B - Persönlich handeln, wo es geht

Gertraud Gafus hielt der alleinigen Hoffnung auf die Politik entgegen: „ Wenn da aber so schnell nichts kommt, brauchen wir einen Plan B, um nicht zu resignieren. Also persönlich handeln, wo es geht. Und es geht einiges, wenn an den Landwirtschaftsschulen das Richtige vermittelt würde und nicht falsch beraten würde“.

Auch Angelika Schuster verwies auf Erfolge in Laufen mit Workshops an den Schulen die vom Weltladen initiiert werden. „Jeder kann beim Einkauf fragen: Wo kommen die Lebensmittel her, wo kommen die Futtermittel her. Warum werden in Biogasanlagen Lebensmittel vernichtet?“

Leonhard Strasser setzte sowohl auf Sensibilisierung der Bevölkerung, aber auch auf Druck von unten auf die Politiker: „wenn Minister Brunner das Fernziel „20% Bioprodukte“ ausgibt, sage ich: Wir brauchen 100% Ökologie“.

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass die 6 Mrd. Fördergelder in der Bundesrepublik Deutschland völlig falsch vergeben würden, denn „nicht die Flächen der industriellen Landwirtschaft, sondern die ökologischen Herstellungsweisen müssten gefördert werden und Abgaben auf Gifte, Spritzmittel und Bodenverunreinigung erhoben werden.

Hias Kreuzeder erinnerte an den Art. 153 der bayerischen Verfassung: “Die selbständigen Kleinbetriebe und Mittelstandsbetriebe in Landwirtschaft, Handwerk, ... sind in der Gesetzgebung und Verwaltung zu fördern und gegen Überlastung und Aufsaugung zu schützen“. Dagegen verstoße die CSU-Regierung seit Jahrzehnten in verbrecherischer Weise.

Dass sich am Ende alle Teilnehmer einig in der Kritik an der kapitalistischen Fehlentwicklung in der Landwirtschaft waren und Auflagen und Kontrollen der Agrarkonzerne forderten, überraschte Norbert Eberherr von den Linken doch etwas. „Aber es reicht halt nicht, uns nur Recht zu geben, wir müssen auch gewählt werden, damit der Druck auf die etablierten Politiker groß genug wird, endlich grundlegend ihre jetzige Agrarpolitik zu ändern. Da ist keine Stimme verschenkt“, schloss Eberherr die Diskussion.

Pressemitteilung Agrarbündnis TS/BGL

Quelle: BGland24.de

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