Hochwasser 2013:

„Der Saalach mehr Raum geben“

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Erich Prechtl: „Wir müssen den Flüssen mehr Raum geben“

Freilassing - Die Infoveranstaltung des Bund Naturschutz zur Hochwasser-Katastrophe 2013 fand beim Rieschen-Wirt statt. Kritisiert wurde das Krisenmanagement der Behörden:

Brennpunkt Eisenbahnbrücke

„Was waren mögliche Ursachen für die Hochwasser-Katastrophe vom vergangenen Juni in Freilassing und welche Konsequenzen müssen daraus gezogen werden?“ Die Bund Naturschutz-Ortsgruppe hatte zu einer Informationsveranstaltung zum Rieschen-Wirt eingeladen, um sich mit dieser komplexen Fragestellung zu beschäftigen.

Erich Prechtl, ein exzellenter Kenner der heimischen Fließgewässer, versuchte mit Unterstützung von Grafiken die Ausgangssituation zu beschreiben und Lösungswege für einen effizienten Hochwasserschutz zu umreißen. „Wir wollen heute keine Schuldigen suchen, sondern sachlich informieren“, begrüßte Ortsgruppen-Vorsitzender Michael Behringer die zahlreichen Besucher, unter ihnen auch viele Stadträte. Mit einer Reise 10.000 Jahre zurück, ins Postglazial, begann Erich Prechtl seinen Vortrag. Anschaulich erklärte er die Entstehungsgeschichte der Salzburger Beckenlandschaft. Nach Ende der Eiszeit seien durch Ablagerungen allmählich die Flusstäler von Salzach und Saalach entstanden. Die das heutige Landschaftsbild prägende Terrassenlandschaft habe sich vor etwa 6.000 Jahren durch die allmähliche Eintiefung der Flusstäler entwickelt. „Der schwer betroffene Freilassinger Stadtteil Freimann, liegt auf der als Alluvium bezeichneten untersten Terrasse“, stellte Prechtl den Bezug zum Juni-Hochwasser her. Bei einem kurzen Grundkurs in Sachen Flussmorphologie erklärte Prechtl, welche Kräfte bei einem Fließgewässer wirken und welch gewaltige Energien bei einem Hochwasser freigesetzt werden.

Was sind die Ursachen für Hochwasserereignisse? Als für die hiesige Region zutreffende Bedingungsfaktoren zählte Erich Prechtl auf: Starkregen auf wassergesättigten Böden, Rodungen im Bergwald, Windwürfe, Kahlschläge für Schipisten, Begradigung und Kanalisierung von Flüssen und Bächen, Entwässerung von Mooren und Feuchtgebieten. Nach diesen allgemeinen Betrachtungen ging der Referent auf die speziellen Bedingungen an der Saalach ein. Auf einer Grafik konnten die Versammlungsteilnehmeranschaulich erkennen, welche Retentionsräume der Fluss mit seinen Seitenarmen und Nebengewässern im Mündungsbereich ursprünglich hatte. Ab 1822 habe man mit der Begradigung des 102 Kilometer langen Gebirgsflusses begonnen. Als markanten Eingriff bezeichnete Prechtl die 1913 fertiggestellte Talsperre in Kilbing. „Ab dort zählt die Saalach zu den am stärksten beeinträchtigten Flusslandschaften Bayerns“. Fehlender Geschiebedurchlass habe dazu geführt, dass sich die Saalach flussabwärts immer tiefer eingegraben hat. Begradigung und Geschieberückhalt hätten beispielsweise zwischen 1920 und 1999 bei Flusskilometer 0,6 eine Eintiefung von 4,50 Metern verursacht. Bei einigen der insgesamt zwölf Querbauwerke zwischen Saalachsee und Kraftwerk Rott sei zudem noch keine oder nur eingeschränkte biologische Durchgängigkeit gegeben.

Wie war die Situation am 2. Juni des vergangenen Jahres? Als Schwachpunkt ortete Erich Prechtl die Eisenbahnbrücke Freilassing. „An der Brücke, die für eine Durchlasskapazität von 930 Kubikmetern pro Sekunde ausgelegt ist, sind am 2. Juni, gegen 6 Uhr früh an die 1.100 Kubikmeter aufgelaufen.“ Als Folge sei flussaufwärts, bis zur Rampe Kilometer 4,6, das Wasser über die Ufer getreten und habe sich seinen Weg nach Freilassing gesucht. Welche Energie dabei freigesetzt wurde, zeigte ein Bild von Flusskilometer 3,4. Auf Höhe der Schäferhunde-Vereinsanlagen wurden die massiven Uferbefestigungen total abgetragen. Inwieweit die Abläufe am Kraftwerk Rott das Hochwassergeschehen beeinflusst haben, wollte Prechtl nicht beurteilen. „Bisher war es nicht möglich, Einblick in die diesbezüglichen Protokolle zu erhalten.“ Festzuhalten sei allerdings, dass die Bauweise der Wehranlage große Energie im Unterlauf freisetzte und dort zu massiven Uferabrissen führte. Wie kann ein effizienter Hochwasserschutz für Freilassing aussehen? „Breitwasser statt Hochwasser“, Referent und Versammlungsteilnehmer waren sich darin einig, dass an der Schaffung von Retentionsräumen kein Weg vorbeiführt. Die hochwassergefährdeten Wohngebiete von Freilassing müssten durch einen Damm gesichert werden, der an der B 20 entlangläuft und am Bahndamm Richtung Eisenbahnbrücke einschwenkt. Beim bevorstehenden Bau des dritten Gleises müsse dabei auf eine hinreichende Standfestigkeit der Dammanlagen geachtet werden. Der Kolkschutz, das seien konstruktive Maßnahmen, die ein Unterspülen der Pfeiler an der Eisenbahnbrücke verhindern, müsse abgesenkt werden, um die Scheitelhöhe zu verringern und einer Verklausung entgegenzuwirken.

Auch der Hochwasserschutz zwischen Eisenbahnbrücke und Kraftwerk Rott, im Bereich der Saalachsiedlung, müsse angepasst, und seine Standfestigkeit überprüft werden. „Um den gleichen Schutz auf beiden Seiten der Saalach zu gewährleisten, müssen selbstverständlich alle Maßnahmen eng mit unseren österreichischen Nachbarn abgestimmt werden“, forderte Erich Prechtl abschließend. In der lebhaften, aber stets sachlich geführten Diskussion fragte Ludwig Unterreiner nach etwaigen Kraftwerksplänen an der Salzach. „Die Pläne ruhen derzeit“, gab Erich Prechtl Auskunft und wies darauf hin, dass die Salzburger mit der Anlage eines Auen-Parks „Nägel mit Köpfen machen“. Edeltraud Rilling plädierte für die Schaffung von Retentionsflächen und meinte, „jeder Einzelne kann zum Hochwasserschutz beitragen, indem die Versiegelung von Flächen vermeidet.“ Heftige Kritik am Krisenmanagement des Landratsamtes und der Stadt Freilassing kam Von Florian Löw und Wolfgang Hartmann: Seit Tagen sei von den Wetterdiensten auf das Starkregenereignis hingewiesen worden, ohne dass die zuständigen Behörden im Vorfeld und in der Katastrophennacht angemessen reagiert hätten. „Da ist manches verbesserungswürdig“, merkte Löw sarkastisch an.

nh

Quelle: BGland24.de

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