Menschen in Kirchanschöring wünschen sich „Campus für Kinder“

Erster Bürger und Bürgerinnenrat stellt innovative Ergebnisse zur Kinderbetreuung vor

Bürger und Bürgerinnenrat Kirchanschöring
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Hinten (v.l.): Karin Klinger, Bettina Gaiser, Robert Patz, Heribert Gschirr, Thomas Wallner; Mitte (v.l.): Gertraud Hofmann, Sylvia Köberle, Gabriele Huber, Christina Schuhbäck; Vorn (v.l.): Anton Magreiter, Sandra Lehmhofer, Helmut Schmid (Nicht im Bild: Karina Obermayer, Stefan Windfellner)

Kirchanschöring - Kürzlich fand in der Aula der Kirchanschöringer Grundschule der dritte Tag des ersten Bürgerrats zum Thema „Ausbau der Kinderbetreuung“ statt.

Die 15 per Los ausgewählten Räte stellten ihre an zwei Tagen erarbeiteten, innovativen wie zukunftsweisenden Ideen und Lösungen in einem Bürger-Café weiteren interessierten Bürger der Gemeinde vor. Alle konnten dann während der Vormittagsveranstaltung mitreden und in drei Diskussions-Runden in der Turnhalle die vorgestellten Konzepte bewerten und miteinander weiterentwickeln. So entstand am Ende ein buntes Bild, wie sich die Kirchanschöringer zukünftig die Betreuung und Entwicklung ihrer Kinder vorstellen und die Weichen für ihre Jüngsten stellen wollen.


Hans-Jörg Birner, Kirchanschörings Erster Bürgermeister, war durch die Gemeinwohl-Ökonomie auf diese Idee gekommen und hatte den Bürgerrat als Bürgerbeteiligungs-Instrument in seiner Gemeinde angeschoben. „Bürgerbeteiligung gibt es ja in allen möglichen Formen schon recht lang“, erklärt er seine Entscheidung für dieses neue Format, „der Bürgerrat ist eine besondere Methode, die es in unserer Region so noch nicht gibt. Er ist neu, daher war es auch für uns eine ganz spannende Geschichte, ob er hier bei uns überhaupt funktioniert.“

Sylvia Köberle, Christina Schuhbäck und Helmut Schmid, die als Bürger an dem gesamten Prozess von zweieinhalb Tagen in drei Wochen teilgenommen haben, zeigten sich sehr zufrieden mit dem Ergebnis und erlebten die Arbeit mit den anderen Bürgern als respektvoll, kreativ und wichtigen Bestandteil gelebter Demokratie.


„Ich wurde von der Gemeinde angeschrieben und habe mich sehr gefreut, auch ohne eigene Kinder am Bürgerrat zu diesem Thema teilnehmen zu dürfen“, sagt Christina Schuhbäck, „Ich fand gut, dass nicht nur Menschen mit Kindern da waren, sondern Menschen aller Altersstufen, mit verschiedenen Berufen und eigenen Erfahrungen und Hintergründen.“

Helmut Schmid, Vater von Kindern im Schulalter, ist ebenfalls überzeugt vom ersten Kirchanschöringer Bürgerrat. „Man geht mit einer fertigen Meinung in dieses Gremium und denkt, genau das will ich sagen“, beschreibt er schmunzelnd sein Erleben, „Dann sagt ein anderer was. Dabei vergisst man die eigenen Gedanken wieder und denkt auf einmal etwas ganz Neues. Dann kommen weitere Ideen und Impulse, das ist Teil der Methode. Und so habe ich ein paar Mal meine Sicht komplett geändert.“

Sylvia Köberle, Mutter mittlerweile erwachsener Kinder, ergänzt: „Was ich noch ganz wichtig an der Methode finde, ist, dass die Leute ausreden konnten. Das war am Anfang sehr schwer. Man brennt ja, man möchte was sagen. Wenn andere viele Ideen haben, muss man so lang warten“, sagt sie schmunzelnd. Das war am zweiten Tag schon einfacher, das war ein Lernprozess. Und es ist ja auch wichtig, dass jeder etwas sagen darf. Auch wenn einer eine andere Meinung hat, dann darf der das sagen. Das war mir sehr wichtig.“

Der Bürgerrats-Prozess mit Dynamic Facilitation, einer dynamischen Moderationsform, basiert auf den Überlegungen des Amerikaners Jim Rough, der einen sog. „Wisdom Council“, also „Rat der Weisen“, entwickelt hat. Diese Art der Bürgerbeteiligung bietet einen Raum für das freie Fließen der Gedanken. Das Format eignet sich für alle Themen, die in einer Kommune und bei der Bevölkerung wichtig sind und brennen, wie beispielsweise die Entwicklung von Verkehrskonzepten, Ideen zur zukünftigen Mobilität, Konzepte für das Altwerden der Zukunft, Beantwortung von Klimafragen, die Zukunft Landwirtschaft oder auch die Integration der Meinungen von Kindern und Jugendlichen in einem eigenen Rat. Ziel ist immer die Lösungsfindung bei komplexen Fragestellungen und Aktivierung der Kreativität und Weisheit der Vielen. Auch wenn Situationen konfliktbeladen sind und es scheinbar keine Einigung geben kann, greift dieses Format und entwickelt zumeist einmütige Lösungen.

„Durch die Methode war es ein respektvoller Umgang untereinander. Man hat sich immer wohlgefühlt und so gemerkt, dass die eigene Meinung trägt. Das hat den ganzen Denkprozess vereinfacht“, fügt Christina Schuhbäck an, „weil man nicht die Blockade gehabt hat, wenn ich jetzt was sage, dann denken alle, das passt nicht, also sage ich es lieber nicht. Doch jeder hat immer gesagt, was er denkt, was er fühlt und alle anderen haben es akzeptiert und zugehört. Und das hat diese extrem positive Dynamik entwickelt.“  

Der erste Kirchanschöringer Bürgerrats-Prozess wurde von den Moderatorinnen Tanja Schnetzer und Cordula Riener-Tiefenthaler sowie am dritten Tag auch mit Moderator Franz Galler begleitet. „Wir als Moderatorinnen öffnen den Raum, damit Menschen wieder denken dürfen und die Schranken in ihren Köpfen lösen“, erklärt Projektleiterin Tanja Schnetzer das Vorgehen, „wir sorgen dafür, dass der Raum offen bleibt, dass alles gesagt und gedacht werden darf. Es war ein unglaublich kreatives Miteinander hier in Kirchanschöring, die Ideen sind gesprudelt. Man musste niemanden fordern, sondern es war eher die Frage „wann bin ich endlich dran“, es war ein energetisches Miteinander.“ Cordula Riener-Tiefenthaler ergänzt: „Wenn ein Raum geschützt ist, können Menschen große Ideen miteinander entwickeln. Man muss ihnen nur den Raum zur Verfügung stellen. Es war heute im Bürger-Café so spürbar, dass der Geist und die Verbindung, die in der gemeinsamen Arbeit zwischen den Bürgerräten entstanden ist, auch auf die Bürger, die heute zum ersten Mal von den Ergebnissen gehört haben, übergesprungen ist.“ Durch die Methode entsteht ein Miteinander, das die Kreativität und Lösungskompetenz der Beteiligten einholt.

Die Frage, ob sie auch bei anderen Themen wieder an einem Bürgerrat teilnehmen würden, beantworteten die drei Bürgerräte mit einem klaren: „Ja, definitiv, weil das Format einfach super ist!“. Sie empfehlen es auch jedem anderen Bürger, denn ihrer Meinung nach ist das eine Möglichkeit zu gelebter Demokratie. „Wir hoffen, dass bei einem nächsten Mal noch viel mehr Menschen an einem Bürgerrats-Prozess und vor allem am dritten Tag teilnehmen werden, um sich mit ihren Ideen und ihrer Kreativität für Kirchanschöring einzubringen“, erklärten Sylvia Köberle, Christina Schuhbeck und Helmut Schmid unisono.

Hans-Jörg Birner, der mit seiner Gemeinde schon oft neue Wege in der Regionalentwicklung gegangen ist, zeigte sich sehr zufrieden mit dem ersten BürgerratsProzess in seiner Gemeinde. „Es sind sehr konkrete Empfehlungen zur Verbesserung von Verkehr und Infrastruktur sowie zur Gestaltung der Betreuungszeiten entstanden“, fasst er die Ergebnisse zusammen, „Darüber hinaus wurden Ideen für zukünftige, pädagogische Konzepte und vor allem die Vision eines „Campus für Kinder“ mitten in unserem Dorf entwickelt. Ich halte viele Inhalte für umsetzbar und freue mich schon sehr auf die Realisierung!“

Die Ergebnisse des Prozesses werden die Bürgerräte nun noch in einer gemeinsamen Sitzung dem Gemeinderat vorstellen. Anschließend wird über die nächsten Schritte der Umsetzung beraten und entschieden. Das Projekt wurde vom Amt für Ländliche Entwicklung gefördert.

Caruso

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